Über das Problem von Technologiekritik in Kino und Serien

Wenn Menschen heute noch Visionen für die Zukunft formulieren, dann richtet sich ihr utopisches Denken auf Technologie. Dabei hat sich so etwas wie ein Antagonismus entwickelt, vielleicht ist es aber auch einfach Arbeitsteilung: Während die Technologiefirmen des Silicon Valley jeden Tag neue Weltrettungsversprechen machen, zerstören in Hollywood und der Unterhaltungsbranche im Allgemeinen Roboter, künstliche Intelligenz, Drohnen, Überwachungssysteme, Smartphones, soziale Netzwerke und Co. regelmäßig den Planeten, zumindest aber das menschliche Zusammenleben und alles, was gut und heilig ist.

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(Filmstill aus Transcendence. Copyright: Tobis Film)

Das Gefühl, etwas Neues und Originelles zu erfahren, hat man dabei selten. Zuletzt nahmen sich Blockbuster wie Spectre, Transcendence und Avengers: Age of Ultron, Genrekino wie Surrogates und Nerve, Serien wie Black Mirror oder Westworld diesem Thema an. (Filme wie Jia Zhangkes Mountains May Depart, deren Vorstellung von Zukunft nicht nur an Technologie gebunden ist, sind selten.) Selbst die The Fast and the Furious-Reihe, deren Maschinenstürmertum sich sonst im Verschrotten von Autos erschöpft, lässt seine Helden im siebten Teil gegen gefährliche Überwachungstechnologie mit Namen wie God’s Eye kämpfen. Die Liste ist lang.

Kritik an den (negativen) Auswirkungen von neuer Technologie ist zum Allgemeinplatz geworden, so wenig kontrovers wie Kritik an Rassismus oder Krieg; eine lähmende Eintracht. Gleichzeitig haftet der so dringend notwendigen Auseinandersetzung mit den Veränderungsprozessen der Gegenwart eine Aura von Alarmismus und Ewiggestrigkeit an. Sie wirkt gleichförmig und unreflektiert. Das beides gelten soll, ist paradox, aber konsensfähig. Unsere Haltung zu Technik ist von einem tiefen, inneren Widerspruch geprägt. Technologiekritik und -enthusiasmus liegen oft nah beieinander, wenn sie nicht sogar ganz zusammenfallen.

Ein Beispiel: Romane über Technologie werden besonders oft dann zu Bestsellern, wenn sie diese als „leicht bedrohlich“ schildern. Herausgefunden hat das, ironischerweise, eine Maschine: In The Bestseller Code präsentieren Jodie Archer und Matthew Jockers die Ergebnisse ihrer Auswertungen von über 5000 New-York-Times-Bestsellern mittels Text Mining. Sie versprechen, mit ihren Algorithmen die Chancen eines Textes, zum Bestseller zu werden, mit achtzigprozentiger Sicherheit vorauszusagen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Systeme wie dieses Verlegern präzise vorrechnen, welche Bücher eine gute Investition darstellen. Bevorzugt also solche, in denen Technik eher kritisch beäugt wird – was zu Ende gedacht bedeutet, dass hier Computertechnologie zur Kritik an sich selbst rät, zumindest, wenn man eine große Zielgruppe erreichen will. Natürlich ist dem nicht wirklich so, der Algorithmus von Archer und Jockers macht lediglich eine vorher bestehende Präferenz deutlich. Eine Erkenntnis, die eigentlich keine ist, eine vergleichbare Auswertung von Filmen und Serien würde zu demselben Ergebnis kommen.


