Kritik an der Schwarmkritik – Das Problem mit IMDb, Rotten Tomatoes und Metacritic

Menschen haben gerne Recht. Wie könnte es anders sein: Das Gefühl richtig zu liegen, ist angenehm und wiegt uns in der Sicherheit, dass unser Gehirn noch korrekt funktioniert. Psychologen beschreiben dieses Phänomen als „Funktionslust„. Vielleicht können Diskussionen deshalb so anstrengend sein, vielleicht fällt es deshalb schwer, Fehler einzugestehen: Weil jeder Irrtum das Gefühl gibt, defekt zu sein.

(Filmstill aus Findet Nemo; Copyright: Walt Disney Germany)

(Filmstill aus Findet Nemo; Copyright: Walt Disney Germany)

Das Problem dabei: Absolute, unanfechtbare Wahrheiten sind gar nicht so leicht zu finden, sofern es sie überhaupt gibt. Die Wissenschaften suchen sie seit Jahrtausenden. Manche Ideen mögen schwer anzufechten sein, etwa die Existenz der Schwerkraft. In anderen Feldern gestaltet sich die Suche aufwendiger. Gerade in der Diskussion um Kunst und Kultur bleiben oft Grauzonen und unscharfe Trennlinien.

Kunst kann einen starken Effekt auf Menschen haben. Sie lässt uns lachen und weinen, manchmal bewegt sie uns sogar dazu, über die Grenzen unser Selbst hinauszureichen. „Du musst dein Leben ändern“, schlussfolgert Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht Archaïscher Torso Apollos aus der Betrachtung einer Statue. Nicht „du darfst“, nicht „du kannst“, sondern „du musst“: In der Schönheit kann ein Befehl liegen, die zum Missionar macht. (Nicht umsonst heißt es bei Keats: „Schönheit ist Wahrheit / Wahrheit ist Schönheit“.) Wer von einem Werk berührt wurde, will diese Erfahrung teilen. Ist die Wirkung auf die Menschen um uns herum anders als die persönliche, entsteht eine Art kognitive Dissonanz. Selbst wenn wir uns der Tatsache bewusst sind, dass die Rezeption von Kunst sehr individuell ist, fällt es oft schwer, gegenläufige Positionen im Kopf miteinander zu vereinbaren. Der Begriff von Wahrheit wird oft wie eine Gottheit ausgelegt, die keine andere neben sich duldet. Oder eben wie der Highlander: „Es kann nur eine geben.“

In der Regel werden Meinungsverschiedenheiten dann jedoch zum Glück nicht per Schwertkampf entschieden, sondern durch Diskussionen. Man versucht, dem Gegenüber die eigene Meinung zu verdeutlichen. Vielleicht kann man ihn sogar überzeugen, um die störende kognitive Dissonanz zu beseitigen. Argumente gibt es dabei in der Regel viele verschiedene, hier soll es um ein spezielles, besonders prävalentes gehen: das Argumentum ad populum, welches mit der Autorität der Mehrheit, beziehungsweise der öffentlichen Meinung, für eine bestimmte Position wirbt. Konkreter, mit seiner neuzeitlichen, digitalen Version: das Argument mit der Autorität des Schwarms.

(Filmstill aus The World’s End; Copyright: Universal Pictures Germany)

(Filmstill aus The World’s End; Copyright: Universal Pictures Germany)

Man kann es als Folge unseres ambivalenten Verhältnisses zur Mehrheit verstehen. Während sich niemand gerne als Teil einer anonymen Masse sieht, schätzen wir den demokratischen Gedanken, selbst wenn dieser uns zu einem Teil des unpersönlichen Körpers „Wählerschaft“ macht. Es kann etwas Befriedigendes in der Position des Gegenläufers liegen, doch Isolation scheint dem sozialen Wesen Mensch gefährlich oder zumindest unangenehm. In Zeiten von Big Data und sozialen Netzwerken suchen viele Menschen die Wahrheit in der Intelligenz des Schwarms, weil so die diffuse, schwer zu messende „öffentliche Meinung“ durch konkrete Zahlen ersetzt wird.

Seinen Ausdruck findet diese Suche nach vermeintlicher Objektivität und Eindeutigkeit in verschiedenster Form, etwa in Internetplattformen wie der International Movie Database (IMDb), Metacritic oder Rotten Tomatoes. Bei diesen Seiten handelt es sich um so genannte Rezensions-Aggregatoren, also Seiten, die Kritiken und Wertungen von anderen Seiten und Publikationen ansammeln beziehungsweise sie intern zusammentragen.

