Knochenbrecher, Krankenschwestern und Textwilderer – Über die Macht der Fans

Donald A. Gorske hat in seinem Leben über 25.000 Big Macs gegessen und beabsichtigt nicht, in nächster Zeit damit aufzuhören. Im Laufe der letzten 40 Jahren haben sich Verpackung, Preis und sogar die Rezeptur dutzende Male geändert, doch Gorske ist dem McDonalds-Burger immer treu geblieben. Er stellt keine Ansprüche, fordert keine Innovationen und Veränderungen oder eine Rückkehr zur Originalrezeptur, seine Liebe ist bedingungslos. Er ist ein Fan.

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(Filmstills aus Misery (Copyright: 20th Century FOX), Almost Famous (Copyright: Sony Pictures) und Supersize Me (Copyright: Prokino))

Stephen King ist einer der meistgelesenen Autoren aller Zeiten und hat sich in Interviews mehrfach als das „literarische Äquivalent des Big Macs“ beschrieben. Doch wenn er über Fans schreibt, haben diese meist wenig gemeinsam mit dem genügsam konsumierenden Gorske. Kings Urteil fällt wenig schmeichelhaft aus, er wurde unmittelbar mit den düsteren Seiten des Fantums konfrontiert. Schon das Wort wirkt entlarvend: Gerade einmal sechs Buchstaben trennen den harmlosen Fan vom gefährlichen Fanatiker. Auf der einen Seite stehen die Enthusiasten und Liebhaber, zu denen wir uns wohl alle irgendwo zählen: Fast jeder fühlt sich zu irgendeiner Sache (sei es ein Fußballverein, ein Musiker, eine Serie oder ein Franchise) ausreichend hingezogen, um sich als Fan zu verstehen. Auf der anderen Seite stehen die Zeloten und Eiferer; Fanatismus verbinden wir vor allem mit Religion und politischen Ideologien.

Kings Roman Sie, von welchem 1990 unter dem Originaltitel Misery auch eine Verfilmung erschien, schlägt die Brücke zwischen den beiden Extremen. Es ist die Gesichte des Autoren Paul Sheldon, der mit seiner Fortsetzungsgeschichte Misery große Erfolge feiert. Nach einem Autounfall gerät er in die Fänge einer mehr als leidenschaftlichen Anhängerin: Die Krankenschwester Annie Wilkes kann nicht akzeptieren, dass er die Hauptfigur im letzten Band der Reihe einfach sterben lässt und will ihn gefangen halten, bis er ein Ende zu Papier bringt, welches mehr nach ihrem Geschmack ist. Dabei greift sie zu drastischen Maßnahmen: Nachdem Sheldon versucht zu fliehen, bricht sie ihm kurzerhand mit einem Vorschlaghammer die Beine. „Trust me“, versucht sie den Schriftsteller zu beruhigen: „It’s for the best.“ Knochen splittern. Auch sie ist ein Fan.

(Ausschnitt aus Misery)

In ihrer Figur versucht King darzustellen, dass begeisterte Anhänger einer Sache immer zwei Gesichter haben. Fan zu sein bedeutet, etwas zugleich verehren und beherrschen zu wollen; es sowohl zu eternisieren als auch zu zerstören, um die Bruchstücke nach eigenem Gusto neu anzuordnen. Fans sind für ihre Idole manchmal besorgte Krankenschwestern und manchmal zornige Knochenbrecher. Sie können Künstler retten und am Leben erhalten, sie aber auch sedieren und in ihren Möglichkeiten des Ausdrucks einschränken. Texte kreieren virtuelle Räume, in die wir uns vor der unbeherrschbaren Welt flüchten können. Doch was, wenn auch diese außer Kontrolle geraten und sich in eine Richtung entwickeln, die dem jeweiligen Enthusiasten missfällt?

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(Désirée Nosbusch in Eckhart Schmidts Psychothriller Der Fan (1982); Copyright: CMV-Laservision)

Dass Fans in solchen Fällen zornig gegen ihre Idole vorgehen können, wissen wir schon seit mehr als 100 Jahren. Man denke nur an Arthur Conan Doyle, welcher – ganz wie Paul Sheldon – seiner populärsten Figur irgendwann überdrüssig wurde. Doch als der Kopf hinter Detektiv Sherlock Holmes diesen 1893 in der Geschichte Das letzte Problem gemeinsam mit seinem Erzfeind, dem gerissenen Professor Moriarty, die Schweizer Reichenbach-Fälle hinabstürzen lässt, reagieren seine Anhänger erbost: Conan Doyle erhält Briefe voll mit wüsten Beschimpfungen. Das Magazin, in dem die Geschichten erschienen waren, verlor zahllose Abonnenten. Wenige Jahre später beugte sich der Schriftsteller dem Druck, ließ seinen Helden von den Toten auferstehen und setzte die Reihe fort.

