Hidden Figures

Das Unvermeidbare kann sehr beruhigend sein. Es kennt keinen Zwang und lädt zur behaglichen Passivität ein. Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen von Theodore Melfi lässt die Geschichte auf Schienen fahren, deren Weichen längst gestellt sind. Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Margot Lee Shetterly erzählt die Filmbiografie davon, wie das Überqueren der letzten Grenze Weltraum automatisch auch Barrikaden auf der Erde einreißt. Davon, wie technischer Fortschritt, einer Lawine gleich alles mitreißend, immer auch gesellschaftlichen mit sich bringt.

(© Fox Deutschland)

Der Film beginnt in den Nachwehen des Sputnikschocks und begleitet drei bei der NASA angestellte Afroamerikanerinnen, die einige Jahre vor dem Civil Rights Act von 1964 an die sichtbaren und unsichtbaren Hindernisse ihrer Gegenwart stoßen. Katherine Johnson (Taraji P. Henson) ist eine geniale, aber wenig beachtete Mathematikerin; Dorothy Vaughan (Octavia Spencer) leitet unter großen Anstrengungen ein vielköpfiges Team, doch ein entsprechender Posten wird ihr nicht zugestanden; Mary Jackson (Janelle Monáe) träumt davon, Ingenieurin zu werden. Mit ihren Aufstiegswünschen treffen sie selten auf aktiven, feindseligen Widerstand, sondern vor allem auf die lähmende Trägheit des Status Quo.

Ihre weißen Vorgesetzten und Kollegen sind keine suprematistischen Schurken, sondern sich lediglich der Probleme nicht bewusst oder unfähig, eine Vision über das Jetzt hinaus zu entwickeln. Kevin Costner interpretiert Al Harrison (den Direktor der NASA-Task-Force) als Katalog sanfter Management-Sprüche, vor allem aber als farbenblinden Meritokraten, der für Arbeitsfortschritt allzu bereitwillig bestehende Konventionen über Bord wirft. Wenn er etwa in einem stürmischen Oscar-Showreel-Moment von Katherine erfährt, wie weit ihr Laufweg zu den für sie vorgesehenen Toiletten ist, greift er sofort zum Hammer, um die Ungleichheit zu zerschmettern, als wäre er einem sowjetischen Propagandaposter entstiegen. Es fehlte immer nur das Wissen, so wird suggeriert, nicht der Wille.

Melfi sucht unentwegt nach Bildern für die Sonderstellung seiner Heldinnen. Das liebste ist ihm ein Textilmeer aus weißen Herrenhemden, aus dem der Kontrastfleck ihrer Blazer hervorschimmert. Damit wird die Kluft zwischen uninformierten Uniformierten und jenen bunten Freidenkern deutlich, die den rettenden Fortschritt bringen. Es sind erste farbige Tupfer auf einer monochromen Zukunftsleinwand. Später wird dieses Motiv variiert, mit den grauen Anzügen ranghöherer NASA-Mitglieder. Es sind die Tableaus einer Zeit, in der die bunten Flecken noch nicht sichtbar wachsen, immerhin aber den Ort wechseln.

Diese immer neuen Gruppenporträts entstehen vor allem im Inneren der NASA-Büros, die dem Regisseur als Ausstellungsräume für bestehende Konflikte dienen. Wer welchen Raum betreten kann und darf, gilt Melfi als zentrale Frage. Dabei stehen Ausprägungen der Rassentrennung wie Bibliotheken oder Badezimmer, die nur Weiße nutzen dürfen, merkwürdig gleichbedeutend neben den Folgen der institutionellen Hierarchie. Weil sich beim laufenden Apollo-Projekt etwa die Datenlage im Laufe von Minuten verändern kann, will Katherine unbedingt an dem Meeting ihrer Vorgesetzten teilnehmen. Immer wieder weisen ihre Vorgesetzten und Kollegen – vor allem Paul Stafford, überraschend zurückhaltend verkörpert von Jim Parsons – darauf hin, wie unkonventionell das doch alles sei, dass das nicht den Vorschriften entspräche. Doch irgendwann geben sich alle ihrer nicht zu leugnenden Kompetenz hin, dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments.