Die ganze Subjektivität von Rezensionen, Kritikermeinungen und Kommentaren wird heruntergebrochen auf die heute meist bevorzugte Form: Zahlen. Sie sind leichter zu erfassen und nicht so mehrdeutig wie ihre Verwandten, die Worte. So wie Geisteswissenschaftler gegenwärtig häufig den Eindruck haben, sie müssten ihre Legitimität durch immer umfangreichere Datenmengen und -analysen untermauern, scheint auch Filmkritik derzeit oft diesem Nullsummenspiel mit den Nummern zu folgen.

Dem Online-Dienst Alexa zufolge erreicht imdb.com Platz 54 der populärsten Websites weltweit (Platz 30 in den USA), auch rottentomatoes.com (Platz 607) und metacritic.com (Platz 1757) sind sehr beliebt. Auf den Ranglisten der USA und der meisten europäischen Staaten sind diese Dienste noch weiter oben anzutreffen. Die Beliebtheit der Aggregatoren steht ganz außer Frage.

Dem American Moviegoing Report 2013 der Marktforschungsfirma Nielsen zufolge konsultieren 41% der so genannten Millenials (also Menschen, die um das Jahr 2000 im Teenageralter waren) die Durchschnittswerte solcher Metadatenseiten. (In den nachfolgenden Moviegoing Reports wurde diese Frage leider nicht mehr gestellt.) Diese Wertungen wirken sich für viele Konsumenten ganz konkret unmittelbar auf die Kauf- und Sehentscheidung aus. Acht von zehn Befragten gaben an, in manchen Fällen noch eine klassische Filmkritik zu lesen.

(Filmstill aus Cinema Paradiso; Copyright : Concorde Video)

(Filmstill aus Cinema Paradiso; Copyright : Concorde Video)

Aber wie genau kommen diese praktischen Zahlen der Metadatenverwerter eigentlich zustande? Was bedeutet es, wenn ein Film 7.2 Punkte bei IMDb hat, 82 bei Metacritic oder 64 % bei Rotten Tomatoes? Und was sagen diese Wertungen über die jeweilige Sicht auf das Medium Film aus?

Beginnen wir bei der größten der Seiten, der nach eigenen Angaben „beliebtesten Filmseite der Welt“. Im Jahr 1990 aus einer Usenet-Gruppe hervorgegangen, ist die International Movie Database mittlerweile die populärste Filmdatenbanken der Welt. 1996 wurde aus dem Hobbyprojekt eine Firma, diese wurde zwei Jahre später von Amazon.com aufgekauft. Den Betreibern zufolge besuchen über 200 Millionen Menschen im Monat die Seite, Daten liegen zu über 3,5 Millionen Filmen (oder anderen Unterhaltungsangeboten) vor. Darüber hinaus sind 6 Millionen der Menschen vermerkt, die sich in der einen oder anderen Form an solchen beteiligt haben. Neben Apps und einem kostenpflichtigen Premiumangebot (IMDb Pro) gehören auch die in jüngster Vergangenheit kontrovers diskutierte Filmfestival-Distributions-Plattform Withoutabox und die Einspielergebnis-Seite Box Office Mojo zu dem Unternehmen IMDb, das selbst wiederum Teil des Online-Versandhändlers Amazon ist.

Jeder Film, der in die Datenbank eingetragen wird, kann von registrierten Nutzern mit einer Wertung zwischen 1 und 10 bedacht werden. Nach fünf Bewertungen zeigt die Datenbank einen (gewichteten) Durchschnittswert an. So hat etwa die Stephen King-Verfilmung Die Verurteilten eine Wertung von 9.2 (Stand: 26.04.2016) und ist somit aktuell der am besten bewertete Film. Das untere Ende der Skala bilden mit Werten von unter 2 Filme wie Superbabies: Baby Geniuses 2 oder die müde Genre-Parodie Disaster Movie.

(Filmstill aus Disaster Movie; Copyright: Constantin Film)

(Filmstill aus Disaster Movie; Copyright: Constantin Film)

Beachtenswert ist, dass die Bewertungen verschiedener Nutzer unterschiedliche Gewichtungen erhalten und die Gesamtwertung nicht einfach das arithmetische Mittel abbildet. Die Stimmen regelmäßiger Nutzer (und Werter) werden stärker verrechnet als etwa eines Enthusiasten, der sich nur anmeldet, um seinem persönlichen Liebling die Maximalpunktzahl zu verleihen. Damit soll Missbrauch und Manipulation entgegengewirkt werden. Wie genau diese Gewichtung aussieht, wollen die Betreiber der Seite nicht veröffentlichen.

