It’s hip to be square – Über die Sehnsucht nach dem Hollywood-Kino der 1980er Jahre

Gerade in seiner inneren Widersprüchlichkeit war „It’s hip to be square“ eine ideale Parole für die 1980er Jahre. Nach den gesellschaftlichen Umbrüchen der späten 1960er Jahre, deren unmittelbarer Effekt bis weit in das Folgejahrzehnt nachwirkte, kann die Zeit ab 1980 als eine von Konsolidierung und Restauration betrachtet werden. „I used to be a renegade, I used to fool around / But I couldn’t take the punishment and had to settle down“, fassen Huey Lewis & the News diese Entwicklung 1986 zusammen.

(Filmstill aus Zurück in die Zukunft; Copyright: Universal Pictures Germany GmbH)

(Filmstill aus Zurück in die Zukunft; Copyright: Universal Pictures Germany GmbH)

Die großen Träume von der Revolution hatten sich in Luft aufgelöst oder waren im Getriebe der Institutionen zermalmt worden. Der Rolle des Umstürzlers haftete plötzlich etwas Weltfremdes und Überholtes an, während Spießertum und Konformität eine popkulturelle Renaissance erlebten.

Gerade einmal fünf Jahre später sollte Schockautor Bret Easton Ellis das Musikstück vom Soundtrack einer Jugendkultur zu dem eines wahnsinnigen Mörders umdeuten. Patrick Bateman aus American Psycho ist ein Yuppie in seiner konzentriertesten Form, materialistisch, oberflächlich und narzisstisch. Er ist perfekt angepasst und gleichzeitig vollkommen wahnsinnig – zwei Zustände, die im Roman nicht im Widerspruch stehen, sondern einander ganz offensichtlich bedingen und gemeinsam Sinnbild des vergangenen Jahrzehnts werden. Als Bateman (gespielt von Christian Bale) in Mary Harrons Filmadaption seinen Kollegen Paul Allen mit einer Axt ermordet, läuft dazu im Hintergrund, ganz konsequent, „Hip to Be Square“.

Diese kleine intertextuelle Spitze zeigt den militanten Charakter der Popkultur auf: Weil es sich um einen Markt handelt, gibt es einen permanenten Verdrängungskampf. Immerzu muss es eine Neuheit geben, die den Status Quo herausfordert; Akte der kreativen Zerstörung. Wenige Jahre später, in Tarantinos Pulp Fiction, ist das „Square“ (Englisch sowohl für „Quadrat“ als auch für „Spießer“ oder „Langweiler“) lediglich noch ein kleiner visueller Gag, nicht mal beim Namen genannt wird es noch: „Don’t be a „, fordert Gangstertochter Mia Wallace und zeichnet ein Viereck in die Luft, wo es kurz verharrt, um sich kurz darauf ganz aufzulösen. Damit zieht sie – zumindest für eine Weile – wohl auch den Schlussstrich für eine Dekade.

(The Pulp Fiction Square: A Brief History)

Doch die 1980er Jahre sind zurück. Oder waren nie weg (So erklärt es etwa Peter York im Economist). Wenn man ehrlich ist, sind solche Urteile meistens zu pauschal, um wirkliche präzise zu sein. Es liegt immer etwas Willkürliches in den Methoden, nach denen Wissenschaft und Öffentlichkeit das Monstrum Geschichte in fassbare, verdaubare Brocken teilen. Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte – nie geht mit dem Wechsel zwischen der entsprechend gewählten Einheit auch automatisch eine umfassende Veränderung einher. Am 1. Januar 1980 wurden nicht automatisch überall Zauberwürfel, Kassettendecks und voluminöse Frisuren ausgeteilt. Der stilprägende Musiksender MTV ging erst im August 1981 auf Sendung – mit einem Lied, dass bereits 1978 geschrieben wurde.

Doch das tiefsitzende Bedürfnis nach der Popkultur der 1980er Jahre ist schwer zu übersehen. In Umfragen ist diese Dekade den Deutschen die liebste. Sie liegt bereits weit genug im Nebel der Vergangenheit, dass man sie ohne große Gedankenakrobatik verklären kann, aber noch nicht so weit, dass sie dem allgemeinen Vergessen anheimgefallen wäre. Unser Zeitgeist sehnt sich, ebenso wie jener früherer Epochen, gleichzeitig stets nach dem Neuen und der Vergangenheit. Nostalgie hat immer Zukunft.

