Heaven Knows What

Glaubt man Lyriker Gottfried Benn, gibt es „nur zwei Dinge: die Leere/ und das gezeichnete Ich“. Er beschwört ein düsteres Bild der Welt, in der sich die Menschheit teilt, in jene, die am Abgrund stehen und die, die bereits abgestürzt sind. Das Drama Heaven Knows What der Brüder Joshua und Ben Safdie nimmt sich dem schmalen Grat dazwischen an und erzählt die Geschichte von Seiltänzern über dem Nichts.

© Mobile Kino

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Eine von ihnen ist die obdachlose New Yorkerin Harley (Arielle Holmes). Zwei große Lieben bestimmen ihr Leben: Death-Metal-Enthusiast Ilya (Caleb Landry Jones) und die zu Heroin. Dass diese Passionen viel verbindet und beide ihren Tribut fordern, zeigt schon der Anfang des Films. Als Ilya Harley als Entschuldigung für eine (nicht näher definierte) Sünde, aber auch als düsteren Liebesbeweis, dazu auffordert, sich die Pulsadern aufzuschneiden, zögert sie nicht lange. Es ist nur einer von vielen Tiefpunkten aus dem ungewöhnlichen Alltag, den die Regisseure schildern. Gemeinsam mit einem wechselnden Freundes- und Bekanntenkreis wird (um wieder Benn zu zitieren) „durch so viele Formen geschritten / durch Ich und Wir und Du“, immer auf der Suche nach der Antwort auf „die ewige Frage: wozu?“.

Sicherlich ist das Gleichsetzen von Liebe und Drogen ein bekanntes Thema. Man kennt es von mittelmäßigen Rockbands oder aus dem Szientismus, der schwer zu greifende Emotionen gerne auf Hormonausschüttungen und einfache Reiz-Reaktions-Muster reduziert. Natürlich sind die Parallelen schnell erkannt: die Abhängigkeit, die stetige Jagd nach dem nächsten High und der selbstzerstörerische Impuls, der beidem innewohnt.

Die Faszination des Films liegt jedoch nicht in der relativ klassischen Geschichte, sondern in der Perspektive, aus der sie erzählt wird. Die Kamera ist für die Safdie-Brüder einerseits ein soziologisches Instrument, das die innere Beschaffenheit eines Milieus erfassen soll: An welchen Orten und Nicht-Orten bewegen sie sich? Welche Dynamik herrscht in den losen Zweckgemeinschaften und Netzwerken, die sich rund um die Sucht bilden? Selbst unter den Aussteigern und Ausgestoßenen sind Hierarchien zu erkennen, es herrschen Wettbewerb und Verdrängungskampf, vielleicht sogar noch intensiver als Anderswo.

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Andererseits ist die Kamera jedoch selbst ein Junkie und bewegt sich wie auf Drogen durch ein in kalten Farben gehaltenes New York. Vielleicht ist es Alkohol, das Bild scheint oft zu schwanken, Bewegungen verlaufen ruckartig und wirken fast unbeherrscht. Für MDMA würde die Nähe sprechen, die die Kamera zu den Menschen sucht. Aufdringlich klebt sie unmittelbar an den Gesichtern der Menschen und verliert sich immer wieder in kleinsten Details. Dann werden etwa Harleys Finger gezeigt, die erfolglos versuchen, einen Faden durch ein Nadelöhr zu zwängen. Das Bild splittert in kleine Details, so wie die Leben der Süchtigen oft in Momente zerfallen. Viele Einstellungen haben etwa Benebeltes. Wie ein Schleier legen sich unscharfe Objekte im Vordergrund über die Figuren, die immer wieder drohen, verloren zu gehen.

Es sind Strategien der Verunsicherung. Der Schock der Materie allein wäre zu banal, sicherlich auch sehr didaktisch. So jedoch bleibt eine Verunsicherung, die nicht nur auf eine Form der Sucht abzielt, sondern auf ihre Allgegenwart. Nicht umsonst beginnt der Film mit dem Bild einer Zigarette. Es wird Kaffee getrunken, Fast-Food gegessen, konsumiert und riskiert. Einmal versucht Harley förmlich, ihren Kopf in einen Computer zu zwängen.

