Das Box Office als Wahlurne – Gibt Erfolg an der Kinokasse den Fans recht?

Es gibt viele Gründe, einen Film zu lieben. Vielleicht für seine spannende Geschichte oder die originelle, überraschende Machart. Aufgrund der gewitzten Dialoge, atemberaubenden Bilder, einer mutigen Aussage oder des Schimmerns des Mondlichts auf den Gesichtern des Liebespaares beim ersten Kuss in der persönlichen Lieblingsszene. Manche Gründe sind weniger naheliegend, haben sie doch mit dem Film selbst kaum etwas zu tun: In der Ära des modernen Franchise-Kinos beschäftigen sich Fans oft im gleichen Maße mit dem Erfolg eines Blockbusters an den Kinokassen wie mit dem Film selbst.

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(Filmstill aus Suicide Squad von David Ayer; Copyright: Warner Bros.)

Während die Obsession mit Besucherzahlen lange Domäne von Studios und Fachbranche war, füllt sie längst auch soziale Medien, Film-Foren und die Kommentarspalten von News-Seiten. Nur auf den ersten Blick besteht ein Widerspruch zwischen dem emotional überbordenden Wesen des Fantums – Fan kommt immerhin von Fanatiker – und der sachlich-kalten Sprache von Business-Pressemeldungen und Box-Office-Analysen. Fangemeinden sind in der Regel konservativ. Sie verstehen sich als bewahrende Kräfte, als Hüter des Kanons. Hohepriester mit dem alleinigen Recht, einen heiligen Text zu deuten.

Diese Bestreben bekommen eine neue Bedeutung in einem popkulturellen Kontext, in dem nahezu jede Filmreihe von einer gewissen Größe so lange fortgesetzt wird, bis sie ihre Popularität verloren hat. (Das Vorgehen der Studios erinnert dabei an das Peter-Prinzip, dem zufolge jeder in komplexen Hierarchien solange befördert wird, bis er von seiner Arbeit überfordert ist.)

Zeitgenössische Franchise-Unternehmen lehnen sich an das Prinzip der Serien an, die unter anderem deshalb erfolgreich sind, weil sie eine verlässliche Präsenz in einer Welt schaffen, die zunehmend unwägbar wirkt. Die regelmäßigen Veröffentlichungsabstände schaffen Fixpunkte im Kalender, das Sehverhalten wird ritualisiert, fiktive Figuren wachsen den Menschen ans Herz und werden zum Verwandtschafts-Substitut, das Ende einer geliebten Serie stürzt Fans in fast existenzielle Abgründe. Im Franchise-Film ist das Erscheinen neuer Einträge in Erfolgsreihen und Superhelden-Universen Jahre im Voraus geplant und bildet ein Gesamtkontinuum. Die Kultur rund um Comic-Con, Veröffentlichungspläne bis in die ferne Zukunft und Teaser-Lawinen ist eine der Versprechungen. Das Gefällige verkündet seinen Jüngern mit jedem neuen Teil die eigene Ewigkeit. Und damit vielleicht auch ihre. Fans haben heute oft keine Berührungsängste mit der Rolle des Konsumenten, oft gehen sie sogar darin auf.

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(Filmstill aus Wonder Woman von Patty Jenkins; Copyright: Warner Bros.)

Doch selbst Fanatiker wissen um die fragile Natur dieser Gebilde – zu oft mussten sie erleben, wie sich die nächste Staffel der unvollendeten Lieblingsserie vor ihren Augen in Luft aufgelöst hat. Oder wie der erträumte Nachfolger eines Films nie kam. Aus dem Scheitern prestigeträchtiger, bei Kritikern oder Anhängern beliebter Serien und Filmreihen haben viele den Schluss gezogen, dass lediglich finanzieller Erfolg das langfristige Bestehen eines Franchise garantiert.

