Kann das Kino noch provozieren?

Manche Filme scheitern, weil sie gemocht werden. Man stelle sich das nur mal vor: Da übergießt man seine Bilder mit glitschiger Ambivalenz, stößt Abgründe in die tiefsten Höllen der menschlichen Seele auf, hält mit der Kamera ungehemmt auf Gewalt, Sex und Perversion, kratzt an den wenigen verbleibenden Tabus seiner Zeit, und wie reagieren Publikum und Kritik, die doch heute angeblich so sensibel und übermäßig politisch korrekt sein sollen? Sie applaudieren, schreiben glühende Lobeshymnen und zeichnen den Film mit hässlichen goldenen Statuetten aus. Ein Albtraum!


(Filmstill aus Elle. Copyright: MFA)

Der niederländische Regisseur Paul Verhoeven durchlebt ihn. Bei der gerade zu Ende gegangenen Berlinale saß er der Wettbewerbs-Jury vor. Seit dem 16. Februar ist sein neuer Film, das gesellschaftssatirische Drama Elle, auch in den deutschen Kinos zu sehen. Erzählt wird die Geschichte der wohlhabenden Videospiel-Unternehmerin Michelle, gespielt von Isabelle Huppert, die eine in ihren Machtverhältnissen schwer zuzuordnende Beziehung mit dem Mann eingeht, der sie vergewaltigt hat.
Ein Stoff, in dem die kontroverse Rezeption bereits angelegt scheint, mitsamt stürmischer Empörung in sozialen Netzwerken und Wellen des Protests. Doch trotz breit geführter Diskussionen um consent oder rape culture hat der Film bislang keine größeren Wellen geschlagen: Keine Boykottaufrufe, keine Demonstrationen, keine Forderungen nach Zensur. Stattdessen gab es elf Nominierungen für den César, einen Golden Globe als bester fremdsprachiger Film und eine Oscar-Nominierung für Isabelle Huppert. „[I]ch hatte wahrlich nicht erwartet, dass sich so viele Menschen für diesen Film begeistern würden“, wundert sich Verhoeven.

Es ist fast ein Novum in seiner Karriere. Nahezu jedes Porträt, welches in den vergangenen Wochen über den niederländischen Filmemacher erschien, bediente sich desselben Labels: Provokateur. Arte betitelte eine Dokumentation über Verhoeven Meister der Provokation, Elle wurde als die letzte Provokation bezeichnet. Seine Laufbahn verlief in Wellen von Ablehnung und Akzeptanz: Erste Filme sollten wegen der Darstellung von Sexualität verboten werden, einige Kassenschlager später kam die Königin der Niederlande zur Premiere von Der Soldat von Oranien. Gegen Basic Instinct (von der BILD-Zeitung bei Erscheinen zum „schweinischsten Film aller Zeiten“ erklärt) demonstrierten Frauen- und LGBT-Rechtsgruppen. In Deutschland ist die Robert-Heinlein-Adaption Starship Troopers bis heute indiziert, der Film gilt als dazu „geeignet, Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren“.

Natürlich gibt es auch ähnliche Stimmen zu Elle, doch sie sind kaum zu hören. Während allerorts die kontroversen Qualitäten des Films beschworen werden, muss man eigentliche Kontroversen mit der Lupe suchen. Man fragt sich schnell: Wie weit kann es mit der Provokation eines Künstlers her sein, der von allen geliebt wird? Provokateure sind Herausforderer (lat. Prōvocātor) des bestehenden Gemeinwesens; Aufwiegler (frz. Provocateur), die mit ihrem Werk eine Reaktion erzwingen. Ein unparierter Schwertstreich geht ins Leere. Erst in der Erwiderung entsteht die Provokation, zuvor verbleibt sie in einer Art Larvenstadium, die Möglichkeit des Schocks.


