Rezension: Carol

Carol-posterPlötzlich steht sie da, in der Spielzeugabteilung, zwischen Puppen und Eisenbahnen, Teil einer Welt, die nicht weniger falsch und käuflich ist, als die Dioramen und Plastikmenschen, die sie umgeben – Carol, ein Name wie ein Gesang. Es ist eine Epiphanie, wie sie nur das Kino kennt, wie die Welt abseits der Leinwand sie nur dank des Kinos kennt: Die Blicke zweier Menschen begegnen sich und plötzlich ist da etwas Echtes in dieser Warenwelt der fünfziger Jahre, die Frauen aus dem Nachkriegs-Arbeitsleben wieder zurück in die Küchen der vorstädtischen Goldkäfige locken soll.

Todd Haynes‘ Carol (basierend auf dem Roman Salz und sein Preis von Patricia Highsmith, adaptiert durch Phyllis Nagy) könnte ebenso gut „Die Liebe in den Zeiten des Kapitalismus“ heißen. Es ist die Geschichte eines wortlosen Verlangens, für das es noch keine Worte gab und wenn doch, dann waren es Fachbegriffe der Psychopathologie.

Die simple Handlung – Girl meets Girl – und selbst Dialoge treten schnell in den Hintergrund. Stattdessen betätigt sich Haynes als Sehnsuchtschoreograph: Die lesbische Beziehung zwischen der wohlsituierten High-Society-Dame Carol Aird (Cate Blanchett) und der einfachen Verkäuferin Therese Belivet (Rooney Mara) schildert er vor allem in sich verzehrenden Blicken und sanften Gesten. Winzige Berührungen können hier Berge versetzen, vielleicht sogar Planeten. Dabei erinnert die Kameraarbeit an Wong-Kar Wais In the Mood for Love: Es ist ein voyeuristischer, manchmal gar (ver)urteilender Blick. Schauen ist hier oft lediglich die Hoffnung auf das Ertappen und Entlarven. Die Kompositionen beengen, immer wieder zerfällt das Bildkader in kleinere Rechtecke. Von der wunder- und glanzvollen Golden Age-Ästhetik sind oft nur Ausschnitte zu sehen, Schlaglichter in der Dunkelheit. Die Kamera lugt hinter Hausfassaden hervor, durch Türrahmen, Fenster und dutzende von Autoscheiben. (Automobile sind nahezu immer präsent; anfangs als symbolischer „Motor des Fortschritts“, später wird Carol sogar zum Roadmovie.)

DCM Filmdistribution

Es ist eine männliche Perspektive, wohl vor allem die jener Männer, die im besten Fall an dem Leben der beiden Frauen teilhaben wollen und es im schlimmsten Fall beherrschen möchten. Da wäre Carols Ehemann Harge (Kyle Chandler), der längst um ihre Sexualität weiß, aber sie immer noch für ein Problem hält, das es zu lösen gilt. Er ist der Vater ihrer Tochter Rindy und droht mit dem Sorgerechtsentzug. Wer glaubt schon einer Frau von zweifelhafter Moral? Der McCarthyismus macht vor dem Privaten nicht Halt.

Die Verehrer, die Therese nachstellen, wirken nur auf den ersten Blick wohlwollender: Ihr Freund Richard (Jake Lacy) malt sich schon das gemeinsame Eheleben aus. Dass sie ihn nicht liebt, ist ihm dabei egal. Jung-Journalist Dannie (John Magaro) gibt vor, er wolle ihre Fotographie-Karriere unterstützen, doch auch seine Motive sind wenig nobel.

Frei und offen werden sowohl die Interaktion zwischen Carol und Therese, als auch die Bilder, ausgerechnet an Orten, die anderen wohl Gefängnisse wären: Verdunkelte Suiten und zwielichtige Motels. Die Liebenden sind nicht auf der Flucht, nicht im Wortsinne, dennoch umweht sie ein Hauch von Bonnie und Clyde, beziehungsweise Thelma & Louise.