Deshalb könnte man die Faszination von Fans mit dem Box Office vorschnell als reinen Pragmatismus verstehen: Wer etwas mag, möchte mehr davon sehen. Durch die Errungenschaften der modernen Informationsgesellschaft stehen heute jedem Konsumenten Informationen zur Verfügung, die früher nur für Insider oder bestenfalls in Branchenmagazinen zu finden gewesen wären. Box Office-Analysen und -Daten sind im Internet so leicht zu finden wie Katzen-Gifs, besonders beliebt ist dabei die Seite Box Office Mojo, im Besitz von amazon.com.

Hinzu kommen Automatismen der Industrie, die dafür sorgen, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer Fortsetzung fast mathematisch aus Budgets und Ticketverkäufen errechnen lässt. Interna, die an die Öffentlichkeit gelangen, wie etwa im Rahmen des Sony-Hacks, tun dabei ihr übriges.

Doch hinter der zunehmenden Obsession mit Besucherzahlen steckt mehr. Es liegt etwas Perverses darin, wenn Enthusiasten einen multinationalen Konzern nicht mehr nur für das lieben, was er tut, sondern auch für die Mechanismen, nach denen er arbeitet. Es ist eine Sache, Marktkräfte der Kultur zu akzeptieren; sich für sie zu begeistern, wie für einen Sportverein, ist etwas Anderes.

Tatsächlich ist dieser Vergleich nicht völlig widersinnig: Die Einspielergebnisse der Filme werden stellenweise beobachtet wie die Punktzahl eines Athleten oder der High-Score bei einem Videospiel.

Wenn diese Perspektive in Horse-Race-Berichterstattung umschlägt, wird oft die politische Streitbarkeit eigentlich wenig aufregender Filme deutlich. „Arrogant, big-mouthed, divisive Hollywood blowhards took a massive hit at the American box office this weekend“, fasst etwa die konservative Nachrichtenseite Breitbart Meldungen über das Abschneiden von Die Highligen drei Könige, Vor ihren Augen und Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 2 zusammen. Eine laue Komödie, ein schwacher Thriller und das recht enttäuschenden Finale der Jugendbuchreihe werden hier behandelt, als wären sie so strittig wie Pier Paolo Pasolinis Salò. (Dabei geht es eigentlich weniger um die Filme, als um Aussagen der jeweiligen Stars.) Ihr Fazit angesichts der angeblich enttäuschenden Zahlen: „Don’t be mad, Hollywood. America is just hating you back.“

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(Filmstill aus Ghostbusters von Paul Feig, Copyright: Sony Entertainment)

In der Regel berichtet die Seite seltener und nüchterner über die Einspielergebnisse von Filmen. Doch immer, wenn es um scheinbar umstrittene Filme geht, ist man mit dem Verweis auf seine Finanzen zur Stelle. Den enttäuschenden Ticketverkäufen der durch ihren weiblichen Haupt-Cast als feministisch gebrandmarkten Neuauflage der Ghostbusters widmete die Seite gleich zwei Artikel, ebenso dem Erfolg der Anti-Hillary-Clinton-Doku Hillary’s America.

Nachdem das rechte, frauenfeindliche Blog mit dem (vor Selbstüberschätzung nur so strotzenden) Namen Return Of Kings aufgrund der Protagonistin Rey zum Boykott von Star Wars: Das Erwachen der Macht aufgerufen hatte, brüstete man sich dort im Anschluss damit, die Einnahmen des siebten Teils der Reihe durch die eigene Berichterstattung um 4,2 Millionen Dollar verringert zu haben. Unabhängig davon, ob dies zutrifft oder überhaupt relevant wäre angesichts einem Einspielergebnis von über 2 Milliarden Dollar weltweit, ist interessant, dass ausgerechnet dieser Angriffsvektor gewählt wurde.

