Hummer sind auch nur Menschen – Die schlechtesten Verleihtitel 2016

2016 ist ein Jahr mit miserablem Ruf, es gilt vielen als düsteres Kapitel der Weltgeschichte und Sammlung von Enttäuschungen, Ärgernissen und traurigen Ereignissen. Man sollte meinen, die Menschen hätten genug gelitten, eine Art kosmisches Karma müsse Ausgleich schaffen. Doch zumindest gegen die Schandtaten der deutschen Filmverleiher konnten etwaige Kräfte des Guten auch in diesem Jahr wieder nichts ausrichten.

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Seit langer Zeit martern sie ihr Publikum mit lokalisierten Verleihtiteln, die so grotesk klingen, als wären sie von Lewis Caroll, Mike Krüger und H.P. Lovecraft nach dem gemeinsamen Opiumkonsum erdacht worden. Wer Filme verleiht, so muss man annehmen, lebt in einer schrecklichen Parallelwelt von nichteuklidischer Geometrie, in der Wörter wie „smektakulär“ oder „Robowabohu“ nicht nur Sinn ergeben, sondern auch reißende Kundenströme anlocken.

Oder auch einer Welt, in der Filmzuschauer wie Kinder sind, denen man wirklich alles bis ins letzte Detail erklären muss. Titel sollten Teil eines Gesamtkunstwerks sein, vom Künstler selbst gewählt. Eine sanft gehauchte Vorahnung, die Erwartungen schürt, Mysterien und Widersprüche eröffnet oder programmatisch für eine Idee steht. Nomen est omen. Stattdessen werden Originaltitel übersetzt und dupliziert (Les Démons – Die Dämonen, schlimm: The Revenant – Der Rückkehrer), um Erklärungen ergänzt (Mahana – Eine Maori-Sage, The Ones Below – Das Böse unter uns) und mit Reizwörtern versehen, die Genre und Zielgruppe verdeutlichen. Verleiher treten als Wiedergänger Pawlows auf, die mittels treffend gewählter Stimuli ein Publikum zum Sabbern bringen wollen.

Die am weitesten verbreiteten Schlagwörter waren auch in diesem Jahr wieder „Leben“ und „Liebe“ – der sicherste Weg, Geschichten zu seichten Schmachtfetzen zu erklären. Zu welcher Geschichte würden diese banalen Hülsen auch nicht passen? Jean-Marc Vallées Demolition vereint beide und verspricht dem Zuschauer Lieben und Leben. Suite française wird um Melodie der Liebe erweitert, Oscarkandidat Brooklyn gilt nun als Eine Liebe zwischen zwei Welten und L`économie du couple wird zu Die Ökonomie der Liebe. Mit Ma Ma wird Der Ursprung der Liebe gesucht, der Zusatz zur mexikanischen Komödie Paraíso fragt Was wiegt die Liebe?. Zumindest wissen wir dank Freeheld: Jede Liebe ist gleich.

Truman aus Spanien heißt plötzlich Freunde fürs Leben und verkündet im Zusatztitel bedeutungsschwer Alles was zählt, ist jetzt. In Dear Zindagi wird ein Liebesbrief an das Leben verfasst, aus How to Make Love Like an Englishman mit Pierce Brosnan wird Professor Love, was mehr als schmierig klingt. Die Familiengeschichte Väter und Töchter bietet Ein ganzes Leben, das Sterbehilfe-Drama Me Before You hingegen nur Ein ganzes halbes Jahr.

Wahrhaft babylonische Sprachverwirrungen durchlitt der wohlgemerkt französische Film Valley of Love von Guilliaume Nicloux, der – und allein das ist in Frankreich schon ein Unikum – keinen einheimischen Originaltitel besaß. Naheliegend gewesen wäre, das Drama als Das Tal der Liebe zu veröffentlichen, so aber folge man immerhin der Konvention und kombinierte den Originaltitel mit seiner deustchen Übersetzung zu Valley of Love – Das Tal der Liebe. Als innersprachlicher Interpretationsraum können Fälle dienen, in denen ein fremdsprachiger Titel durch einen anderen ersetzt wurde: Der eigentlich treffend War On Everyone etwa wird als Dirty Cops: War on Everyone vertrieben. Cops, Dirty – Reizwörter eben.