Bekannt ist lediglich, dass ein so genannter Bayes-Schätzer zum Einsatz kommt. Benannt nach dem englischen Mathematiker Thomas Bayes handelt es sich dabei um eine Schätzfunktion, die ihr Ergebnis nicht rein auf die tatsächlichen Daten stützt, sondern auch bereits im Vorfeld bekannte Informationen einfließen lässt. Im Fall der Filmdatenbank bedeutet das konkret, dass jede Wertung abgeglichen wird mit der Durchschnittswertung aller Filme. Diese liegt bei etwa 6.7 Punkten. Alle Ergebnisse werden unterschiedlich stark in Richtung dieses Wertes korrigiert. Der Trick dabei: Mit zunehmender Stimmzahl fällt dies zunehmend weniger ins Gewicht.

In separaten Listen aufgeführt werden die 250 am besten und die 100 am schlechtesten bewerteten Filme. Um in die populären Top 250 aufgenommen zu werden, bedarf es einer Mindestanzahl von Bewertungen. Diese wurde zuletzt 2012 von 3.000 auf 25.000 erhöht. Aktuell haben gerade einmal etwas mehr als 3000 Filme diese Marke erreicht. Darüber hinaus wird auch Kurz- und Dokumentarfilmen der Zugang vorenthalten. Für unbekanntere Filme ist in diesen Rängen kein Platz. Praktisch: Wer sich durch den hohen Tabellenplatz eines Films zum Kauf animiert fühlt, findet die Auflistung dort noch einmal mit Preisen und „In den Einkaufswagen“-Button. Die Datenbank ist wohl auch als Werbung interessant.

Bevölkert wird diese Liste, wenig überraschend, vor allem von Publikumslieblingen, zugänglichen Klassikern, Kultfilmen und den neusten Blockbustern. Gerade letztere schießen kurz nach ihrer Veröffentlichung meist in ungeahnte Höhen, nur um dann nach und nach abzusinken auf eine gemäßigtere Wertung. Kinogänger der ersten Stunde sind in der Regel stärker bei solchen Veröffentlichungen engagiert als DVD-Käufer, die bereit sind, monatelang auf die Heimveröffentlichung zu warten. Oft tragen auch der Eventcharakter und die große Leinwand des Kinos dazu bei. Als Kanon ist die Liste kaum zu gebrauchen: Kein einziger Film von essentiellen Regisseuren wie Pasolini, Renoir, Resnais, Lubitsch, Dreyer, Buñuel, Tarr oder Griffith schafft es auf die Liste. Sie ist eher populistisch geprägt und bevorzugt neuere Filme – über die Hälfte der Filme auf der Liste entstanden nach 1984.

(Filmstill aus Die Spielregeln; Copyright: Filmconfect Home Entertainment GmbH (Rough Trade))

(Filmstill aus Die Spielregeln; Copyright: Filmconfect Home Entertainment GmbH (Rough Trade))

Wer mit der IMDb-Bewertung für die Qualität einer Kino-Veröffentlichung argumentiert, sollte vorsichtig sein. Statt einer öffentlichen Meinung stellt sie lediglich eine Teilmenge dieser dar. So sind beispielsweise Männer untern den Nutzern überproportional vertreten – sogar bei Filmen, deren Zielgruppe überwiegend weiblich ist.

Unter der Bewertung der IMDb-Nutzer werden (deutlich kleiner) auch andere Wertungen eingeblendet. Unter Anderem etwa die so genannte Metascore – die Bewertung der Seite Metacritic.com.

„Wir glauben, dass mehrere Meinungen besser sind als eine, dass Nutzerstimmen so wichtig sein können wie die von Kritikern, und dass Meinungen in Zahlen ausgedrückt werden, damit man sie auf einfache Weise nutzen kann.“, heißt es dort.

Die 1993 von Marc Doyle und seiner Schwester Julie Doyle Roberts zusammen mit Kommilitonen gegründete Seite Metacritic.com sammelt Kritiken zu Filmen, Fernsehserien, Videospielen und Alben. 1997 wurde das Projekt vom Medienunternehmen CNET gekaufte. Sowohl Metacritic als auch CNET gehören zur CBS Corperation (vormals Viacom). Das Motto der Seite lautet „We Deal with Criticism“. Es klingt fast wie eine Drohung.

