Filmfestival San Sebastian 2015: Vordergründige Schwächen und verborgene Perlen

Für die Pilger auf dem Jakobsweg mag San Sebastian nur ein Zwischenstopp sein, für Cineasten aus aller Welt ist die Stadt im Baskenland der Wallfahrtsort der Wahl. Viele der Spielstätten des Festival Internacional de cine de San Sebastián, das vom 18. bis zum 26. September zum 63. Mal veranstaltet wurde, erinnern an Gotteshäuser: Das Victoria-Eugenia-Theater im opulenten Neorenaissance-Stil gleicht einer Kathedrale, das Teatro Principal einer dezenten Kapelle und der große Menschenmassen fassende Kursaal einer amerikanischen Megachurch. In der Altstadt von Donostia stehen die Kino-Tempel unmittelbar neben den tatsächlichen. Angesichts dieses klerikalen Charakters erscheint es fast ironisch, dass das diesjährige Motto des Filmfestivals ausgerechnet von Galileo Galilei stammen soll: „Und sie dreht sich doch!“.

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(Festivalposter San Sebastian. Copyright: Filmfestival San Sebastian)

Während die Regionalwahlen in Katalonien, die einen Tag nach Ende des Festivals abgehalten werden, wirklich etwas verändern könnten, ist der Festivaljahrgang 2015 nicht unbedingt weltbewegend. Der düstere Thriller Regression von Alejandro Amenábar bot nicht den gewohnten Glamour-Charakter eines Eröffnungsfilms, wurde jedoch vom Publikum überwiegend positiv aufgefasst. Zehn Tage später ließ das Serienmord-Musical London Road, mit dem das Festival schloss, die Zuschauer ein wenig verwirrt zurück. Dazwischen gab es mehr als 200 Filme in 15 Kategorien zu sehen, wobei ein besonderer Schwerpunkt – wenig überraschend – auf Beiträgen aus der hispanophonen Welt lag.

Den Kern des Filmfests bildeten die 18 Filme des Hauptwettbewerbs. Trotz einiger bemerkenswerter Beiträge waren die eindeutigen Höhepunkte eher rar gesät. Ein klarer Favoriten für die Goldene Muschel kristallisierte sich nicht heraus, die spanische Tageszeitung El Mundo urteilte: „Im schwach besetzten Hauptwettbewerb hatte sich kein Film für den Sieg empfohlen.“ Letztendlich vergab die Jury unter Leitung der dänischen Schauspielerin Paprika Steen den Hauptpreis des Festivals an das isländische Jugenddrama Sparrows von Rúnar Rúnarsson. Der zweite Langfilm des Regisseurs erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte in Zeiten der Finanzkrise: Als seine Mutter auf Afrikareise geht, muss der sechzehnjährige Ari in sein Heimatdorf zurückkehren und sich mit seinem alkoholabhängigen Vater auseinandersetzen.

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(Filmstill aus Sparrows. Copyright: Filmfestival San Sebastian)

Für ein internationales Festival, das sich die Veränderung der Welt durch das Kino auf die Fahne geschrieben hat, ist es eine merkwürdig isolierte Wahl: Das bedächtig erzählte Drama wirkt gleichzeitig zu spezifisch in seiner thematischen Reichweite und zu allgemein sowie konventionell in Bildsprache und Form, um Gewinner eines Festivals mit solch hehren Zielen zu sein. Es ist kein Film, der etwas bewegen könnte – die versammelte Presse konnte er nicht einmal zum (eigentlich obligatorischen) Applaus animieren. Ein Gewinner, der wohl nicht sonderlich lange in Erinnerung bleiben wird.

Mutiger wäre es gewesen, innovative Genrebeiträge wie Lucile Hadzihalilovics Horrordrama Evolution oder Ben Wheatleys zornigen Monumental-Trash High-Rise auszuzeichnen. Während die französische Antwort auf Under the Skin immerhin den Sonderpreis der Jury und (verdientermaßen) den Preis für die beste Kameraarbeit erhielt, ging die britische Romanadaption gänzlich leer aus. Als bester Regisseur wurde Joachim Lafosse für The White Knights ausgezeichnet, die belgisch-französische Ko-Produktion erzählt von einer NGO, die versucht, 300 Waisenkinder vor dem Bürgerkrieg im Tschad zu retten. Zu den besten Schauspielern wurden Ricardo Darin und Javier Cámara für den Crowdpleaser Truman von Cesc Gay gekürt, als beste Schauspielerin Yordanka Ariosa für Augusti Villarongas höchstens solides City of God-Echo The King of Havana. Beides sind Verlegenheitsentscheidungen in einem Feld, das wenig darstellerische Glanzpunkte bot.

