Rezension: Evolution

evolution„Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht!“, heißt es in der Schöpfungsgeschichte. Die Evolution gilt zwar allgemein als Gegenmodel zur biblischen Lehre, doch auch Lucile Hadzihalilovics Horror-Drama Evolution beginnt auf ähnliche Weise: Licht schlägt auf die Meeresoberfläche und es entsteht das Bild eines gewaltigen, göttlichen Auges, das von der Leinwand herabblickt. Das Auge – das Sehen und Erkennen – durchzieht den Film wie ein Leitmotiv.

Er beginnt sogar schon mit einer Entdeckung: In einem Meer, so lebendig wie die prähistorische Ursuppe, entdeckt der junge Nicolas (Max Brebant) die Leiche eines Altersgenossen. Es ist ein Fund, wie man ihn aus David Lynchs Blue Velvet kennt – einer, der die Welt entzaubert und als eine Fassade entlarvt. Der Junge lebt in einer außergewöhnlichen Kommune; eine Art verlassenes Fischerdorf, das nur von erwachsenen Frauen und kleinen Jungen bewohnt wird. Ob es irgendwo auf der Erde erwachsene Männer oder Mädchen gibt, ist ungewiss. Es ist ein medizinisches Matriarchat. Nicolas und seine Freunde bekommen von den Frauen mit leeren, andersartigen Gesichtszügen merkwürdige Medikamente verabreicht, deren Wirkung sie nicht kennen. Statt gewöhnlicher Nahrung werden ihnen Schlamm und Würmer vorgesetzt. Oder sind es etwa doch Nudeln in Soße?

Nicolas scheint mehr zu kennen als die Insel: Immer wieder zeichnet er in seinen Block Objekte, die dort eigentlich nicht vorkommen. Auch das Bild einer Frau mit lockigen roten Haaren will ihm nicht aus dem Kopf gehen. Seine „Mutter“ (Julie-Marie Parmentier) erklärt sowohl seinen Leichenfund als auch die Zeichnung zur kindlichen Phantasie. Doch er beschließt, die Wahrheit über die Inselgemeinde in Erfahrung zu bringen, in der er lebt – und stößt dabei auf düstere Geheimnisse.

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Über eine Dekade nach ihrem Langfilmdebüt Innocence nimmt sich Hadzihalilovic ein weiteres Mal der Schilderung einer isolierten Gemeinde an, deren Leben von streng ritualisierten, fast sektenartigen Verhaltenskodizes definiert wird. Der Unterschied ist, dass die Dynamik der Geschlechterkonstellationen noch einmal stärker in den Mittelpunkt tritt: Die medizinischen Versuche der Frauen verdichten sich zu einem Widerstand gegen die Natur. Mit kräftiger Unterstützung der Evolution wird jede althergebrachte Wahrheit über das gesellschaftliche und biologische Geschlecht fortgewischt.

Grenzen verschwimmen und weichen diffuser Unschärfe, die nicht unmittelbar einzuordnen ist. Ob diese Entwicklung zu begrüßen oder zu verdammen ist, darüber will die Regisseurin kein finales Urteil sprechen. Sie schildert lediglich unbarmherzig die Rache an der Logik der göttlichen Schöpfung und die daraus erwachsenden Konsequenzen. Im späteren Verlauf der Handlung schlagen sich diese Entwicklungen auch in groteskem Bodyhorror nieder, der zwei psychologische Urängste auf unangenehme Weise zusammenführt – die vor den körperlichen Veränderungen der Pubertät und der Schwangerschaft. David Cronenberg lässt grüßen.

Ohnehin ist Evolution eine dieser Seherfahrungen, die so einzigartig sind, dass sie zu der permanenten Suche nach Vergleichsfilmen einladen. Wenn die „Mütter“ des Dorfs in nächtlichen Fackelprozessionen flackernde Schatten an die Häuserwände werfen, sind Platos Höhlengleichnis und damit auch vergleichbare Geschichten wie Shyamalans The Village, Lanthimos‘ Dogtooth oder Cronenbergs eXistenZ nicht fern. Mit dieser Hervorhebung des menschlichen Blicks ist Evolution auch ein Film über das Kino selbst – jedes „es werde Licht“ zeigt Gläubigen und Filmvorführern, was sie verbindet. Die hellen Strahlen auf der Leinwand, die vom Wasser wie durch Linsen gebrochen werden, treffen auf die des Bildprojektors und stellen eine Verbindung zwischen Innen und Außen her.

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Solche Befreiungsparabeln und Traumlogik verbinden sich mit kargen, realistisch anmutenden Bildern ärmlicher Schauplätze zu einer faszinierenden Gemengelage von geradezu hypnotischer Wirkung. Jesús Días‘ und Zacarías de la Rivas düstere Filmmusik sowie Manuel Dacosses wirkungsvolle Breitband-Fotografie entführen in eine düstere Parallelwelt. Vor allem die Unterwasser- und Nachtaufnahmen sind von furchterregender Schönheit.

Evolution ist ein verstörender, andersweltlicher Film, dem fast jede Erkenntnis mühsam abgerungen werden muss. Es ist eine ambivalente Geschichte über Menschen, die sich nicht festlegen lassen wollen. Nur in seiner letzten Einstellung lässt das Drama sich zu einer enttäuschenden Eindeutigkeit hinreißen, der es nicht bedurft hätte. Doch bis zu diesem Zeitpunkt sind alle Ansprüche auf Deutungshoheit ohnehin längst pervertiert und entkräftet. Nach der Reise durch die Untiefen der menschlichen Psyche wird schließlich ein neuer Ort erreicht. Doch seine Existenz macht keinen der vorausgehenden Alpträume ungeschehen, wenn nicht sogar das Gegenteil der Fall ist. Es gibt schon längst kein Zurück mehr.

(zuerst erschienen bei kino-zeit.de)

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3 Gedanken zu “Rezension: Evolution

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