Spricht man mit Cineasten über das Kino dieser Zeit, werden die meisten Antworten mit einem entrückten Lächeln und glänzenden Augen gegeben. Filmreihen wie Zurück in die Zukunft, Star Wars, Ghostbusters und Indiana Jones gelten als Epitome des modernen Hollywoodfilms. Sie dienen als Goldstandard, an dem sich heutige Großproduktionen messen müssen. Das Internet ist voll mit Listen und Artikeln, die verdeutlichen sollen, warum gerade die 1980er Jahre eine großartige Phase für das Kino waren. Wird nach den besten Blockbustern gesucht, sind Filme aus dieser Zeit meist überproportional vertreten. Selbst die damaligen B-Streifen sind zu populären Kultfilmen avanciert, vor allem dank Darstellern wie Arnold Schwarzenegger, Bruce Willis, Sylvester Stallone, Dolph Lundgren oder Jean-Claude van Damme.

(Filmstill aus Das Phantom-Kommando; Copyright: Twentieth Century Fox)

(Filmstill aus Das Phantom-Kommando; Copyright: Twentieth Century Fox)

Ihren Ausdruck findet diese Bewunderung nicht zuletzt in Veröffentlichungen der Gegenwart. Zum einen wären da die zahllosen Remakes von Filmen oder Serien aus den 1980er Jahren: RoboCopFright Night, Das A-Team, 21 Jump Street, Karate Kid, Conan, Miami Vice, Freitag der 13.,Footloose, Hairspray, A Nightmare on Elm Street, Red Dawn, Poltergeist – um nur eine kleine Auswahl aus den letzten Jahren zu nennen. Auch die aktuelle Welle von Fortsetzung bezieht sich oft auf Franchises, die damals entstanden sind, wie beispielsweise im Fall von Terminator Genisys. Selbst die sonderbare Buddy-Komödie Twins – Zwillinge bekommt einen Nachfolger. Und die bereits aufgeführten Actionstars bleiben ihren Fans auch im hohen Alter noch erhalten: Mal gesammelt als Expandables, mal in Mash-Ups wie Escape Plan. Zuletzt wurde bekannt, dass sich Harrison Ford 2019 noch ein fünftes Mal in die Indiana Jones-Montur mit Hut und Peitsche werfen will, um die Rolle im Alter von 77 noch einmal zu spielen.

Doch wirklich zufrieden sind Fans der Originale mit solchen Exhumierungen und Reanimationen selten: Meist scheint etwas zu fehlen, ein essentieller Teil der ursprünglichen Erfahrung ist verloren gegangen. Die Fehler sind in der Regel schnell gefunden, sie dienen als grundsätzliches Argument, warum das Kino in den „guten alten Zeiten“ einfach besser war. So wird dann die moderne Computertechnik gegen klassische Effekte und Stunts ausgespielt, die infantilisierte Gewalt angesichts der PG-13-Kultur bemängelt und fehlende Originalität bei der Stoffwahl kritisiert.

Parallel dazu entsteht eine Placebo-Kultur, die die Ästhetik der Ära simuliert: Von albernen 50 Things Only ’80s Kids Can Understand-Listen, über Videospiele wie Far Cry 3: Blood Dragon und Hotline Miami, Kurzfilme wie Kung Fury, bis hin zu Actionreißern wie Machete oder Manborg – Retter der Zukunft gibt es einen nicht unerheblichen Markt für oft ironisch rezipierten Trash-Kitsch oder Neon-Optik und den an New Wave- und Synthpop-Musik angelehnten Synthwave-Sound. (Ein Film wie Nicolas Winding Refns Drive verdankt seinen Erfolg wohl weniger seiner interessanten Analyse amerikanischer Helden-Archetypen als vielmehr der nostalgischen Anmutung.) Dabei wird in diesem Fall selten die Generation angesprochen, welche die damalige Zeit wirklich erlebt hat. Stattdessen wird an Kinder der 1990er und 2000er Jahre ein 80s-Konzentrat verkauft, in dem Utopie und Kuriositätenkabinett nah beieinanderliegen.

(Filmstill aus Drive; Copyright: Universum Film GmbH)

(Filmstill aus Drive; Copyright: Universum Film GmbH)

Was ist es nun aber, das gerade Filmfans vermissen, dass so dringend einer Renaissance bedarf? Natürlich ist es nicht eine einzige Sache, sondern ein Katalog von Wünschen, Sehnsüchten und Ideen. Wenn man sich die populären Kultstreifen einmal näher ansieht, unterscheidet sie eigentlich nur wenig von den oft kritisierten Blockbustern der Gegenwart.