Nicht nur an solchen Entscheidungen konnte man ablesen, dass die wirklich interessanten Filme des Jahres anderswo gezeigt wurden, auch der Qualitätsunterschied zwischen dem Wettbewerb und der Best-of-Kategorie Perlak („Perlen“) unterstreicht deutlich, wieso San Sebastian nicht den Stellenwert der Festspiele von Cannes, Venedig oder der Berlinale besitzt: Filme wie die Tour de Force des Béla-Tarr-Schülers László Nemes`Son of Saul, Jia Zhangkes multigenerationales Drama Mountains May Depart (gemeinsam mit Hirokazu Kore-Edas Our Little Sister mit dem Publikumspreis ausgezeichnet) oder auch Jafar Panahis bereits mit dem Goldenen Bären ausgezeichneter Taxi Teheran hätten mühelos über die anderen Beiträge triumphiert.

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(Filmstill aus Son of Saul. Copyright: Produktion/Verleih)

Deutlich attraktiver waren auch die Lateinamerika-Schau Horizontes Latinos, die abwechslungsreiche Sammelkategorie Zabaltegi und der New-Directors-Wettbewerb. Vielversprechende Filmemacher wie Rudi Rosenberg, dessen Jugendfilm The New Kid mit dem Award der Newcomer-Sparte bedacht wurde, aber auch Sebastián Brahm (der nachdenkliche Sex Life of Plants) oder Peter Grönlund (das Sozialdrama Drifters) versprechen neue Stimmen des internationalen Kinos zu werden. Ciro Guerras Cannes-Erfolg Embrace of the Serpent vermochte auch das Publikum in San Sebastian zu überzeugen. Die größten Stärken der Veranstaltung zeigten sich also an der Peripherie.

Gleichzeitig konnten etablierte Größen wie Alexander Sokurow mit dem im Louvre angesiedelten Essayfilm Francofonia oder Jem Cohen mit dem erstaunlichen Bildgedicht Counting beweisen, dass auch für avantgardistisches Kino ein respektables Festivalpublikum existiert. Ohnehin: San Sebastián schafft kollektive Sehräume für ungewöhnliche Erfahrungen. Einen Film wie Evolution im Kursaal mit einer Masse von fast zweitausend Menschen zu sehen, die wohl in etwa den Gesamtzuschauerzahlen in Deutschland bei der Veröffentlichung entspräche, ist einzigartig.

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(Filmstill aus Counting. Copyright: Produktion/Verleih)

Besonders aufregend war zudem gerade eine Spielart des Kinos, die auf internationalen Festivals eher selten eine große Rolle spielt: der Animationsfilm. Charlie Kaufmans existentielles Puppentheaterstück Anomalisa, Mamoru Hosodas Anime-Parabel The Boy and the Beast, die düster-depressive Graphic-Novel-Adaption Psiconautas und das antikolonialistische Hybridwerk One Day I Saw 10.000 Elephants – gerade das vermeintlich Irreale kam der Wirklichkeit am nächsten.

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(Filmstill aus The Boy and the Beast. Copyright: Produktion/Verleih)

In der internationalen Wahrnehmung leidet das Festival von San Sebastián vor allem unter zwei Problemen: Das kurz zuvor stattfindende Toronto International Film Festival kann nicht nur mit mehr aufmerksamkeitsheischender Starpower und Glamour, sondern vor allem auch mit einem ungleich breiteren Programm aufwarten. Die internationale, vor allem aber die amerikanische Presse blickt nach Kanada für potenzielle Oscarkandidaten – gerade der Publikumspreis Grolsch People`s Choice Award gilt als wichtiger Indikator für die Academy Awards.

San Sebastián kann (vor allem auch finanziell) in Sachen Prominenz und Vielfalt einfach nicht mithalten. Zu einer Verweigerungshaltung gegenüber Aufmerksamkeitsökonomie und Eventkultur, zu einem eindeutigeren Bekenntnis zur einzigartigen Filmkunst kann sich das Festival jedoch auch nicht durchringen. Man wäre gerne sowohl Zirkus als auch Theater, doch Löwen und Elefanten sind teuer.

(Offizielles Festivalvideo Highlights – 2015)

Das größte Herausstellungsmerkmal des Festivals sind seine Einbindung in den spanischen Sprachraum und die einzigartige Atmosphäre. Die Begeisterung für das Kino im Speziellen und Kultur im Allgemeinen ziehen sich durch die gesamte Stadt. Im nordöstlichen Teil von San Sebastián liegt neben jedem Museum ein Kino und neben jedem Theater eine Kirche. Dazwischen gibt es wundervolles Essen und freundliche Menschen. Dass San Sebastián im Jahr 2016 eine der Kulturhauptstädte Europas wird, erscheint absolut folgerichtig. Und wenn im nächsten Jahr zusätzlich zu den Nebenkategorien auch der Hauptwettbewerb wieder überzeugen kann, gibt es keinen Grund mehr für Kinogläubige, nicht wieder und wieder ins Baskenland zu pilgern.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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