Schwimmen lernen: Die Filme von Barry Jenkins

In manchen Kinobildern kann man ertrinken. Man lässt sich treiben vom Geschehen oder watet mit dem Regisseur ins tiefe Wasser hinaus, nur um festzustellen, dass man Nichtschwimmer ist. Dieses Gefühl vermittelt auch eine Szene aus Moonlight, dem zweiten Spielfilm des amerikanischen Regisseurs Barry Jenkins. Der Drogendealer Juan (Mahershala Ali) hat sich des jungen Außenseiters Chiron (in dieser Szene: Alex R. Hibbert) angenommen. Es gilt, zwei Dinge zugleich zu lernen: zum einen Schwimmen, zum anderen Vertrauen.

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Kann das Kino noch provozieren?

Manche Filme scheitern, weil sie gemocht werden. Man stelle sich das nur mal vor: Da übergießt man seine Bilder mit glitschiger Ambivalenz, stößt Abgründe in die tiefsten Höllen der menschlichen Seele auf, hält mit der Kamera ungehemmt auf Gewalt, Sex und Perversion, kratzt an den wenigen verbleibenden Tabus seiner Zeit, und wie reagieren Publikum und Kritik, die doch heute angeblich so sensibel und übermäßig politisch korrekt sein sollen? Sie applaudieren, schreiben glühende Lobeshymnen und zeichnen den Film mit hässlichen goldenen Statuetten aus. Ein Albtraum!


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Hidden Figures

Das Unvermeidbare kann sehr beruhigend sein. Es kennt keinen Zwang und lädt zur behaglichen Passivität ein. Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen von Theodore Melfi lässt die Geschichte auf Schienen fahren, deren Weichen längst gestellt sind. Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Margot Lee Shetterly erzählt die Filmbiografie davon, wie das Überqueren der letzten Grenze Weltraum automatisch auch Barrikaden auf der Erde einreißt. Davon, wie technischer Fortschritt, einer Lawine gleich alles mitreißend, immer auch gesellschaftlichen mit sich bringt.

(© Fox Deutschland) Weiterlesen

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Magie ist Kontrast, die Abweichung von der Norm, die Möglichwerdung des Unmöglichen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wenn alles Magie ist, ist nichts Magie. David Yates‘ Harry-Potter-Spin-off Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind ist ein buntes Effektfeuerwerk, das den dunklen Leinwandhimmel ganz und gar überstrahlt, bis eine gleichmäßige Fläche ohne Abweichung entsteht. Magielose Magie. Yates erklärt die Tricks des Kinos zu mächtigen Sprüchen, schwingt seinen Zauberstab aber unbeherrscht, als wäre er ein Spielzeug. Ein Wingardium Leviosa, und plötzlich hat nichts mehr Gewicht.

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Filmmusik verstehen durch Bette Davis

Es gibt eine interessante Anekdote über die Dreharbeiten von Edmund Gouldings Melodram Opfer einer großen Liebe von 1939: In der besonders emotionalen letzten Szene des Films kämpft sich Bette Davis‘ durch einen Tumor erblindete Figur Judith mühsam eine lange Treppe hinauf. Cast, Crew und einige Besucher sahen am Set mit an, wie Davis ihre Hände um das Gelände klammerte und Stufe um Stufe hinaufkletterte.


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Zeigen durch Nicht-Zeigen

„Ich denke, dass Sie das Band vernichten sollten“, rät Regisseur Werner Herzog in seinem Dokumentarfilm Grizzly Man Jewel Palovak. „Ich denke, das sollten Sie tun, weil es Ihr Leben lang der weiße Elefant in Ihrem Zimmer sein wird.“ Gemeint ist ein Band mit Tonaufnahmen des gewaltsamen Todes ihres Geschäftspartners, dem leidenschaftlichen Tierschützer Timothy Treadwell. Er wurde von den Bären attackiert, in deren Nähe er jahrelang lebte. Die Verschlussklappe der Kamera klemmte, als wollte selbst das Gerät seine Augen verschließen, daher existiert von diesem Moment nur eine furchterregende Geräuschkulisse. Im Film zu hören ist sie aber nicht. Die letzten aufgezeichneten Bilder hingegen, die Treadwell noch lebendig zeigen, sind enthalten. Wenn der Tod in diesen Einstellungen zu sehen ist, lauernd, dann hat er sich sehr gut versteckt. Es sind Bilder, die halb Denk- und halb Mahnmal sind.


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Sind manipulative Filme etwas Schlechtes?

Jedem Medium werden seine Stärken vorgeworfen, also kritisiert man Filme oft dafür, dass sie „manipulativ“ seien. Aber gibt es überhaupt etwas am Kino, das nicht Zerrbild ist, wenn der Blick durch die Kamera die Wirklichkeit doch automatisch formt und verändert? „Alles am Film ist Manipulation“, wird mit Frederick Wiseman ausgerechnet ein Filmemacher zitiert, der nicht unbedingt als aggressiver Verzerrer und Zuspitzer bekannt ist. Was ist also gemeint, wenn einem Film Manipulation vorgeworfen wird?


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