Zurück in die Zukunft beispielsweise ist sicherlich ein durchaus unterhaltsames Abenteuerfilmchen, wartet jedoch leider mit einem Protagonisten auf, der so belanglos ist, dass selbst der Film eine Ausrede sucht, um ihn auf Fotos langsam im Nichts verschwinden zu lassen. Marty McFly ist eine leere Hülle zielgruppengerechter Coolness-Klischees, mit hippem Skateboard und noch hipperem Auto. Er ist keine vielschichtige, komplexe Außenseiterfigur, wie man sie aus dem New Hollywood kennt, sondern eine wandelnde Identifikations- und Werbefläche, für die Calvin Klein exakt so wichtig ist wie für Psychopath Patrick Bateman. Huey Lewis & The News sind auf dem dazugehörigen Soundtrack zwar mit „The Power of Love“ und „Back in Time“ vertreten, trotzdem gilt (das wird nicht erst mit dem ähnlich unerträglichen Stück Babyboomer-Revisionismus Forrest Gump klar) bei Robert Zemeckis: „It’s hip to be square.“ Das zeigt sich vor allem in den letzten Szenen des Films: Nach allerlei Problemen in der Vergangenheit ist die amerikanische Kernfamilie gerettet. Die Wohnung ist plötzlich kataloggerecht möbliert. Martys Bruder Dave ist zum Anzugträger mit Bürojob mutiert, seine Schwester Linda trägt keine Brille mehr und arbeitet in einer Boutique. Seine Mutter hat abgenommen („Ma, you look so thin!“) und sein Vater kann den bösen Proletarier Biff nach Belieben herumkommandieren wie einen Leibeigenen. So ist der Titel wohl eigentlich zu lesen: Marty reißt in die 1950er Jahre und bringt sie zurück in die Gegenwart.

Das ist der Unterschied zwischen den amerikanischen Filmen der 1970er und 1980er Jahre: Wo im New Hollywood fehlerbehaftete Außenseiterfiguren Tragisches erleiden, das dann auch entsprechend tragisch dargestellt wird, verkauft das neu erwachsene Blockbuster-Kino die Siege des Systems über die Rebellen als großen Triumph. Als glorreiches Happy End. Das mag wie eine einfache Umkehr der vorgehenden Zustände wirken, wie das Umschwenken des Pendels in einem zyklischen System. Doch diese Sichtweise verkennt, dass es im neuen Hollywood nicht andere, sondern gar keine klassischen Helden gibt. Es werden nun also jene für ihre kulturelle Hybris gestraft, die auf der Leinwand nie mehr gefordert haben als das reine Existenzrecht.

Das Hollywood-Kino der 1980er Jahre ist nicht nur, aber primär, eines der Ära Reagan. Wie rote Fäden ziehen sich die Überzeugungen der New Right durch die Kassenschlager, der ehemalige Western-Darsteller wurde zum heimlichen Hauptdarsteller zahlloser Produktionen.

Komödien wie Ghostbusters stellen sich mit Begeisterung in die Dienste der Politik des 1981 zum Präsidenten gewählten Republikaners. Über das libertäre Gedankengut der Geisterjäger ist schonviel geschrieben worden: Erzählt wird die Geschichte eines kleinen Start-Up-Unternehmens, gegründet von jungen Entrepreneuren. Doch die Unholde von der staatlichen Umweltbehörde EPA gängeln sie mit Regulierungen – mit etwas Fantasie könnte die Geschichte auch eine Adaption von Ayn Rands Roman Atlas wirft die Welt ab sein. Auch wenn die Forderungen durchaus vernünftig klingen und das Gesuch nach besseren Vorsichtsmaßnahmen sich sogar im Laufe der Handlung als absolut richtig herausstellt, bleiben die Staatsdiener die wahren Monster, bösartiger als es Gozer, der Vernichter je sein könnte. Am Ende triumphieren die Unternehmer, EPA-Mitarbeiter William Peck wird von Dr. Peter Venkman verbal entmannt („Dieser Mann da hat keinen Schwanz!“) und die Ghostbusters werden eine Art private Sicherheitsfirma gegen das Jenseitige, quasi Academi mit Protonenstrahlern. Nebenbei bieten sie (so verrät es die Titelseite einer Zeitung im Film) ein praktisches Diätprogramm an, die Ghostbusters Super Diet. Wohl bekomms.