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(Filmstill aus Valley of Love. Copyright: Concorde Filmverleih GmbH)

Einige Trends der vergangenen Jahre setzen sich fort. Amerika galt – auch vor den jüngsten Umbrüchen – als gefährlicher Ort, noch immer versteckt sich Captain America schamvoll hinter dem Pseudonym The First Avenger, diesmal eben im Civil War. Und noch einem Exportartikel verweigert man sich heldenhaft: Dem bestimmten Artikel „The“. Regelmäßig wird er aus Filmtiteln gestrichen, damit niemand an der Multiplex-Kasse in die Verlegenheit kommt, Klischees über die kontinentaleuropäische TH-Schwäche zu bestätigen. Siehe: The Conjuring 2.

Die Ergebnisse sind seltsam: So wie der Roman ist auch die Adaption von The Girl on the Train in Deutschland ohne den garstigen Artikel erscheinen. Zumindest ohne den ersten, denn zu Girl on Train oder sogar Traingirl konnte man sich bei allem Umdeutungswillen nicht durchringen. Immerhin: Die Anzahl der Artikel wurde um 50 Prozent reduziert. Hurra?

Bei Spielbergs The BFG wurde, aufgrund des kryptischen Akronyms, nicht nur das TH wegrationalisiert, sondern gleich alles ausbuchstabiert: BFG – Big Friendly Giant. Ähnlich kurios sind das Wegfallen des Bindestrichs in Wiener Dog oder der Fall des Actionstreifen Hardcore Henry, der seines Helden beraubt und als Hardcore veröffentlich wurde. Warum nicht gleich Magic Mike, Good Will Hunting oder The Big Lebowski? Mit der Doku Eat That Question – Frank Zappa in His Own Words wurde Reise nach Jerusalem gespielt, bis Frank Zappa – Eat That Question herauskam.

Die Hochkonjunktur drittklassiger Wortspiele hält weiter an: Die Katzenverwandlungskomödie Nine Lives benannte man kurzerhand in Voll verkatert um – möglicherweise eine Selbstbeschreibung der Verantwortlichen während des entsprechenden Meetings. Eine ähnliche Wortverspieltheit macht aus dem Will-Smith-Prestigeprojekt Concussion kurzerhand Erschütternde Wahrheit, was man angesichts der Thematik (Gehirnerschütterungen und Selbstmorde unter Profisportlern) fast als ein wenig pietätlos empfinden könnte. Des einen Freud ist des anderen Verleihtitelwortspiel.

Eine harsche Ausprägung des virulenten Erklärbärentums hat Studiocanal-Mitarbeiter befallen, die Edward Zwicks Pawn Sacrifice hierzulande als Bauernopfer – Spiel der Könige vertreiben – wahrscheinlich nachdem Schachschachschach – Dieser Film handelt von Schach als zu subtil verworfen wurde. Ebenso bedacht, den Schachbezug ihrer Veröffentlichung hervorzuheben, waren die Macher von Magnus, der Doku über Magnus Carlsen, welcher kurzerhand als Der Mozart des Schachs geadelt wurde. Und der schöne Titel Our Brand is Crisis wich dem langweiligen, aber eindeutigen Die Wahlkämpferin.

Das Creed nicht nur von der Boxkarriere des jungen Adonis Johnson erzählt, sondern auch Sylvester Stallone mitspielt, hätte man wohl auch Poster oder Trailer entnehmen können. Trotzdem entschloss man sich bei Warner Bros., den Titel um den Zusatz Rocky`s Legacy zu ergänzen, und den Fokus vom Protagonisten weg stärker auf die Figur zu lenken, die eigentlich nur noch zur Staffelstab-Übergabe angetreten ist. Ähnlich irritierend ist der neue Schwerpunkt, der bei der Adaption des chilenischen Minenunglücks The 33 gesetzt wurde, nunmehr pathetisch 69 Tage Hoffnung getauft. Möglicher Grund: Eine Steigerung der Nummer um 36.