Das Kino war schon immer ein Schlachtfeld der Ideologien, die Liste der Filme, die hitzig diskutiert, verboten, zensiert und boykottiert wurden, ist lang. In Deutschland erregen sich nur noch selten die Gemüter über Filme, während sie in den USA regelmäßig die Gesellschaft spalten – oft, wie beispielsweise im Fall von Clint Eastwoods American Sniper, sogar entlang von Bundesstaatsgrenzen.

Doch diese regionalen Unterschiede sind angesichts der globalen Vernetzung vergleichsweise unerheblich: Auch die Cinephilie mit ihrer inhärenten Liebe zum Analogen findet ihren Ausdruck heute überwiegend online. In seinem Essay The New Cinephilia zieht der amerikanische Filmkritiker Girish Shambu sogar eine direkte Linie zwischen den belebten Büroräumen des Cahiers du cinéma und dem permanenten Austausch moderner Kritiker und Enthusiasten. Die „Nerd-Kultur“, die sich unter anderem aufgrund von Comic-Adaptionen wieder verstärkt Filmen widmet, besitzt ohnehin eine hohe Affinität zum lautstarken Netzdiskurs. Jeder Streit über das Kino, der etwa in den USA geführt wird, findet deshalb ein internationales Echo. Immer werden so kulturelle Konfliktlinien deutlich.

Filme sind Ausdruck der Gesellschaft, die sie hervorbringt, beeinflussen ihre Beschaffenheit allerdings auch in vielen Fällen nachhaltig. In der Regel sind die Diskussionen und Kämpfe um einen Film Fortführungen ihres Inhalts: Dass etwa Stanley Kubricks Uhrwerk Orange zu einer Diskussion über Jugendkriminalität, Gewalt und das Strafsystem führte, leuchtet unmittelbar ein.

Solche Sachdiskussionen sind jedoch fordernd und ermüden schnell. Ein Film ist schwer zu erklären, da er leicht zu verstehen ist. Jeder Austausch um Haltung und Bedeutung eines Kunstwerkes ist komplex. Er kann frustrierend sein, weil im Internet selten eine optimale Grundlage für ergiebigen Dialog gegeben ist. Daher dient der Verweis auf den finanziellen (Miss-)Erfolg eines Films oft als Ersatz für den Streit um Form und Inhalt.

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(Filmstill aus 13 Hours von Michael Bay; Copyright: Paramount Pictures Germany)

Seine Aussage, seine politische Haltung, wird dann von allen Fraktionen als weitestgehend gegeben angesehen; als etwas, das keiner Überprüfung und Diskussion mehr bedarf. Ein Film wie 13 Hours ist dann entweder ein Stück blutrünstiger Jingoismus oder aber eine reflektierte Hymne auf verratenes Heldentum. Ghostbusters (2016) wurde oft schon ungesehen als männerfeindliche Propaganda oder ein Meilenstein der Emanzipation gewertet. Positionen müssen nicht immer gleichwertig sein, stellenweise gibt es sogar Berührungspunkte und man ist sich lediglich über die Einordnung des Dargestellten uneins. Den jeweiligen Fraktionen geht es dann oft nur noch darum, ob die Öffentlichkeit die Gesamtheit der vermeintlich in einem Film vorhandenen Aussagen bedingungslos unterschreibt (Erfolg an der Kinokasse) oder ablehnt (Flop.)

