Flucht nach vorne – Das Kino des Sion Sono

Alles beginnt in der Heimat, die keine ist. Jede Geschichte im unaufhörlich expandierenden Filmuniversum des japanischen Regisseurs Sion Sono findet ihren Ursprung an Orten und in Zuständen, die ein Zuhause sein sollten, aber keines sind und auch nie mehr eines werden. Entweder sind seine Welten das Ergebnis einer vergangenen Kalamität (wie etwa in The Whispering Star) oder sie stellen selbst eine dar.

(Filmstill aus The Whispering Star; Copyright: Rapid Eye Movies)

(Filmstill aus The Whispering Star; Copyright: Rapid Eye Movies)

Schon Love Songs, Sonos erster 8mm-Kurzfilm von 1984, zeigt einen namenlosen Protagonisten, der in der Ruine eines ehemaligen Wohngebäudes haust. Selbst vermeintlich normale und alltägliche Tätigkeiten sind längst zum Akt der Selbstzerstörung geworden, die Zähne putzt man sich mit einer Glasscherbe. Die baufälligen Wände scheinen unaufhörlich näherzukommen. In einer Endlosschleife dröhnen Telefonklingeln und die immer gleichen Noten eines aufdringlich fröhlichen Musikstücks über die Tonspur. Mit jeder Wiederholung steigt die Anspannung, bis sie sich in Gewalt entlädt. Am Ende steht – wie so oft bei Sono – die Flucht.

26 Jahre später zeigt Cold Fish das gemeinsame Abendessen der Familie Syamoto, wortlos und dadurch nahezu totenstill, was die Situation nicht weniger unerträglich macht. Diese lähmende Gefangenschaft am Esstisch, in vielen Kulturen der zentrale Raum des familiären Beisammenseins, wird zur Keimzelle des Terrors der Mehrheitsgesellschaft. Man kennt diese Konstellation bereits so ähnlich aus seinem ersten Langfilm, A Man’s Flower Road, nur dass die Figuren dort wirklich durch Familienmitglieder von Sono verkörpert wurden. Auch in Noriko’s Dinner Table wird dieses Motiv aufgegriffen. Tobender Lärm und unkommunikative Stille, Traditionsfamilie und Einsamkeit sind in diesem Fall Seiten derselben Medaille.

(Trailer zu Noriko’s Dinner Table)

Im Kontrast dazu entstehen Enklaven der Gegen- und Subkultur, Orte des alternativen Zusammenlebens, deren Präsenz sich durch sein Werk zieht wie ein roter Faden. Das kann die Yakuza sein, die sich schon im Namen stolz als die „Wertlosen“ der Gesellschaft definiert wie in Why Don’t You Play in Hell?. Oder auch die katholische Kirche, verrückte Sekten wie die „Zero Church“ und organisierte Unterhosen-Fotografen wie in Love Exposure, immer wieder Rockmusiker und Punks (Love & Peace), rappende Straßengangs wie in Tokyo Tribe, verschiedene Wohnheime wie in Decisive Match! Girls Dorm Against Boys Dorm oder einfach ein besonders loyaler und enger Freundeskreis wie in Tag. Obwohl Exte ein grotesker Horrorfilm über tödliche „Hair Extensions“ und einen Serienmörder mit Haarfetisch ist, sind es nicht die übernatürlichen Szenen, welche sich am stärksten in die Erinnerung einbrennen. Einprägsamer sind die simplen Momente von Solidarität und Kameradschaft in dem Friseursalon, in dem die Heldin ihrem Beruf nachgeht. Ihre Situation wird erst dadurch schlecht, dass mit ihrer verantwortungslosen Schwester auch die Dynamik ihrer Familie in ihr Leben zurückkehrt.

Die Flucht aus der beklemmenden Enge der Gesellschaftsmitte ist eines der großen Themen des japanischen Nachkriegskinos. Darüber hinaus ist es eines, dass Sion Sono stark am Herzen liegt, schon aus biographischen Gründen. Auf dem Papier liest sich das Leben des Filmemachers wie eine dauerhafte Flucht mit abstrusen Zwischenstationen, im wahrsten Sinne des Wortes ein Lebenslauf. (Nicht umsonst stellt ein Marathon einen großen Teil von Tag dar.) Dieser erinnert an seine Drehbücher, viele seiner persönlichen Erfahrungen sollten sich später in seinen Filmen wiederfinden.