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(Filmstill aus 69 Tage Hoffnung. Copyright: Warner Bros. GmbH)

Einige Titel versprechen eine Heldenreise oder einfach Tourismus: An Captain Fantastic wurde der Zusatz Einmal Wildnis und zurück geklemmt und der spanische Animationsfilm Atrapa la bandera (etwa: Capture the Flag) in Einmal Mond und zurück umbenannt. Diese Titel stehen in einer reichen Tradition: Allein in den letzten Jahren sind Paradies und zurück, Einmal Hallig und zurück, Einmal Frühling und zurück, Einmal Toskana und zurück und viele weitere erschienen. Das Kino als Reisebüro, als Bahnschalter mit Rückfahrticket.

Giorgos Lanthimos` englischsprachiges Debüt The Lobster wurde mit dem schon schwer vertretbaren Zusatztitel Eine unkonventionelle Liebesgeschichte veröffentlicht. Ungleich schlimmer jedoch war der ursprünglich angekündigte, der immer noch durch das Netz geistert: Hummer sind auch nur Menschen. Das ist nicht nur Unsinn, sondern auch höchstens lose an der tatsächlichen Handlung orientiert. Warum nicht gleich Ein Hummer kommt selten allein, Immer Kummer mit dem Hummer oder Einfach Hummerhart?

Die große Kunst bei der Titelauswahl besteht in der Präzision. Darin, in wenigen Worten viel zu erzählen. Doch gerade in der Lokalisierung metastasieren selbst kürzeste Namen zu gewaltigen Wortklumpen. Das Sportlerdrama Race spielt mit der Doppelbedeutung des Begriffs. Das ist auf Deutsch nicht möglich, als Ersatz hat man sich für die griffige Version Zeit für Legenden – Die unglaubliche Geschichte des Jesse Owens entschieden. Truth wird zu Der Moment der Wahrheit gebläht, Miss You Already zu Im Himmel trägt man hohe Schuhe. So kann man Poster und DVD-Cover auch füllen.

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(Filmstill aus Vaiana. Copyright: Walt Disney Germany)

Natürlich tragen die Verleiher nicht für jede Stilblüte die Schuld. In einigen Fällen mag es bestehende Verträge geben, vielleicht auch unübersetzbar Fremdartiges. Doch SEO-Gesichtspunkte und Marketing-Erwägungen können Cineasten nicht nur getrost ignorieren, sie sollten es sogar. Zumal in vielen Fällen ein Risiko gesehen wird, wo keines ist: Das Animationsabenteuer Moana teilt sich den Namen mit einem Film über eine italienische Erotikdarstellerin. Ob diese winzige Produktion wirklich ausreichender Grund für eine Namensänderung war? Auch wer im Mäusekonzern das Wortspiel von Zootopia für zu fordernd für die Germanen hielt, aber dann den wirren Kompromiss Zoomania ausrief, hat dafür keine gute Ausrede. Es heißt, eine Namensänderung sei notwendig gewesen, weil ein dänischer Zoo in Europa die Rechte auf den Ursprungstitel habe. Warum man sich dann allerdings nicht für die in nahezu allen Nachbarländern gewählte Version Zootropolis entschieden hat, bleibt ein Rätsel. Moana läuft in den Kinos des Landes als Vaiana – Das Paradies hat einen Haken. Und wenn der daraus besteht, dass auch dort Filme unter seltsamen, kruden, unpassenden, albernen, paternalistischen, kunst- und gedankenlosen Titeln gezeigt werden, sollte man sich das mit dem Paradies vielleicht noch einmal überlegen.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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5 Gedanken zu “Hummer sind auch nur Menschen – Die schlechtesten Verleihtitel 2016

    • „Sophiechen und der Riese“, genau wie die Kinderbuchvorlage, wäre doch gar nicht so schlimm gewesen. Ich halte es für legitim, wenn Kindergeschichten auch einen kindergerechten Namen tragen. Man hätte natürlich auch beim Originaltitel „The BFG“ bleiben können – dass es um Riesen geht, kann man auch von Postern, Trailern oder aus einer Inhaltsbeschreibung ablesen.

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