Was Ende des 19. Jahrhunderts noch eher ein Einzelfall war, ist heute durchaus etwas Alltägliches geworden: Fans begegnen Künstlern heute mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein, sie sind oft die härtesten Kritiker. Erst in der vergangenen Woche erwies sich Jem and the Holograms, die Filmadaption der gleichnamigen Cartoon-Serie aus den 1980er Jahren, als einer der größten Flops aller Zeiten. Als einen Hauptgrund benannten Journalisten, wie mit den Fans der Vorlage umgegangen wurde: Erst hatte man sie um ihre Mitarbeit und Vorschläge gebeten, um dann nach und nach alle Erwartungen zu enttäuschen. Zwischen der ersten Ankündigung und der Veröffentlichung lagen lange Monate voller negativer Berichterstattung – das Scheitern des Films war eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Filme wirken, weil sie uns frustrieren. Sie bieten kontrollierten Kontrollverlust: Vor unseren Augen verlaufen Ereignisse, auf die wir keinen unmittelbaren Einfluss haben – es bleibt nur die Möglichkeit, sich zum Gezeigten zu positionieren, es zu werten, deuten und einzuordnen. Jede Geschichte ist für die Figuren Schicksal. Egal, wie oft wir einen Film ansehen, sie werden dieselben Fehler machen. Niemand kann durch die Leinwand greifen. Wahrscheinlich ist das einer der Gründe, warum man zum Fan wird: Enthusiasten machen das Fiktionale zum Teil ihrer Lebenswirklichkeit. Zitate, Merchandise, Fanfiction – die meisten Aspekte des Fantums geben dem ursprünglichen Text einen neuen Rahmen und eine neue Bedeutung für den Alltagsgebrauch, sie werden zum subkulturellen Erkennungszeichen und Distinktionsmerkmal.

(Trailer zu Jem and the Holograms)

Nicht nur Fälle wie der von Jem and the Holograms zeigen, dass wir in einer Welt leben in der Fans für die Filmindustrie und -kultur von großer Bedeutung sind: Die erfolgreichsten und präsentesten Veröffentlichungen unserer Zeit sind Teile gewaltiger Franchise-Konstrukte, die eine große Menge von Enthusiasten langfristig an sich binden. Die erfolgreichsten Filme der vergangenen 15 Jahre gehörten zu großen Reihen: Jurassic World, The Avengers, Fast & Furious 7, Iron Man 3, Toy Story 3, Transformers: Ära des Untergangs, The Dark Knight, diverse Teile von Herr der Ringe, Harry Potter und Fluch der Karibik. Die einzigen Ausnahmen bildeten Einzelstücke wie Inception und Avatar, wobei James Cameron für seine SciFi-Geschichte längst drei weitere Teile angekündigt hat. Oft wird dieser Umstand als Ergebnis mangelnder Kreativität in Hollywood gewertet. Das mag der Fall sein, doch vor allem bieten bekannte Reihen eine feste Basis an Fans, die (weitestgehend) vorhersehbare Konsumentscheidungen treffen und deren Zahl durch Fanclubs, Foren und soziale Medien relativ gut messbar ist. Sie sind eine gute Grundlage für Risikominimierung und generieren Werbung, ohne dass dadurch zusätzliche Kosten entstehen würden.

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(Filmstill aus Avengers: Age of Ultron; Copyright: Walt Disney Germany)

Damit ein Film zum Kultobjekt werden kann, muss er, laut Umberto Eco „[…]eine vollständig eingerichtete Welt bieten, so dass seine Fans Charaktere und Episoden zitieren können, als wären sie Teil des Glaubens einer Sekte[…].“ Die miteinander verknüpften Filmuniversen, die seit dem Erfolg von Marvel immer populärer werden, bieten genau das: „eine eigene Welt“, welche die Fans „ganz für sich allein“ haben.