Natürlich sind diese Filme nicht automatisch schlecht, nur weil in ihrer jeweiligen Handlung bestimmte Weltanschauungen zum Ausdruck kommen. Doch ihre starke Liebe zur Mehrheitskultur und die offene Verachtung für alles abseits von engen Idealbildern, die eindeutige Ablehnung der Antihelden-Figuren der vergangenen Ära, bekommen immer auch eine ästhetische Dimension. Natürlich triumphieren die attraktiven, ansprechend gekleideten McFlys über die schon durch ihre hässliche, grobschlächtige Schweinsnasigkeit als Schurken entlarvten Bürstenschnitt-Biffs. Und warum die Schätze ferner Kulturen in ein westliches Museum gehören, lässt sich mit einer einzigen (ziemlich lustigen) Szene aus Jäger des verlorenen Schatzes erklären – weil die Fremden eben primitiv und unkultiviert sind und die Macht der Pistole zum Recht über die Wilden verhilft.

(Jäger des verlorenen Schatzes – Schwertkämpfer-Szene)

In den Actionstreifen der Zeit wurde entweder der Kalte Krieg geführt oder die Wunden der Vergangenheit geheilt: Aus der Gebrochenheit der Vietnam-Generation erwuchs eine neue, ostentative Härte. Die Ära von Schwarzenegger und Co. brachte die wortkargen Cowboys der Gründerzeit wieder zurück in die Gegenwart und ließ die Amerikaner ihre Allmachtsfantasien zumindest im Kino ausleben. (Ein Film wie Top Gun wirkt in seiner blutlosen, fast digitalen Darstellung des Krieges wie ein Vorbote des späteren Drohnenkriegs. Eine Inszenierung des gerechten und opferlosen Krieges, das diametrale Gegenteil zu den blutigen Bodenschlachten mit dem Vietcong.) Wäre der traumatisierte Ex-Marine und Vietnamveteran Travis Bickel aus Taxi Driver erst einige Jahre später aus dem Nebel auf der Leinwand aufgetaucht, man hätte ihn wohl für einen Helden gehalten.

Auch abseits der leeren Figuren, denen es zu oft an Fallhöhe und innerer Dramaturgie mangelte, ist die Verklärung dieser Zeit nur schwer zu erklären. Nahezu alles, was an den gegenwärtigen Tentpole-Produktionen so harsch kritisiert wird, fand seinen Ursprung in den 1980er Jahren: Selten griff der Fortsetzungs- und Remake-Wahn extremer um sich, als in der Kinderzeit des Blockbusters. Sieben der im jeweiligen Jahr erfolgreichsten Filme zwischen 1980 und 1990 waren Teil eines Franchises. Die heutigen Ausprägungen der Merchandise- und Cross-Promotion-Kultur entstanden in dieser Epoche. Den handgemachten Charakter der Spezialeffekte kann man lediglich fehlenden technischen Möglichkeit und der Gnade der frühen Geburt zuschreiben – will man den Regisseuren dieser Zeit wirklich als positive Leistung anrechnen, keinen Zugriff auf CGI gehabt zu haben, wenn ihre Tricks im gleichen Maße leeres Spektakel waren? Haben nicht spätestens jüngste Diskussionen klargemacht, dass selten Computereffekte das Problem sind, sondern vielmehr wie diese eingesetzt werden?

(Video: Why CG Sucks [Except It Doesn’t])

Die 1980er Jahre sind uns heute so fern, wie die 1950er Jahre es waren, als Zurück in die Zukunft erschien. Beide Epochen verbindet eine wohlige Eindeutigkeit, klare Verhältnisse mit simplen Weltbildern. Sie verweigern sich sowohl dem ironischen Bruch als auch der kritischen Dekonstruktion. Dadurch bekommen sie eine Aura der kindlichen Unschuld, in der die Enthusiasten sich abseits der diffusen Wirklichkeit ungehemmt selbst bestätigen lassen können. Danach sehnen sich die Fans der Dekade wohl am meisten. Für manche ist es die Zeit der Jugend oder des Heranwachsens gewesen. Für andere wiederum ist es eine, die nur noch als historisches Fantasiegebilde besteht, aus der sie Artefakte entwenden können, wie Indiana Jones aus einem Tempel. Schätze einer mystischen Epoche, die so niemals existiert hat. In beiden Fällen suchen sie ein finales Versprechen, ein Mantra, das sie in ihren Herzen tragen können. Ein Zauberwort, das unempfindlich macht gegen die Wechselfälle des Lebens: „It’s hip to be square.“

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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