Für Filmemacher Peter Greenaway sind Schauspieler Menschen, die vortäuschen, nicht beobachtet zu werden. Sie verweigern sich der Präsenz anderer. Definiert man diese Profession so, dann sind die Figuren in Heaven Knows What ebenfalls Schauspieler: Der Tod ist ihr stetiger Begleiter, droht bei jeder Pille, Nadel oder Schlägerei. Die Risiken des Lebensstils werden schon an kleinen Details klar, beispielsweise anhand der Narben auf der Stirn einer kräftigen Sicherheitskraft, die ein Obdachlosenheim bewacht. Auch so blickt die Kamera – wie der lauernde Tod.

Der permanente Kampf steht den Darstellern quasi ins Gesicht geschrieben. Die meisten Darbietungen des Films haben etwas Freies und Unkonzentriertes, nur selten rückt ihre Technik in den Mittelpunkt. Das ist natürlich kein Zufall: Arielle Holmes beispielsweise spielt lediglich eine leicht fiktionalisierte Version ihrer selbst, bevor sie von den Safdies entdeckt wurde, lebte sie lange auf der Straße. Auch viele andere Rollen sind nicht mit professionellen Schauspielern besetzt. Harleys Bekannter Skully etwa wird durch Ron Braunstein verkörpert, besser bekannt als Horrocore-Rapper Necro. Buddy Duress, der den eifersüchtigen, aber sanftmütigen Drogendealer Mike spielt, wurde kurz nach der Veröffentlichung des Films verhaftet – aufgrund eines Drogendelikts.

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Meist ist Skepsis angebracht, wenn Filme die Realität als Krücke gebrauchen. Doch die Korrespondenz zwischen Biographie und Rolle wirkt in diesem Fall nicht aufdringlich, nie entsteht der Eindruck, man hätte hier reines Stunt-Casting betrieben, um ein Alleinstellungsmerkmal für seinen Film zu schaffen. Nachspielen und Selbstinterpretation halten sich die Waage.

Der Film schreckt nicht vor einer großen Drastik zurück, vor Schmerzen, Leid und (Herz-)Blut. Im Kontrast dazu bricht sich auch die Euphorie des Rausches immer wieder ihre Bahnen. Doch es geht nicht nur darum, die bekannten Abgründe und Höhepunkte des Drogenkinos abzuarbeiten. Der erhobene Zeigefinger fehlt, nie wird aktiv gewarnt oder belehrt. Stattdessen sind die Filmemacher auf der Suche nach der großen Liebe im Gebrochenen und Gescheiterten. Nach der Erhabenheit einer würdelosen Existenz, nach dem „gezeichnete Ich“, das sich verzweifelt der Leere verweigert.

Es gibt da einen Moment von glanzvoller, aber trauriger Schönheit. Er könnte den ganzen Film ersetzten, was nicht heißen soll, der Rest wäre überflüssig. Nachdem Ilya und Harley gemeinsam einen Laden beklaut haben, stehen sie berauscht vom Adrenalin auf der Straße. Harleys Handy klingelt, auf dem Display erkennt man, dass Mike am Apparat ist. Jähzornig reißt Ilya seiner Freundin das Gerät aus der Hand. Es ist eine Geste flammender Eifersucht. Er holt zum Wurf aus und schleudert es mit aller Kraft von sich. Ein Schnitt, so schüchtern wie ein Blinzeln, verwandelt die Dunkelheit der Stadtstraße in die des Nachthimmels. Eine leuchtende Kugel schwirrt durch das Nichts und für eine Sekunde könnte man meinen, Ilya hätte das Handy über den Horizont hinaus katapultiert. Doch dann explodiert das Feuerwerk, tausend Lichtpunkte glimmen über der Stadt. Die Augen der Liebenden verwandeln selbst einen Akt von größter Barbarei in einen Kometenschauer von höchster Anmut. Das gezeichnete Ich mag vor der Leere stehen, aber das Leuchten der Sterne macht deutlich, dass es noch kein Teil von ihr ist.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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