Rezension: Sparrows

SparrowsDas Leben als Teil einer Dorfjugend hat etwas erstaunlich Universelles. Wo auch immer Heranwachsende in einem Umfeld aufwachsen, in dem es für sie keinen wirklichen Platz oder nur wenig zu tun gibt, fliehen sie vor der von Erwachsenen geschaffenen Welt. Es zieht sie zu Drogen, Alkohol und Sex, vor allem aber zueinander. Von dieser adoleszenten Parallelwelt erzählt Rúnar Rúnarssons zweiter Film Sparrows.

Teenager Ari (Atli Oskar Fjalarsson, Jitters – Schmetterlinge im Bauch) schien der Einöde seiner kleinen, provinziellen Heimatstadt eigentlich schon längst entkommen. Doch als seine abenteuerlustige Mutter mit ihrem neuen Freund auf Afrikareise geht, muss er das weltoffene Reykjavik widerwillig verlassen und zu seinem alkoholkranken Vater Gunnar (Ingvar Eggert Sigurðsson, Metalhead) zurück ziehen.

Doch den Heimgekehrten erwartet mehr als nur sein Vater, harte Arbeit, die liebevolle Großmutter und das alte Zimmer: Auch Jugendfreundin Lára (Rakel Björk Björnsdóttir) begrüßt ihn mit offenen Armen. Selbst nach den langen Jahren der Trennung verbindet die beiden noch vieles, vielleicht ist es sogar Liebe. Doch Aris Wiedersehensfreude verfliegt schnell, als er ihren gewalttätigen und eifersüchtigen Freund kennenlernt. Immerhin schließt er bald neue Freundschaften, mit denen er das trostlose Leben zwischen Fjorden und zerklüfteten Berglandschaften etwas fröhlicher gestalten kann.

Über knapp zwei Drittel der Laufzeit hinweg funktioniert Sparrows wie eine sehr klassische Coming-of-Age-Geschichte: Ari lebt, liebt und leidet munter vor sich hin, die gewohnten Konventionen des filmischen Entwicklungsromans werden abgehandelt. Oft entsteht der Eindruck, der Regisseur habe einfach einen vorgefertigten Lückentext des Subgenres mit eigenen Orten und Charaktereigenschaften gefüllt – das Erwachsenwerden als „Malen nach Zahlen“-Set. Hochs und Tiefs wechseln sich ab. Humor, Tragik und Melancholie teilen die Spielzeit fair untereinander auf. Vater und Sohn missverstehen einander ein ums andere Mal, finden aber doch irgendwie zueinander – etwa beim gemeinsamen Lästern über Castingshows. Immer wieder lässt Rúnarsson seinen schlaksigen Protagonisten mit den tief hängenden Schultern in weitläufigen Panoramaaufnahmen verschwinden, um seine Einsamkeit hervorzuheben. So weit, so unspektakulär.

Sparrows

Doch plötzlich (eigentlich wartet man bereits auf das unweigerlich bittersüße Ende) bricht der Film mit sich selbst. Als wäre von Anfang an geplant gewesen, die latente Gewalt des isländischen Hinterlandes zu entlarven, bricht eine Welle von Leid und Schmerz über die Figuren hinweg, auf die bis zu diesem Zeitpunkt nichts hingedeutet hat. Nur mit viel gutem Willen kann man im Gezeigten einen Kommentar auf die Brutalisierung und Abstumpfung der Unterschicht durch die Not in der Finanzkrise erkennen. Natürlich ist es ein grobschlächtiger Dunstkreis, in dem die Handlung sich entspinnt, doch was Rúnarsson entfesselt, wirkt wie die soziologische Version von From Dusk Till Dawn.

Leider rettet dieser plötzliche Schritt in die Düsternis das bestenfalls mittelmäßige Drama nicht. Die Schockwirkung reicht gerade noch aus, um das Publikum aus dem Halbschlaf zu reißen und einige möglicherweise interessante Moralfragen aufzuwerfen. Hätte Haydn die große Überraschung seiner Paukenschlagsinfonie bis zum letzten Satz aufgespart, sie hätte wohl nie denselben Weltruhm erlangt. Der tonale Wandel wirkt nicht einmal wie Absicht, sondern als hätte der Regisseur einfach die Wirkung seines Films falsch eingeschätzt. Wo Ari in seinen Konzerten fehlerfrei abliefert, mischen sich in Rúnarssons Komposition immer wieder ärgerliche Missklänge. Es bleibt eine unangenehme Dissonanz, ein schaler Beigeschmack. Sparrows ist sicherlich ein Film, der nachwirkt. Das allein ist noch kein Qualitätsmerkmal: Für den Kater nach einer durchzechten Nacht gilt dasselbe.

(zuerst erschienen bei kino-zeit.de)

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