(Still aus Black Mirror. Copyright: Netflix)

Interessanter ist die rekursive Logik, dieser technologische Selbstbezug, der sich bemerkbar macht. Wo findet man die meisten kritischen Äußerungen zu sozialen Netzwerken? In den sozialen Netzwerken natürlich, wo Videos, Comics oder Bildchen über die negativen Auswirkungen von Smartphones oder Facebook mit großer Regelmäßigkeit gewaltige virale Erfolge werden. Der Streaming-Dienst Netflix benutzt schon seit Jahren einen Algorithmus, um seinen Nutzern maßgeschneidert das zu liefern, was diese sich wünschen. Dazu zählt mittlerweile auch die Serie Black Mirror, die für ihre grundsätzlich skeptische Haltung gegenüber Technologie bekannt ist: Der „schwarze Spiegel“ des Titels beschreibt sowohl den Handy- oder Computerbildschirm als auch die dunkle Reflektion der Wirklichkeit, welche die Serie ihren Zuschauern verspricht. Viele Interviewer fragten Charlie Brooker, der die Idee für die Sendung hatte und die meisten der Drehbücher verfasst hat, ob nicht ein innerer Widerspruch darin läge, Black Mirror ausgerechnet über Netflix zu veröffentlichen – ein Konzern, der mit seiner unaufhörlich wachsenden Marktmacht und klaren Zukunftsvision sicherlich selbst Gegenstand einer Episode sein könnte. Er gab immer wieder Variationen einer ähnlichen Antwort: Es passt auf jeden Fall zusammen. Oder auch: Well, it’s certainly fitting.

Damit räumt er die Zweifel der Interviewer nicht aus, eine Antwort gibt er dennoch. Man könnte sie so lesen: Kritik passt am besten dort, wo sie am wenigsten schadet, wo sie integriert ist, wo sie Teil einer Plattform sein kann und diese durch ihre Präsenz nur noch stärker macht; eine kulturelle Entsprechung der zweifelhaftesten Formen des Embedded Journalism. Brooker erklärt selbst im Interview: „Wir haben keinen Gedanken daran verschwendet, unsere Charaktere mit der Welt des Silicon Valleys verschmelzen zu lassen.“ Diese Gedankenlosigkeit (sind Gedanken je wirklich verschwendet?) ist oft spürbar, denn die Gedankensphären werden natürlich trotzdem eine, nicht nur durch die geographische Nähe der Schauplätze. Vereinzelt tauchen dann plötzlich Folgen wie San Junipero auf, die zwar emotional anrührend, sympathisch und wundervoll divers daherkommen, aber sich unkritisch in ihre Vision verlieben, wie ein hoffnungsvolles Tech-Unternehmen in seine Kreation, und diese ästhetisch affirmieren.

Das Zusammenfinden und Verschmelzen von Fürsprache und Ablehnung ist kein neues Phänomen. Die Umbrüche der Gegenwart werden vielerorts als „vierte industrielle Revolution“ bezeichnet. Schon die erste von der zweiten Hälfte des 18. bis tief ins 19. Jahrhundert hatte ihre Gegner. Allen voran die Ludditen, ein Sammelbegriff für verschiedene Bevölkerungsgruppen, die gezielt Maschinen zerstörten; primär Textilarbeiter, die Industriewebstühle attackierten. Benannt sind sie nach dem Weber Ned Ludd, welcher 1779 im Zorn zwei Strumpfwirkerstühle zerstört haben soll. Ob Ludd wirklich gelebt hat, ist unklar, vieles spricht dagegen. Er könnte auch ein Strohmann der industriellen Revolutionäre gewesen sein, Symbolbild der Rückständigen, die sich nicht in die Vision der Dampfmaschinen-Zukunft einfügen wollten.

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(Ludditen zerschmettern einen Webstuhl. Copyright: Public domain, via Wikimedia Commons)

In seinem 1984 erschienen Essay Is It O.K. To Be A Luddite? beschäftigt sich Thomas Pynchon mit den Legenden, die sich um den Anführer der Bewegung ranken. Der Strumpfwirkerstuhl, der für ihn Stein des Anstoßes gewesen sein soll, war keine neue Erfindung der Epoche, sondern bereits seit 1589 verbreitet und eine feste Präsenz in Ludds Leben. Er hatte sogar mit ihnen gearbeitet. Dieser Umstand legt nah: Gerade Nähe und fast intime Vertrautheit mit der Wirkung einer Technologie führen zur Kritik an ihr.