In jungen Jahren wurde Sono Mitglied eines religiösen Kults, nur um sich kurz nach seinem Ausstieg einer radikalkommunistischen Aktionsgruppe anzuschließen, die sich gegen den Ausbau des Flughafens Tokio-Narita engagierte. Später wurde er Autor, schrieb Gedichte und führte die Performance-Art-Gruppe Tokyo Gagaga. Nach einigen ersten Gehversuchen lernte er einen erheblichen Teil seines Filmhandwerks in der Pornoindustrie. (Davon zeugen homoerotische Filme wie Dankon: The Man oder der Pink Movie Seigi no tatsujin.)

In Interviews spricht er davon, wie austauschbar ihm diese Gruppen als Heranwachsender erschienen. Jede Ausbruchs-Fantasie definiert sich letztendlich vor allem über ihr Utopia. Nur selten zieht es Sonos Helden dafür über die japanischen Grenzen hinaus, beispielsweise in Hazard, dessen Hauptfigur Shin’ichi die Obsession des Regisseurs mit den Vereinigten Staaten teilt. (Er verbrachte nach eigenen Angaben 15 Monate an der Universität Berkeley in Kalifornien, vor allem im Kino). In der Regel sind ihre Träume auf eine Lebensweise gerichtet, nicht auf einen geographischen Ort.

(Filmstill aus Hazard; Copyright: KNM Home Entertainment GmbH)

(Filmstill aus Hazard; Copyright: KNM Home Entertainment GmbH)

Sonos Werk erzählt von der Suche nach einer Gegenöffentlichkeit, einer neuen Heimat, welche die Geborgenheit und das Gemeinschaftsgefühl der ursprünglichen Kernfamilie bietet, nur ohne ihre Neurosen und den Zwang zur Konformität. Allerdings auch davon, wie sie sich immer wieder als ebenso beengt und unfrei entpuppt und letztendlich Utopien bleibt. Die wirklichen Sehnsuchtsorte bleiben unerreichbar, so wie Das Schloss aus Franz Kafkas gleichnamigem Roman. In Guilty of Romance wird sogar ebendieser zitiert und beschreibt nicht nur ein konkretes Gebäude, sondern auch die erotische Schattenwelt, in die es die zuvor im patriarchalischen Ehegefängnis eingesperrte Izumi zieht. Kafka sind wohl auch die überlebensgroßen, dämonischen Vaterfiguren entliehen, die mit grober Gewalt die gebrochenen Familienbanden zusammenhalten suchen.

Man könnte in Sonos Parade zerbrochener Familien eine Fortführung von Yasujiro Ozus zentralen Ideen sehen, der laut Donald Richie, Autor von Ozu: His Life and His Films, nur ein Thema hatte: „Die japanische Familie und ihren Zerfall.“ Das ist ironisch, betitelt Sono den Übervater des Nippon-Kinos doch als „Antichrist“ und verweist lieber auf andere Vorbilder, allen voran Rainer Werner Fassbinder.

Wo sich bei Ozu jedoch der Schmerz ob des Verlustes und zarte Hoffnung angesichts der Verheißungen der Moderne die Waage hielten, werden bei Sono Generationen- und Gesellschaftskonflikte in drastischer Art ausgefochten. Auch wenn sich in seiner Filmographie einige klassische Dramen finden (das Krebsdrama Be Sure to Share oder The Land of Hope) ist Sono eher im Genrekino beheimatet. Horror-, Gangster- und Science-Fiction-Filme beherrschen das jüngere Schaffen des Japaners. Entlang der Konfliktlinien, welche die japanische Gesellschaft spalten, prallen die Vertreter verschiedener Weltanschauungen aufeinander. Ihre Differenzen entladen sich in großer Regelmäßigkeit in Gewalt oder aggressiver Sexualität. Als Stilmittel werden sie höchst ambivalent eingesetzt, sowohl unterhaltsam-voyeuristisch als auch schwer konsumierbar und abstoßend.

(Filmstill aus Tokyo Tribe; Copyright: Rapid Eye Movies)

(Filmstill aus Tokyo Tribe; Copyright: Rapid Eye Movies)

Sonos Neigung zu Bombast und eigentümlichen Bildern wird ihm oft vorgeworfen, zumindest aber wird er oft auf sie reduziert. Er gilt als Regisseur des Grotesken, Absurden und Chaotischen. Filmkritiker Nino Klinger sieht in seinem Werk ein Œuvre des Unreifen; ein vergiftetes Kompliment, das dennoch gleich in doppelter Hinsicht zutrifft.