Das Nerdige und Nischige ist im Blockbuster-Kino heute die Regel. Einige der größten Talente unserer Zeit widmen sich Fantasy-, Science-Fiction- und Comicfiguren, die vor wenigen Jahrzehnten vom Mainstream bestenfalls belächelt wurden. Wir stehen am gegenwärtigen Endpunkt einer Entwicklung, welcher Henry Jenkins (der Leiter des Lehrstuhls für „Communication, Journalism, Cinematic Arts and Education“ an der University of Southern California) einen großen Teil seines Lebens gewidmet hat. In Fans, Bloggers and Gamers: Exploring Participatory Culture erzählt er die Geschichte eines Siegeszugs: Frustriert durch den Argwohn und die Ablehnung, die er als erklärter Popkultur-Fan in den 1980er Jahren erfahren musste, schrieb er 1992 das Buch Textual Poachers: Television Fans and Participatory Culture, welches ein neues Bild seiner Subkultur zeichnen sollte. Klischees wie das des Fans als hirnlosen Konsumenten setzte er die Figur des Textual Poacher(etwa: Text-Wilderer) entgegen, der Originale umdeutet, sie sich aneignet und damit neue Bedeutung schafft. In der Summe ihres Handelns erkannte er eine aktive Partizipations-Kultur, die im Kontrast zur passiven Konsumenten-Kultur (oder eben der Massenkultur, später Kulturindustrie) steht.


(Fan und Akademiker: Henry Jenkins; Copyright: Derzsi Elekes Andor / CC BY-SA 3.0 / Public Domain via Wikimedia Commons)

Was vor 20 Jahren noch eine kontroverse These war, erscheint heute so offensichtlich, dass man schwer wiedersprechen kann: Studios sind sich bewusst, wie bedeutsam Fans für den Erfolg vieler Filme sind. Die Zahl der Fälle, in denen Fans, entweder als Einzelperson oder als Teil einer Community, eine mehr oder weniger unmittelbare Rolle bei einem der vielen Produktionsschritte einer neuen Veröffentlichung spielen, wächst stetig.

Bevor Peter Jackson seine Herr-der-Ringe-Trilogie drehte, wurde er bei der Fangemeinde vorstellig: Über Internetforen und die damals besonders populäre Nerdkultur- und Kinoseite Ain’t It Cool News profilierte er sich als Kenner der Materie und zerstreute so die Bedenken der Tolkien-Liebhaber. Nicht erst seitdem ist der Kotau vor der Fan-Basis und das Etablieren der eigenen Nerd-Kredibilität ein wichtiges Ritual für viele Blockbuster-Regisseure geworden. (Das liegt auch daran, dass in einer durch Blogs und Videoplattformen diversifizierten Medienlandschaft viele der wichtigen Gatekeeper Figuren aus ebendieser Szene sind – Figuren wie Harry Knowles von Ain’t It Cool News, die zuerst Fans und erst dann Journalisten sind. Heute hat er selbst Probleme mit dem Umfeld, welches er mitgestaltet hat.)

(Trailer zu Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht)

Ein gutes Beispiel ist das gesamte Marketing um Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht: Jedes Foto von den Sets und jeder Trailer, der von Regisseur J. J. Abrams und seinem Team an die Öffentlichkeit weitergeleitet wurde, kann als Akt des vorrauseilenden Gehorsams gewertet werden. Anderthalb Jahrzehnte der Reaktionen auf George Lucas‘ verhasster Prequel-Trilogie hatten deutlich klar gemacht, was Fans nicht sehen wollten: Wo die CGI-Effekte kritisiert wurden, präsentiert Abrams stolz Modelle und handgemachte Effekte, wo zuvor kindergerechte Aufbereitung und alberne Figuren wie Jar Jar Binks lamentiert wurden, präsentierte man Gravität.

Oft sind Regisseure heute sogar selbst Fans, deren Fortführungen großer Reihen an Fanfiction gemahnen. Die Generation von Jenkins „Textwilderern“ hat in vielen Fällen den Gang durch die Institutionen getätigt und führt ihre Umdeutung bestehender Texte nun mit Studiobudgets fort. Sie wissen (oder glauben zu wissen) was Fans wollen, weil sie sich selbst zu ihnen zählen.
Natürlich werfen diese neuen Bedingungen Fragen auf: Wird hier wirklich auf die jeweilige Fangemeinde gehört, oder will man ihr nur das entsprechende Gefühl geben, um sich die daraus resultierenden Vorteile zu sichern? Ist der neue Status Quo also nicht, dass man heute auf sie hört, sondern dass man gelernt hat, sie zu beherrschen?