Jeder Romanze lebt von dem Zwischenspiel der Partner, von der Größe und Kraft ihrer Gefühle. Wir suchen nach einer chemischen Reaktion von menschlichen Elementen, exotherme Reaktionen, die Wärme ausstrahlen, vielleicht sogar Funken und Feuer. Maras und Blanchetts vorsichtig tastende Annäherung gleicht der Explosion einer Wasserstoffbombe in Zeitlupe, Haynes Film ist die AN602 der Sehnsucht.

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Blanchett erbaut immer aufs Neue aristokratische Fassaden (nicht umsonst hat sie gleich mehrfach Elizabeth die Erste verkörpert), durch die sich Zweifel und sogar Verzweiflung immer wieder ihre Bahnen brechen, bis sie zerbröckeln und zersplittern. Man hat sie oft so gesehen und doch ist alles anders.

Mara, die für ihre Darbietung in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, könnte man auf den ersten Blick als Klischee missverstehen: Therese ist unschuldig, unentschlossen und unsicher, also definiert durch die Dinge, die sie nicht ist. Doch müsste man Carol auf eine einzige Protagonistin herunterbrechen, es wäre wohl sie, genau wie in der Romanvorlage: Es ist ihre Entwicklung, die im Mittelpunkt steht. Ihre Erfahrungen machen sie zum Menschen in einer Zeit, die sie marginalisiert und auf Funktion und Nutzen herunterbricht. Sie erhält von Carol ein Geschenk: Eine Kamera. Diese ist Grundlage eines finanziell selbstbestimmten Lebens (als Fotografin), vor allem aber auch der Beginn ihres persönlichen Ausdrucks. Plötzlich schafft sie etwas Eigenes, hat vielleicht immer noch wenige Worte, aber dafür eine Stimme.

Von beiden Protagonistinnen scheint es zwei Versionen zu geben, die nebeneinander existieren, letztendlich aber nur alleine bestehen können. Edward Lachmans Kamera erzählt davon in endlosen Reflexionen und Spiegelungen, durch die Figuren immerzu von sich selbst überlagert werden, wie bei Doppelbelichtung, nur ohne den Effekt wirklich zu bemühen. Regen auf Glas zaubert Tränen in Gesichter, wo keine sind, aber sein sollten. Bis zu den letzten Sekunden des Films ist unklar, ob die winzige Kerze ihrer Liebe in dem kalten Sturm des Zeitgeistes überleben kann.

Nun kann man sich fragen, was Haynes in dieser Ära sucht, die heute so fern scheint. Er hat sie zuvor schon zum Thema gemacht, etwa in seiner liebevollen Hommage an Douglas Sirk, Dem Himmel so fern. Einerseits erfreut sich der Regisseur daran, den Bildern des „goldenen Zeitalters“ eine queere Konnotation zu geben, oder präziser: diese sichtbar zu machen. Damit wäre er nun bei weitem nicht der Erste, was die Bedeutung seines Beitrages nicht mindert. Doch es geht ihm um mehr: Carol appelliert für die Liebe ohne Namen. Was kann heute nicht sein, was sein sollte, sein muss? Es ist die Schönheit der Chance, die Schönheit der Suche nach dem Neuen. Dem Unbeschriebenen und vielleicht sogar Unbeschreibbarem. Weil es immer etwas Subversives haben wird, vor allem aber, weil sich die wahre Liebe immer der Beschreibung verweigert. „Es ist was es ist / sagt die Liebe“.

(zuerst erschienen auf longtake.de)

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Ein Gedanke zu “Rezension: Carol

  1. „Maras und Blanchetts vorsichtig tastende Annäherung gleicht der Explosion einer Wasserstoffbombe in Zeitlupe, Haynes Film ist die AN602 der Sehnsucht.“

    Was für ein schöner Satz. Fast so schön wie der Film.

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