Im Gegensatz zur IMDb kommen die Bewertungen hier nicht von Nutzern der Seite, sondern von professionellen Kritikern. Mehrmals im Jahr wird evaluiert, welche Publikationen und Webseiten dafür in Frage kommen. Die Kriterien sind vage gehalten: „Gut geschrieben“ sollen die Kritiken sein, sowie „angesehen unter Kollegen und in der Industrie.“ Jede aufgenommene Kritik wird auf eine Zahl zwischen 0 und 100 und einen kurzen, erklärenden Satz reduziert. Zusätzlich gibt es eine Kodierung nach Ampelfarben. Der Oscargewinner Spotlight genießt mit einer Metascore von 93 „allgemeine Anerkennung“ (grün hinterlegt), während Zack Snyders Batman v Superman: Dawn of Justice mit durchschnittlich 44 Punkten (gelb hinterlegt) „gemischte oder durchschnittliche Kritiken“ attestiert werden und die Paris-Hilton-Komödie The Hottie & The Nottie (7 Punkte, rot hinterlegt) auf „überwältigende Abneigung“ stößt.

(Filmstill aus Batman v Superman: Dawn of Justice; Copyright: Warner Bros. GmbH)

(Filmstill aus Batman v Superman: Dawn of Justice; Copyright: Warner Bros. GmbH)

Die Punktzahl errechnet sich aus den (auch hier wieder gewichteten) Mittelwerten der Kritiken. Wie genau die unterschiedlichen Seiten und Publikationen gewichtet werden, verrät Metacritic nicht. (Zitat: „Can you tell me how each of the different critics are weighted in your formula?“ „Absolutely not.“)

Natürlich bewerten nicht alle Kritiker in Zahlenwerten zwischen 0 und 100. Metacritic behält es sich vor, Bewertungen, die in Sternen, Schulnoten oder Buchstaben angegeben wurden, kurzerhand umzurechnen. 2 von 4 Sternen werden 50 Punkte, 3 von 5 Kronen zu 60, und die Schulnote 2+ entspricht 83 Punkten.

Doch was geschieht, wenn ein Kritiker keine Bewertung vergeben will? Wenn er das Gefühl hat, ein Text könnte präziser zum Ausdruck bringen, welche Qualitäten ein Film besitzt oder will, dass das Geschriebene tatsächlich gelesen wird.

„[…]this does pose a problem for our METASCORE computations, which are based on numbers, not qualitative concepts like art and emotions. […]Thus, our staff must assign a numeric score, from 0-100, to each review that is not already scored by the critic.“

Nimmt der jeweilige Kritiker also keine eigene (nummerische) Bewertung vor, interpretieren die Mitarbeiter von Metacritic den vorliegenden Text und teilen eine solche zu. Wer sich und seine Kritik falsch verstanden fühlt, kann sich ja an die Betreiber wenden.

Die letzte der drei populärsten Kritik-Aggregatoren ist die ulkig benannte Seite Rotten Tomatoes. Es gibt viele Möglichkeiten, Darstellern auf einer Bühne zu zeigen, dass einem das Dargebotene nicht gefällt. Als eines der effizientesten Mittel haben sich historisch faulige Tomaten erwiesen. In virtueller Form frönt die Seite genau dieser Form der Kritik. Auch diese Seite begann als Hobbyprojekt einiger Studenten im Jahre 1998, im Juni 2004 kaufte das Mediennetzwerk IGN Entertainment die Seite auf. Im Februar dieses Jahres übernahm der Online-Ticketservice Fandango (anteilig im Besitz von NBCUniversal und Warner Bros.).

Die Bewertung auf der Seite wird in Prozent angegeben, wobei berechnet wird, welcher Anteil der ausgewählten Kritiker eine eher positive Bewertung abgegeben hat. Positive Urteile werden mit „fresh“, negative mit „rotten“ gekennzeichnet, vergleichbar mit dem „Daumen hoch/ Daumen runter“-System, das Roger Ebert (bzw. römische Kaiser während Gladiatorenkämpfen) popularisiert hat. Ein Film, dessen Kritiken zu 60 Prozent oder mehr „fresh“ sind, gilt insgesamt als „fresh“. Als eine Art Sonderauszeichnung gibt es die Kategorie „certified fresh“, die bei einem „Tomatometer“ von über 75% bei einer bestimmten Zahl von Kritikerstimmen vergeben wird. Ausgewertet werden (ähnlich wie bei Metacritic) nur Quellen, die im Vorfeld von den Betreibern der Seite anerkannt worden sind. Und genau wie dort gilt: Wer keine Wertung abgibt, dem wird eine zugeschrieben.