Kein moderner Maschinenstürmer kommt heute noch ohne Laptop aus. Nur noch vereinzelt hat das Ziel ihres Aufbegehrens einen physischen Korpus, wie bei ihren Geistesbrüdern des 18. Jahrhunderts. Fürchtete C. P. Snow 1959 in seiner (ebenfalls bei Pynchon erwähnten) Analyse Zwei Kulturen noch eine klare Aufspaltung in geisteswissenschaftlich-literarische und technische Kultur, erleben wir heute ihre zunehmende Verknüpfung. Wie Jarett Kobek in seinem Roman I hate the Internet feststellt: „This bad novel, which is a morality lesson about the Internet, was written on a computer.“ (Erwerben kann man Ich hasse dieses Internet unter anderem über Amazon, eine Plattform, die im Roman als „eine unprofitable Website, die sich der Zerstörung der Verlagsbranche verschrieben hat,“ bezeichnet wird.)

Dieser Widerspruch ist bei Kinofilmen oder Netflix-Serien noch einmal ungleich stärker, da sie in ihrer Produktion oft von modernster Technik abhängig sind. Man denke nur an Transcendence, bei dem höchstens die Computereffekte so hässlich sind, dass sie als Technikkritik durchgehen und Johnny Depp schon vor seiner Maschinenwerdung robotischer spielt als Robby aus Alarm im Weltall. Tatsächlich haben die Ludditen hier sogar einen Auftritt, in Form der Terrorgruppe „Revolutionäre Unabhängigkeit von Technologie“, deren Darstellung der von Ned Ludd und seiner angeblichen Raserei erstaunlich nah kommt. Filme denken zu oft in Schablonen. Die Spezifizität, die letztendlich zu einer universell zugänglichen Annäherung an eine Thematik führen könnte, fehlt meist.

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(Filmstill aus Alarm im Weltall. Copyright: Warner Bros.)

Ein großer Teil der Technikkritik in Kino und Serien scheitert daran, dass sie lediglich als Reaktion existiert. In diesen Zukunftsvisionen schwingt eine Unabwendbarkeit mit: Die „schönen neuen Welten“ sind immer schon da, fast prozesslos aus dem Jetzt erwachsen. Dunkle Spiegel der Werbebotschaften. Persönlichkeiten wie Ned Ludd und Charlie Brooker verbindet ihre Nähe zur Technologie – und dass ihnen der Vorwurf gemacht wurde, sie stumpf abzulehnen. „A food critic obviously loves food. A movie critic loves movies. A technology critic is a Luddite“, fasst Medienjournalist Michael Keller diesen gängigen Denkfehler zusammen.

Jeder Veränderungsprozess der Menschheitsgeschichte wurde von einem Teil der Öffentlichkeit kritisch beäugt, hinterfragt oder als Projektionsfläche der eigenen Ängste genutzt. Das ist richtig und wichtig: Veränderung ist ein Kampf und sollte auch einer sein. Was ohne Widerstand Alltag wird, muss entweder ein fauler Kompromiss oder ein Diktat der Stärkeren sein. Wer sich über technisch „Gestrige“ ärgert, bringt damit in der Regel nur seinen Zorn über das Denken zum Ausdruck.

Kalifornische Ideologie und Neo-Luddismus sind heute nicht nur Extrempole, zwischen denen man sich positionieren kann, sondern auch unabdingbar miteinander verbunden. Wer im Kino technikkritisch erzählen und dabei aber mehr als nur Hohlphrasen produzieren will, muss einen dritten Weg finden, jenseits blinder Apokalyptik und Glückseligkeitsverheißung. Kein Kompromiss, sondern eine Neuschöpfung. Es wäre nicht sinnvoll, von Kunst einen konstruktiven Ansatz zu verlangen, schädlich sogar. Das Ziel muss sein, die künstlerische Utopie jenseits von Floskeln und Formeln zu suchen.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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