Interessant ist, wie sich die Kamera dabei verhält. Meist bilden die sehr statischen Einstellungen die ebenso unbewegten Zustände ab. Die vielen Nahaufnahmen sollen mit den zuvor unerkannten Heldinnen vertraut machen, fühl- und begreifbar, aber sie erzählen vor allem von einer großen Ausweglosigkeit. Grenzen bricht die Kamera nicht auf, vor Schwellen verharrt sie nur – dafür wird immer auf die Teleportationsmagie des Schnitts zurückgegriffen. Ein Film über das Voranschreiten der Welt, der nur dann dynamisch wird, wenn jemand schnell auf die Toilette muss oder – im großen, klimaxheischenden Spannungsfinale – Raketen durch die Atmosphäre donnern. Während Dialogen sind die Kompositionen meist flach, oft wirkt es, als würden die Figuren schon für ein Foto in einem Geschichtsbuch posieren.  Selbst wenn die Raumtiefe hinzukommt und die brillanten Frauen als Teil eines Teams positioniert werden, scheinen andere Ingenieure und Mathematiker wie Dekoration. Der Geniekult ist so tief im Genre verankert, dass selbst ein Ensemble daran wenig ändert.

Auch die Epoche selbst wirkt dekorativ. Alles ist merkwürdig aufgeräumt und manierlich, die idealisierten Heimat- und Familienbilder der Sechzigerjahre werden vom Terror der Segregation kaum gestört. Außerhalb des NASA-Geländes leuchtet die Welt unangenehm selbstverliebt. Die staatliche Gewalt bleibt in Szenen eingekapselt, statt den Film zu durchziehen. Sie verkommt zu einem privaten Problem, zum vertraut harmlosen Drama vieler Hollywoodkomödien: Kirsten Dunst ist als Vivian Michael dann „die böse Chefin“, die rassistischen Strukturen sind eher „die böse Bürokratie“. Der Film versucht, sich zu simplen Denkmustern zu verweigern und nicht einfach aus der Rückansicht der moralisch Überlegenen Exempel an jenen zu statuieren, die auf der falschen Seite der Geschichte standen. Doch obwohl sie nicht einfach Bösewichte oder drehbuchgesteuerte Dramaroboter sind, werden sie nie mehr als vage humanoide Bremsklötze. Statt die Nähe von offenem Zähnefletschen und herablassendem Lächeln aufzuzeigen, verliert sich der Film in einer sehr befremdlichen Sanftmütigkeit.

Alles fügt sich, als wäre es Schicksal. Liebespaare gleiten zueinander, politische Prozesse gefrieren zu Symbolbildern, etwa zur Kamera hin in eine bessere Zukunft marschierende Afroamerikanerinnen. Es ist eine Vergangenheit mit Schutzumschlag, die man betrachtet wie in einem Museum, distanziert, glücklich über die so viel bessere Gegenwart.

Am aktuellsten wirkt noch ein Nebenstrang der Handlung rund um einen neuartigen IBM-Computer, der Dorothy Vaughans gesamtes Team ersetzen könnte. Die Frauen berechnen die notwendigen Daten für das Weltraumprogramm und werden daher „Computer“ genannt. (Ein Umstand, der im Film noch einmal ihren Status als Gebrauchsgegenstand, als Werkzeug, hervorhebt.) Auch hier findet der Film eine lächerlich versöhnliche Lösung, ein konfliktloses Nebeneinander, das illusorisch wirkt, gerade Jahrzehnte später. Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen versucht zu relativieren, um differenzierter zu wirken, doch jeder genauere Blick entlarvt die aggressive Naivität eines blinden Optimismus, der selbst auf dem Weg Richtung Abgrund noch jubelnd „Alles wird gut!“ rufen würde.

(zuerst erschienen auf longtake.de)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s