Zum einen weil der Regisseur eher zu den r-Strategen unter den Filmemachern zählt, allein im Jahr 2015 hat er sechs Projekte abgeschlossen. Die von Fassbinder inspirierte, punkige DIY-Attitüde schlägt sich in einem gewaltigen Arbeitspensum nieder, das dazu führt, dass seine Filme rau und unmittelbar anmuten. In der Regel ist das Kino ein Medium der Verzögerung, das durch den langwierigen Produktionsprozess oft nur ein Echo der Gegenwart darstellen kann. Ganz kann sich auch ein Sion Sono dem nicht entziehen – was nicht heißt, dass er es nicht versuchen würde. Film, das bedeutet auch Schicht oder Belag. Mit jeder neuen Veröffentlichung wird deutlich, wie Sono eine dünne Haut aus Zeitgeist über universellere Ideen zieht. Innovation entsteht oft gerade da, wo ein Gedanke unmittelbar den nächsten jagt, und das ist bei dem mit Kamera-Drohnen permanent gegen die eigenen Figuren kämpfenden Tag oder der wagemutig Genre-Mixtur (oder sogar Neuentwicklung?) Tokyo Tribe definitiv der Fall.

Zum anderen sind auch Sonos Figuren „unreif“. Sie sind Suchende, entwurzelt und verunsichert. Ihnen fehlt die Reife, weil der Zustand, der ursprünglich mit diesem Wort verbunden war, schlicht und ergreifend nicht mehr existiert. Die vorausgehenden Verheerungen, welcher Art sie auch immer sein mögen, haben einen unumkehrbaren Bruch durch die Welt getrieben. In allen seiner Filme, besonders aber in denen, die sich mit der Nuklearkatastrophe von Fukushima auseinandersetzen (Himizu, The Land of Hope und jetzt eben auch The Whispering Star) wandeln sie durch metaphorische und tatsächliche Scherbenmeere.

(Filmstill aus The Whispering Star; Copyright: Rapid Eye Movies)

(Filmstill aus The Whispering Star; Copyright: Rapid Eye Movies)

Man könnte sein Schaffen mit einer Anekdote erklären: Nach ersten Festival-Erfolgen wurden internationale Produzenten auf den japanischen Filmemacher aufmerksam. Im Jahr 2010 wurde er für das Projekt Lords of Chaos engagiert, ein Film über die Brandangriffe auf Kirchen in Norwegen, die über Jahre hinweg von Mitgliedern der Black-Metal-Szene verübt wurde. Weil das Geld nicht ausreichte, reiste er mit seinen Produzenten nach Cannes, um auf dem lokalen Festival-Filmmarkt weitere Sponsoren zu gewinnen. Der Hauptkostenpunkt des Projekts waren die fünf Kirchen, die sowohl als Schauplatz als auch als Handlungspunkt zentral für die Geschichte sein sollten. Natürlich würden sie brennen. Er brauchte also dringend Geld, um etwas zu erbauen, das er zerstören wollte.

Ähnlich funktioniert Sion Sonos Arbeitsprozess: Er beginnt mit gewaltigen Filmkonstrukten, die er nach und nach auf die passende Größe herunterbricht. Das vierstündige Epos Love Exposure war ursprünglich mehr als anderthalbmal so lang. Sion Sono ist ein Regisseur, der mit großem Aufwand schafft, was nur temporär bestehen kann, ein Künstler der Entropie. In seinen Welten zieht der Mensch von einem Zustand in den nächsten, als ewig Vertriebener. Doch das ist bei weitem nicht so düster und hoffnungslos, wie es zuerst klingen mag. Immer wieder ringt sich Sono glückliche Szenen ab, kleine Happy Ends, leuchtende Glanzpunkte von Freundschaft und Liebe, die sich zusammenfügen wie seltene Sternenkonstellationen. Ihre Schönheit wird nicht dadurch gestört, dass sie vorübergehen. Und für die Stunden, in denen sie nicht im Einklang stehen, gibt es immer noch die Möglichkeit, einfach in Bewegung zu bleiben.

(zuerst erschienen unter kino-zeit.de)

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