(Filmstill aus Das Schweigen. Copyright: StudioCanal)

Fast scheint es, als hätte man sich an Verhoeven gewöhnt. Wird nicht Provokation, die nur lange genug präsent ist, um vertraut zu erscheinen, irgendwann kanonisiert? Für Ingmar Bergman etwa gibt es heute viele Titel, Provokateur ist sicherlich nicht darunter. Dabei löste Das Schweigen 1963 (gemeinsam mit Vilgot Sjömans 491) durch die Darstellung von Sexualität einen derart großen Skandal aus, dass in Folge des kulturpolitischen Richtungsstreits eine neue Partei gegründet wurde (die kulturkonservativen Kristen Demokratisk Samling). Auch in Deutschland führte der Film zu einer hitzigen Zensurdebatte. Warnungen bzw. Versprechungen wie „Kein Film […] seit Bestehen der Kinematographie zeigte unbeanstandet ein Kompendium von Szenen erotisch-sexuellen Überdrucks wie dieser“ lockten über zehn Millionen Zuschauer ins Kino. Eine Zahl, die heutzutage nicht einmal mehr Star-Wars-Filme erreichen.

Es wäre falsch, den Grad der Provokation nur über seine Marktwirksamkeit abzulesen. Doch die Schockwirkung von Kunst ist auch daran zu bemessen, ob sie die Grenze ihrer eigenen Szene (oder moderner: Filterblase) sprengen kann und zur Massenkultur durchdringt. Wie ein Autor der Zeit vom 3. April 1964 bezüglich Das Schweigen argumentierte: „Es handelt sich bei den Brennpunkten der Diskussion oft gar nicht mehr um filmische Fragen im engeren Sinne, sondern zum Beispiel um moralische oder theologische.“ Die zuständige Staatsanwaltschaft erreichten hunderte von Anzeigen „wegen Unzüchtigkeit“, Initiativen wie die Aktion Saubere Leinwand wurden ins Leben gerufen.

Doch die letzten großen Zensurdebatten hatten nichts mehr mit Filmen zu tun, stattdessen ging es um so genannte „Killerspiele“. Man kann durchaus von einem Bedeutungsverlust sprechen, wenn ein Medium nicht mehr für den Untergang des Abendlandes verantwortlich gemacht wird. Zumal die Moraldebatten nicht verschwunden, sondern in die Filmbesprechungen selbst gewandert sind: Wo so eifrig gestritten wird, ob Martin Scorsese im kontrovers diskutieren The Wolf of Wall Street auf Seiten seiner Hauptfigur oder gegen sie steht, bedarf es keiner äußeren Kraft mehr.

(Filmstill aus The Wolf of Wall Street. Copyright: Universal Pictures Germany)

Provokateur scheint ein wertneutrales Urteil zu sein, erst durch Kontext bekommt es eine positive oder negative Gewichtung. Dass Provokation gegenüber Autoritäten jeder Art unverzichtbar ist, gilt als Allgemeinplatz: sie revitalisiert Kultur und Gesellschaft, eröffnet neue Wege des Denkens. Doch es ist ein trügerischer Frieden der Macht mit ihren Herausforderern: Oftmals ist das Label „Provokateur“ ein Akt repressiver Toleranz. Dem störenden Künstler wird ein fester Platz zugeordnet – fortan weiß man immer, aus welcher Richtung seine Attacken kommen. Sie werden zu Impulsen unter vielen, schöpferische Zerstörung, korporatistisch eingebunden in die Mehrheitsgesellschaft. Jeder weiß, wie lächerlich ein Skandalfilm ist, der schon im Vorfeld als solcher zu erkennen ist: Wie ein Komiker, der vor seinem Witz erklärt: „Jetzt wird’s lustig!“, oder eine Geisterbahn, die Schreckmomente per Countdown ankündigt. Die Zensur ist in der modernen, liberalen Demokratie kein populäres Mittel mehr. Doch was von Märkten ignoriert und als unverkäuflich deklariert wird, ist oft schwerer zu bekommen als wäre es verboten worden. Der ungarische Filmemacher Béla Tarr beschreibt in Interviews, wie ähnlich er die „Zensur des Marktes“ und die „Zensur der Politik“ erlebt.