(Eine andere Frage, die man sich stellen könnte: Ist es überhaupt wünschenswert, das Fans Produkte beeinflussen, die für alle gedacht sind? Gibt es nicht auch „bad fans„? Solche, die sichegoistisch an Nostalgie und ihr Bild einer Geschichte klammern und somit ihre Kindheitserinnerungen heiligsprechen?)

Eine eindeutige Antwort wird man nur schwer finden können. Auch in Zeiten des Sony-Hacks kann man nur vermuten, wie die Entscheidungsprozesse innerhalb der Studios genau aussehen. Dass nach außen kommuniziert wird, man nehme die Wünsche der Fans ernst, bedeutet noch nicht viel. Die Übergänge sind fließend, und es können auch beide oben geschilderten Szenarien zugleich gelten. Sicher ist jedoch: Das klassische Bild des Publikums zersplittert immer weiter, schon 2011 verkündete Filmkritiker Mark Harris das Ende des Four-Quadrant Movie. Die Trennung von Zielgruppen nach Alter und Geschlecht ist längst zu unpräzise geworden, um die Realität zu beschreiben (sie war es wohl immer). Jede Produktion ist heute ein komplizierter Balanceakt, ein Film muss gleichzeitig allgemein und spezifisch sein, Experten und Neueinsteiger ansprechen.

Die Reaktionen und Wünsche der Fans sind ein weiterer von vielen Faktoren. Entscheidend wird, so zynisch es auch klingen mag, auch auf lange Sicht die Frage der Ticketverkäufe bleiben. Multinationale Konzerne mit Milliardengewinnen sind keine persönlichen Freunde und auch keine Partner, die bei der Verwirklichung von Fanträumen helfen wollen.

Die gegenwärtige Situation erinnert an Cameron Crowes Drama Almost Famous – Fast berühmt: Wie der fünfzehnjährige Jungjournalist William Miller ist die Fankultur irgendwo zwischen Verehrung und kritischer Auseinandersetzung mit ihren Idolen gefangen. Auf der Skala zwischen Fan und Fanatiker, zwischen dem weitestgehend anspruchslosen Burgermampfer Don Gorske und Kontrollfreak Annie Wilkes steht der Schüler, der zur Berichterstattung mit einer Rockband auf Tour geht. Er ringt mit sich selbst, lässt sich verführen und an der Nase herumführen. Er durchläuft mit seinen Vorbildern dieselben Schleifen von Konflikt und Versöhnung, die auch die Beziehung zwischen Fans und Studios bzw. Künstlern heute oft prägen. Weder Verbrüderung noch offene Feindseligkeit führt eine der beiden Seiten wirklich weiter.

Positive Obsessionen können unser Bild eines Films erweitern: Fans sind eine neue Art von Spezialisten, der bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Aca/Fans (so bezeichnet Henry Jenkins Enthusiasten wie sich selbst, die ihre Liebe auch durch kritische Auseinandersetzung ausdrücken) eröffnen neue Perspektiven, gegenüber denen man sich nicht verschließen sollte.

Doch unreflektierte Fetischisierung, die zu stellenweise(!) fragwürdigen „Ereignissen“ wie dem Back To The Future Day oder dem Force Friday (ein Tag, an dem in der Praxis Star-Wars-Plastikspielzeug gefeiert wird), Fanboy-Allüren und bestimmte Ausprägungen von Fan-Theorien sollten als Pervertierungen eines ursprünglich sicher wertigen Wunsches nach Selbstermächtigung gegenüber der Popkultur gewertet werden.

Auch wenn die Liebe von Fans etwas Besitzergreifendes haben kann, handelt es sich immer noch um Liebe – etwas von dem wir, so kitschig es auch klingen mag, in dieser Welt eher mehr brauchen als weniger. Es gibt viele Dinge, in denen man Bedeutung suchen und finden kann – Musik, Religion oder sogar Burger. Geschichten zählen sicher zu den wundervollsten. Die Grenzen der Kontrolle innerhalb von Kunst müssen wir akzeptieren – und die außerhalb immer aufs Neue ausloten.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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