(Video: Are Rotten Tomatoes Scores Accurate?)

Man kann dieses System für seine Nuancenlosigkeit kritisieren oder für die Einfachheit loben. Sicher ist aber, dass die Aussagekraft des „Tomatometers“ erhebliche Schwächen hat. Ein Film, den jeder aufgenommene Kritiker für knapp überdurchschnittlich hält (die also gerade eben so das Label „fresh“ erreichen) würde eine Wertung von 100% erhalten, die Perfektion und Fehlerlosigkeit suggeriert. Ein anderer, den alle Kritiker, bis auf einen einzigen, für ein zeitloses Meisterwerk halten, würde niedriger eingestuft werden. Philip Conklin argumentiert in seinem Artikel für das Magazin The Periphery, dass Rotten Tomatoes dadurch „Mittelmäßigkeit belohnt“ und „dem Unterschied zwischen Mittelmäßigkeit und Größe keine Beachtung schenkt.“

Darüber hinaus wurde vielfach deutlich, dass das System Kritiker im besonderen Maße zur Konformität drängt. Immer wieder laufen Fans Sturm gegen Querdenker, die eine perfekte 100%-Bewertung durch ihre verfaulte Tomate beschmutzten. Filmjournalist Danny Bowes bemängelt sogar den „Faschismus, den Rotten Tomatoes hervorbringt„. In seinen Augen spiegelt das binäre System schwarz-weiße Weltbilder wieder, die keine Zwischenstufe zwischen Freund und Feind erlauben. Er sieht Reformbedarf, weil Fans die Rotten-Tomatoes-Wertung wie ein Videospiel behandeln, bei dem das favorisierte Kulturprodukt den High-Score erreichen soll.

Natürlich gibt es noch zahllose weitere Angebote, die nach ähnlichen Prinzipien verfahren. Auch viele deutsche Filmseiten bieten Nutzer-Wertungssysteme an, mit der OFDb gibt es ein deutsches äquivalent zur IMDb. Viele dieser Seiten sind hochfrequentiert.

Man könnte diesem Phänomen, das zunehmend an Bedeutung gewinnt, unkritisch gegenüberstehen: Solange Konsumenten, Kritik und Industrie die Wertungen der Aggregatoren als das behandeln, was sie sind, wären sie kein Problem. In jedem Fall wird lediglich ein Schlaglicht auf den kritischen Konsens oder die öffentliche Meinung geworfen. Das Problem ist, dass sie so nicht gesehen werden. Die frischen Tomaten, die Prozent- oder Punkturteile sind Kaufgrund und Werbemittel zugleich. Sie werden im öffentlichen (Internet-)Diskurs als Kriterium für die Wertigkeit eines Films angesehen, in Wikipedia-Artikel aufgenommen und von Werbekampagnen aufgegriffen.

(Filmstill aus Angriff der Killertomaten; Copyright: Universum Film GmbH)

(Filmstill aus Angriff der Killertomaten; Copyright: Universum Film GmbH)

Man könnte grundsätzlich argumentieren: Als Manifestation des Wunsches nach Eindeutigkeit ersetzen die Bewertungen tatsächliche Diskussion. Sie erzeugen eine Illusion von Objektivität und Vergleichbarkeit, die so nicht besteht. Die Auseinandersetzung mit dem einzelnen Film wird ersetzt durch das Abwägen der Filme untereinander. Dieser Umstand findet seinen Ausdruck in den zahllosen Listen und Tabellen, welche das Bild der Seiten prägen. Sowohl Metacritic als auch Rotten Tomatoes werden offiziell als reine Entscheidungshilfe für den Kinobesuch beworben und bringen dadurch vor allem Konsumenten-Kritik hervor. Man stelle sich vor, im Museum würden beschreibende Texte durch Zahlenwertungen ersetzt.