Immer wieder wird die Frage gestellt, ob Kunst überhaupt noch provozieren kann. Künstler müssen kaum mehr vor Gericht, wie Flaubert für Madam Bovary, Baudelaire für Die Blumen des Bösen oder der Marquis de Sade für nahezu alles, was er verfasst hat. Aus dem legendären Publikumstumult bei der Uraufführung von Strawinskys Le sacre du printemps wurden zuerst die zu Werbezwecken verbreiteten Geschichten von Ohnmachtsanfällen während William Castles grandiosem Horrorstreifen, später dann das gelangweilt-routinierte Ausbuhen von Neuerscheinungen in Cannes.

Provokation ist heute institutionalisiert, gewinnt Präsidentschaftswahlen und treibt das politische Geschehen vor sich her. Sie umfasst alles und nichts: Man muss nur in die Kommentarspalten von Nachrichtenseiten oder Sozialen Netzwerken schauen, um festzustellen, dass selbst die harmloseste Nachricht Gift und Galle hervorruft. Dauererregung ersetzt Fortschritt, Bewegung wird zu wütender Vibration. Zorn und Ablehnung haben durch die Omnipräsenz berechtigter und alberner Empörungswellen ein Gefühl antiseptischer Irrealität bekommen. Zumal die Institutionen, die traditionell die Provozierten waren – Kirchen, Wertkonservative – an gesellschaftliche Relevanz verloren haben.

Ein Film gegen vermeintliche Zeitgeisttabus wie beispielsweise den Islam wäre gleichzeitig kontrovers und langweilig vorhersehbar. Er würde gewiss einige Menschen verärgern, bliebe aber im Rahmen vertrauter Denkmuster. Denn: Die vernetzte Welt schafft – auch mit Hinblick auf ihre Anonymität – automatisch Schutzräume, in denen jede Provokation gleichzeitig mutig und mutlos ist. Mutig, weil sie sich gegen alles außerhalb einer bestimmten Gruppe richtet; mutlos, weil sie immer aus einer Reihe von vielen Vernetzten herausspricht, mit einer empfundenen oder moralischen Mehrheit hinter sich. (Die Gesamtheit der atemberaubend einfallslosen „Troll“-Netzkultur basiert auf diesem Prinzip.)

Es ist derselbe Zwiespalt, der Künstler wie Ai Weiwei oder Pussy Riot in ihrer Heimat zu Rebellen macht, ihr Lancieren im Westen aber zu einer Banalität. Filmfestivals und Arthaus-Kino sind geradezu vernarrt in Geschichten, die in ihrem Herkunftsland kontrovers waren, es hierzulande aber nicht mehr sind. Sie bestätigen nur Bekanntes. Das gilt auch für Filme, die mit extremer Gewalt und Sexualität arbeiten: Der Überbietungswettbewerb ist gescheitert an dem, was Pier Paolo Pasolini 1975 in seinen Freibeuterschriften die „Schein-Toleranz der Herrschenden“ nennt. Er argumentiert, die sexuelle Freiheit sei längst „unverzichtbarer Bestandteil der Lebensqualität der Konsumenten geworden“ – ein Produkt, dessen Schock stets genießbar bleibt.

Was schockiert, ändert sich, genau wie das Kino selbst. In seiner Entstehungszeit stand es für Verdichtung und Dynamisierung, heute eher für Entschleunigung. Natürlich weiß auch Verhoeven um die neue Unverrückbarkeit seines Publikums, um die Konsumierbarkeit des vormals Schockierenden. Den Übergriff, mit dem sein Film beginnt, erlebt der Zuschauer im Gesicht einer desinteressierten schwarzen Katze. Ihre Perspektive auf die Dinge, geprägt von einem halben Verstehen, welche auch die Kamera immer wieder übernimmt, ist das eigentlich Provokante am Film. Wo permanent gehandelt wird, mit einem eindeutigen Blick auf die Dinge, muss das Kino diffus sein, mehr Fragen als Antworten liefern und sich der ewigen Scheinaktivität verweigern. Nicht immer, aber manchmal, muss man neben den Dingen stehen. Zusehen, statt sich in ihnen zu verlieren.

(zuerst erschienen auf kino-zeit.de)

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