Rezension: The Here After

The_Here_After_posterDer Eingangsbereich der Jugendstrafanstalt gleicht durch seine zwei massiven Türen der Luftschleuse einer Raumstation. Tatsächlich muss sich John (Ulrik Munther) wie ein Wesen von einem fremden Planeten fühlen, als er zwei Jahre nach dem Mord an einer Mitschülerin wieder in sein Heimatdorf zurückkehrt. Die Nachbarn halten Abstand, viele Klassenkameraden, sogar sein ehemals bester Freund Kim, begegnen ihm offen feindselig. Ob die Gefängnistore die Welt vor ihm beschützt haben oder es anders herum war, ist unklar, denn schon bald beginnt die Situation zu eskalieren. Somit stellt der schwedische Regisseur Magnus von Horn mit seinem Debütfilm The Here After die Frage, ob manche Verbrechen jemals wirklich vergeben werden können.

Das kühle, minimalistische Drama erzählt seine Geschichte in ganz allmählich immer höher schlagenden Wellen von zuvor unterdrückten Emotionen, die sich plötzlich ihre Bahnen brechen. In der ersten Hälfte des Films betont von Horn das Unausgesprochene und Unsichtbare. Immerzu hält er wichtige Informationen im Off, jedes Bild scheint eine Leerstelle in sich zu tragen. Oft wird durch Fenster oder Glastüren gefilmt und die Dialoge sind nur gedämpft zu hören. Sie sind vage, kommunizieren wenig. Eine Möglichkeit, anderen Menschen wirklich näher zu kommen, stellen sie praktisch nie dar. Was gesagt wird, ist weniger wichtig als das, was sich keiner zu sagen traut. Wer spricht, wird im Bildkader isoliert, der Regisseur verweigert den Gemeinschaftsraum der Zweiereinstellung. Die geschlossenen Kompositionen deuten an, dass Johns Gefangenschaft nie an Räumlichkeiten oder Bewegungsfreiraum gebunden waren, sondern einen inneren Zustand darstellt.

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John zieht wieder bei seinem herrschsüchtigen Vater (Mats Blomgren) und seinem kleinen Bruder ein. Wo seine Mutter ist (ob sich die Eltern getrennt haben, ob sie möglicherweise verstorben ist), kommt nie zur Sprache. Sein Großvater wohnt ebenfalls bei ihnen und trägt noch weiter zur ohnehin angespannten Stimmung bei. Die Familie versucht, wenigstens eine Inszenierung von Normalität aufrecht zu erhalten, doch die ostentativ dargebotene Angst ihrer Mitmenschen macht Alltag unmöglich.

Das Szenario erinnert an Thomas Vinterbergs Die Jagd, nur dass die Empathie des Zuschauers hier deutlicher herausgefordert wird. John trägt eine Schuld, er gibt seinen Mord offen zu, doch Reue sehen wir von ihm nicht. Ulrik Munthers Schauspiel bleibt fast den ganzen Film über sehr intern. Seine Bewegungen sind vorsichtig, seine Mimik gibt nur selten seine Gefühlsregungen frei. Der Film unternimmt nie wirklich den Versuch, ihn zu vermenschlichen. Man wird mehr mit der Idee eines Menschen, dem nicht verziehen wird, als mit dem Menschen selbst konfrontiert. Er bleibt lange eine Projektionsfläche für die Haltung des Zuschauers. Erst als deutlich wird, dass sogar seine eigene Familie schwere Zweifel an ihrer Loyalität zu ihm hegt, wird sein Aggressionspotential deutlich.

Das Opfer bleibt namenlos, ihr Leid bekommt vor allem durch ihre Mutter Bea (Ellen Mattsson) ein Gesicht. Als sie John das erste Mal nach seiner Freilassung begegnet, geht sie auf ihn los, doch danach verschwindet sie bis zum Ende fast ganz aus dem Film. Im Mittelpunkt steht dann die Liebesbeziehung zwischen John und der Außenseiterin Malin (Debütantin Loa Ek), die sich von seiner Aura der Gefahr gleichzeitig abgestoßen und angezogen fühlt. Ihr Blick kommt jenem, den Magnus von Horn auf seinen Protagonisten wirft, am nächsten: ambivalent, abwägend, tastend, suchend.

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Seiner Kernfrage nähert sich der Film durch das Ausschlussverfahren: Er diskreditiert überzeugend die Rache- und Lynchmob-Justiz, die sich viele der Dorfbewohner wünschen. Daran, dass der Junge, der John anspuckt und für ihn die Todesstrafe fordert, im Unrecht ist, lässt er keinen Zweifel. Doch auch jeder Versuch, den Täter zu lieben und einfach zum Status quo zurückzukehren, stellt sich als weltfremdes Wunschdenken heraus. Nicht jede Emotion ist automatisch ein irrationales Argument, das Allgemeinplatz gewordene „die Ängste der Menschen ernst nehmen“ wird als Notwendigkeit gezeigt. In Magnus von Horns Film schaffen Gefühle harte Fakten.

Eine finale Antwort bietet der Film nicht, nur einen letzten Ausbruch, gefolgt von diffuser Ruhe. Das Ende bietet, wie alles davor, eine Komposition des Unausgesprochenen. Darum geht es von Horn wohl: Das Schweigen muss gebrochen werden. Die Lücken im letzten Urteil zu füllen, obliegt dem Zuschauer.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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