Doch selbst wer Bewertungssysteme dieser Art nicht grundsätzlich ablehnt, sollte den Plattformen skeptisch gegenüberstehen.
Ihre Wertungen sind intransparent. Keine der oben benannten Aggregator-Seiten veröffentlicht den exakten Algorithmus, mit dem ihre Wertungen entstehen. Es ist unmöglich zu überprüfen, inwiefern Wertungen durch die Gewichtungen der jeweiligen Seiten verfälscht werden. Verzerrungen und breit angelegte Irrtümer, statistische Fehler und Willkür können auf diese Weise nicht aufgezeigt werden. Eine Kontrollinstanz, außerhalb der durch die Betreiber geschaffenen Rahmenbedingungen, kann es somit nicht geben. (Die IMDb weist auf diesen Umstand explizit hin, kommt aber zu dem Ergebnis: „You will just have to take our word that the scheme is unbiased.“ Skeptikern wird geraten, die Wertung zu ignorieren. Doch dieser Disclaimer wird natürlich nicht in der Nähe der Bewertungen selbst, sondern versteckt in Untermenüs verborgen.) Innerhalb der angegebenen Parameter besteht ein großer Spielraum für Manipulation, und die Firmen denen die Seiten gehören, hätten durchaus ein Interesse an solcher.

Denn: Die Aggregator-Seiten sind nicht neutral, sondern gehören großen Konzernen mit dem marktwirtschaftlichen Ziel der Gewinnmaximierung. Firmen wie Warner Bros., Amazon.com und CBS Interactive Inc. profitieren unmittelbar von einem positiven Bild ihrer Produkte. Sie alle sind beteiligt an Produktion und Vertrieb von Filmen. Die Konstellation, in der die Hersteller eines Produkts auch im Besitz der Struktur sind, über die viele Menschen die Kritik an dieser rezipieren, sollte stutzig machen, zumal über diese Plattformen auch (durch Trailer, Artikel, Toplisten und Co.) Aufmerksamkeit für sie generiert wird. Es ist gut möglich (sogar am wahrscheinlichsten), dass intern weder Druck noch Einflussnahme auf die jeweiligen Redaktionen besteht. Doch das beste Mittel gegen Korruptionsvorwürfe ist meist, gar nicht erst den Eindruck entstehen zu lassen.

Ein weiteres Problem ist, dass unzugängliche, kontroverse oder künstlerisch ambitionierte Filme unter den Aggregatoren leiden. Wie bereits erwähnt, sagen die Zahlen, die am Ende des Aggregations-Prozesses stehen, nichts über die Verteilung der Einzelpositionen aus. Deshalb bilden sie nicht die Summe der Kritik ab, sondern ihren Durchschnitt. Damit werden sie zum Sprachrohr des kleinsten gemeinsamen Nenners, zu Echokammern des Mainstreams. Sie zementieren und kanonisieren den Massengeschmack.

Selbst in ihrer Funktion als Datenbank und Informationsquelle haben die Plattformen stellenweisedeutliche Probleme, häufig werden große, amerikanische Produktionen deutlich akkurater abgebildet als kleinere aus dem Rest der Welt.

(Filmstill aus Findet Nemo; Copyright: Walt Disney Germany)

(Filmstill aus Findet Nemo; Copyright: Walt Disney Germany)

Cineasten sei ans Herz gelegt, Filmkritiken tatsächlich zu lesen, zu hören, anzusehen und am besten sogar selbst zu verfassen. Nicht als reine Konsumberatung, sondern vor allem, um ein Kunstwerk durch die Augen eines anderen Menschen neu zu entdecken. Wer Freude an Filmen hat, hat auch Freude an Texten über Filmen. Je besser wir das Kino verstehen, desto mehr Vergnügen bereitet es uns.

Aggregatoren können niemals einen vollständigen Ersatz dafür bieten. Sie bieten wenig mehr als den kalten Absolutheitsanspruch vermeintlicher Neutralität und erheben das zwanghafte Rechthaben zum obersten Prinzip. Menschen haben gerne Recht, aber man sollte ihnen nicht immer geben, was sie wollen, sondern manchmal auch das, was sie brauchen. Irrtümer oder was wir dafür halten mögen unangenehm sein, aber Generationen von Menschen haben gerade in diesem vermeintlichen Defekt eine große Schönheit entdeckt: „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“ „Nur der Irrtum ist das Leben, und das Wissen ist der Tod.“ „Ein begabter Irrtum kann in den Himmel der Fehler kommen, ein trockenes Rechthaben in die Hölle der Nichtigkeiten.“ Man sollte diese Ideen nicht versammeln und zusammenzwängen wie in einem Gefängnis. Sondern sie einfach für sich selbst stehen lassen.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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