Rezension: Spectre

SPEC_Teaser-Plakat_A3-300dpi_1400Bond ist Bond ist Bond – ein Ritual, ein unsterblicher Mythos, eine aus dem kalten Krieg für die Ewigkeit geborene Institution. Vor allem aber eine Messe, voll von Gebeten: Bond, James Bond. Geschüttelt, nicht gerührt. Lizenz zum Töten. M, Q, Moneypenny. Amen. Prediger Sam Mendes hat zuletzt die Schäfchen in Scharen in die Lichtspielkirche gelockt, jetzt haben die Studiopäpste es zu seiner hochheiligen Mission erklärt. Diesmal – mit dem 24. Eintrag der Serie, Spectre – erzählt er seiner Gemeinde ein Gleichnis, eines über staatliche Überwachung, über anachronistische Heldenfiguren und das Heldenhafte des Anachronistischen. Dabei wird die Parabel jedoch zum Parabelflug: Die Last der popkulturellen Ikonographie mag gelegentlich flüchtiger Schwerelosigkeit weichen, doch dadurch wiegt sie am Ende nur umso schwerer.

Alles beginnt mit der Auferstehung von den Toten: Bonds (wider Willen immer noch: Daniel Craig) während der Ereignisse von Skyfall verstorbene Chefin M meldet sich, in Form einer Videobotschaft, aus dem Jenseits um ihm einen letzten Auftrag zu erteilen: Er soll einen Mann in Mexiko töten. Nach einer durchaus eindrucksvollen Einstiegssequenz, in der sich 007 durch und über die Festivitäten des Tag der Toten kämpft, zieht er einen mysteriösen Ring mit einem Kraken-Symbol vom Finger eines Widersachers. Eine Geheimorganisation überzieht die Welt aus dem Schatten konspirativer Treffen mit Terror und Leid.

Spectre Bild 1

© Sony Pictures

Der Geheimagent würde am liebsten sofort die Lösung der globalen Verschwörung angehen, doch in der Heimat wartet die Bürokratie auf ihn: Die Zerstörung, die er in Mexiko City angerichtet hat, könnte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen. Der schmierige C (als Moriarty aus Sherlockbekannt: Andrew Scott) – Vorsitzender des Joint Intelligence Service, der jüngst aus der Fusion von MI5 und MI6 hervorgegangen ist – möchte das Doppelnull-Programm beenden und durch stärkere Überwachung und Drohnen ersetzen.

Bond als Opfer der Automatisierung? Natürlich nicht. Der vage Paranoia-Thriller B-Plot dient lediglich als Füllmaterial, als Punktierung für die Pausen im Rhythmus der Action. Eigentlich geht es wie immer nur um aufregende Ereignisse an exotischen Orten, um Verfolgungsjagden, Schießereien und Faustkämpfe. Die Filme, die um Ian Flemmings Romanfigur herum gestrickt wurden, waren schon immer schönes Nichts und die Summe ihres Handwerks. Bei Skyfall ging die Rechnung zuletzt auf: Roger Deakins Bilder waren betörend und hypnotisch, abwechslungsreich, bunt, und apokalyptisch überlebensgroß; Cutter Stuart Baird ordnete sie zu wundervollem Symphonie-Kino. Regisseur Sam Mendes deutete Daniel Craigs starre Grobheit in Schwermut um und der wachsende Widerwillen des Schauspielers war noch nicht in Missmut umgeschlagen. Am Ende der Reise stand eine Rückbesinnung zu den alten Bonds, ein logischer Schlusspunkt.

In Spectre ist dieser Prozess durchlaufen und die Serie wird wieder zum Lückentext. Sicher: Hoyte van Hoytema leistet Großartiges (und übernimmt mit seinen Bildern einen großen Teil der Narration), Mendes zitiert fünf Jahrzehnte Bond-Historie und vermengt sie mit visuellen Einflüssen aus Hollywoods Golden Age. Die Schauplätze in Mexiko, Italien, Österreich, Marokko und Großbritannien sind gut gewählt, die Actionsequenzen sind solide, auch wenn die Qualität des Einstiegs nie wieder erreicht wird.

Doch trotz aller Bewegung erweckt die Summe dieser Teile das Gefühl starrer Leblosigkeit, gefangen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Bond geht mit der Zeit und beugt sich dem Diktat der Kino-Universen. Früher war die Reihe durch ihre Episodenhaftigkeit definiert, doch seitCasino Royal und der aktuellsten Inkarnation von 007 gehören die Filme zusammen, weil in der Ära der Verschwörungstheorien eben alles verbunden ist.

Die roten Fäden, die sich im Film sogar physisch manifestieren, laufen bei Christoph Waltz‘ Superschurke Oberhauser zusammen – aber auch als Schlinge um den Hals der Geschichte, die von der vielgestalten Last der Vergangenheit erdrückt wird.

Lea-Seydoux-Gun-Spectre

© Sony Pictures

Bond stellt er sich als „author of all your pain“ vor. Waltz als Bond-Bösewicht ist naheliegendes Casting, eigentlich sogar schon zu offensichtlich. In seinem stilisierten Gebaren scheint er fast über die Zeitgeistigkeit des Franchises zu spotten. Wo Craig statuesk in Symbolbildern gefangen scheint, tritt er ironisch aus ihnen heraus. In einer Szene im Film steht er vor Reihen seiner Anhänger, die im Schatten bleiben und sich uniform Bewegen wie in den Choreographien eines Musicals von Busby Berkeley. Er hält Monologe über Foltergeräte und Meteoriten. Sie wirken kaum weniger albern als jene, in denen der Film mit bestürzender Oberflächlichkeit Massenüberwachung von einer staatlichen Entscheidung auf den Plan eines Drahtziehers im Schatten reduziert. Nur, um danach die menschlichen Qualitäten der Killer-Agenten zu betonen, welche die Reihe knapp vier Teile lang (angeblich) hinterfragen wollte. „A license to kill is also a license to not kill.“, verklärt Ralph Fiennes‘ M das Wesen der Geheimdienste.

Spectre zeigt, dass der Mythos des Einzelkämpfers Bond sich nur schwer beseitigen lässt. Craig mag hunderte Male seine Verachtung für den frauenfeindlichen Mörder in Interviews äußern, im Film wird er doch wieder zum grandiosen Spektakel einer Figur. Seine Bond-Girls, Monica Belluccis Lucia Sciarra und Léa Seydoux‘ Dr. Madeleine Swan sind immer noch Objekte und Handlungspunkte, nur das verschämter und früher weggeschnitten wird, wenn sie seinem Charme erliegen.

Von Brosnan unterscheidet ihn nur die Gewalt. Bond soll heute Real und Comic sein, Neu und Alt, Historie und Zukunft. Stattdessen entsteht eine konfuse Leere, in der irgendwann nur noch das Geld sichtbar ist, das in das Franchise investiert wird. Aston Martin, Omega, Heineken, N. Peal und Co. haben die vergoldete Kathedrale erbaut, in der Mendes jetzt auf der Kanzel steht. Eine Botschaft hört man nicht, der Glaube fehlt ohnehin.

(zuerst erschienen auf longtake.de)

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