Natürlich ist diese Sichtweise absurd: Zwischen den Einnahmen eines Films und seinem Wert als Kunstwerk besteht kein Zusammenhang. Auch darüber, ob die Gesellschaft die im Film vermittelten Werte und Ideen teilt, gibt die Zahl der Kinobesucher kaum Auskunft. Schon in der Politik ist der Verweis auf Sachzwänge, Pragmatismus und Alternativlosigkeit oft nur ein Manöver, um die eigene Position zu verschleiern. Wo es um Kultur geht, wird er vollends absurd. Natürlich ist es sicher möglich, bestimmte Trends an Ticketverkäufen abzulesen. Aber warum Zuschauer einen Film nicht besuchen, hat nur in wenigen Fällen unmittelbar damit zu tun, dass sie seiner „Aussage“ nicht zustimmen. Laut dem Report „Der Kinobesucher 2015“ sind Besuchsgründe für die meisten Kinogänger vor allem: die Story des Films (27,8 %), seine Rolle als Fortsetzung (14 %) oder der Wunsch einer Begleitperson (12,7 %). Für weniger als 7 % ist es relevant, dass der Film gerade Gesprächsthema ist, politische Gründe wurden nicht erfasst. Die Zeiten, in denen ein Film wie Ingmar Bergmans Das Schweigen durch eine Kontroverse 10,5 Millionen Zuschauer ins Kino locken konnte, sind vorbei. Das heißt nicht, dass nicht immer wieder Menschen als politisches Statement ins Kino gehen, doch zumindest in Deutschland stellen sie keine substanzielle Größe da.

Viele Fans – um über Umwege zur Ursprungsfrage zurückzukehren – haben zwar nicht automatisch eine politische Agenda, aber sehen sich auch auf einer Seite eines Konflikts: Dem zwischen ihnen und Kritikern. Weil Hollywood regelmäßig Stoffe mit eingebauter Fan-Basis umsetzt, haben sie oft Kundschaft mit eingebauten Meinungen.

Nachdem Anfang des Monats erste Kritiken zu Suicide Squad erschienen, riefen Anhänger des DC-Filmuniversums eine Petition gegen die Aggregator-Plattform Rotten Tomatoes ins Leben. Sie wurde wenig später von ihrem Initiator zurückgezogen, der erklärte: „das Einzige, was sie hervorgebracht hat, ist Verbreitung […] von Hass und Online-Kämpfen unter den Befürwortern und Gegnern.“ Bereits 2012 erhielten Kritiker nach schlechten Besprechungen von The Dark Knight Rises Todesdrohungen. Die Liste ähnlich wirrer Aktionen ist lang, es handelt sich nicht um Einzelfälle.

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(Filmstill aus Suicide Squad von David Ayer; Copyright: Warner Bros.)

Immer wieder kommt es vor, dass Franchise-Einträge zwar miserable Kritiken erhalten, aber dennoch große Erfolge an den Kinokassen feiern können. Den von Journalisten verprellten Anhängern der verrissenen Filme bleibt dann immer noch, sich aufgrund von Box-Office-Erfolgen als Teil der stillen Mehrheit zu wähnen. Im obrigkeitskritischen Ton, in der Haltung des Underdogs bemäkeln sie eine Autorität, nur um auf eine andere zu verweisen. Es ist die Logik von Populisten wie Trump, die das „Establishment“ attackieren, um es selbst zu werden; die Skepsis gegenüber Experten predigen, aber damit immer solche mit unpraktischen Meinungen meinen.

Vielleicht ist diese allgemeine Tendenz ein Warnsignal: Soziale Medien, in der im Minutentakt gegenläufige Meinungen aufeinandertreffen, beschleunigen Diskurse, oft in Richtung der Zuspitzung. Die Videospiel-Gemeinschaft hatte in den vergangenen Jahren erhebliche Probleme mit einer kunst- und immer wieder auch menschenfeindlichen Bewegung mit dem Namen GamerGate. Diese verstand sich selbst als eine Konsumenten-Bewegung gegen einen (linksliberalen) Konsens – eine Selbstbeschreibung, welche die Kritiker-Kritiker, die immer wieder auf Ticketverkäufe verweisen, sicherlich nicht ablehnen würden. Die Diskussion um Filme wie Batman v Superman: Dawn of Justice oder eben Suicide Squad hatte oft schon den hitzigen Ton, in dem auch um die Seele des neueren Mediums gestritten wurde. Der Film scheint erwachsener – was nicht heißt, dass nicht immer auch der Rückfall in solche längst überwundenen Grundsatz-Konflikte droht.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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