Rezension: Die Steuerfahnderin

tumblr_inline_mlubpl9c7d1qz4rgpRyōko Itakura ist eine Heldin, der auf den ersten Blick nichts Heroisches anhaftet. Sie ist pedantisch, präzise, manchmal gar gnadenlos. Mit ihrem Gesicht voller Sommersprossen ist sie sicher keine klassische Filmschönheit. Sie ist ein weiblicher Nerd, lebt in einer Welt aus Zahlen und begegnet Menschen oft berechnend: Subtrahiert, wen sie nicht mag; multipliziert ihre Talente mit denen ihrer Kollegen; teilt die Welt entlang von Gesetzen und Paragraphen. Über ihre Profession singt man keine Lieder, schreibt man keine Sagen, der Durchschnittsbürger blickt im besten Fall gleichgültig, meist jedoch eher verächtlich auf sie: Ryōko ist Steuerfahnderin.

Regisseur Jūzō Itami schafft mit ihr dennoch die wohl liebenswerteste, warmherzigste Bürokratenfigur der Filmgeschichte. Nicht nur, weil sie so wundervoll von seiner Ehefrau Nobuko Miyamoto verkörpert wird, kann er seine grenzenlose Zuneigung kaum verbergen. Dem Zuschauer geht es bald nicht anders: Ihr Schauspiel versöhnt Funktion und Mensch miteinander. Weiterlesen

Rezension: I wie Ikarus

i-comme-icare-197138lKein Held ist mehr als die Summe der Menschen, die ihn zum Helden erklären. Kriegszeiten mit klaren Feindbildern führen zu herkulischen Figuren. Zweifler und Bedenkenträger hingegen sind die Helden skeptischer Massen und füllen die Lücken brüchig werdender Weltbilder. Ihr Kampf gegen Übermacht und Autorität gibt ihnen etwas heroisches, auch wenn sie nicht in unser Bild eines Helden passen. Heute sind das etwa Whistleblower wie Edward Snowden oder Chelsea Manning – eigentlich unauffällige, blasse Menschen, kleine Räder in einer großen Maschine, die aufgehört haben zu funktionieren. Gerade ihre offensichtliche Normalität macht sie zur perfekten Projektionsfläche.

Faszinierend ist, wie sehr sie den Helden der Paranoia-Thriller ähneln, die nach dem Kennedy-Attentat, dem Watergate-Skandal und im Rahmen des Vietnamkriegs die Kinos der Welt fluteten. Man nehme nur die graumelierte Harmlosigkeit von Generalstaatsanwalt Henri Volney aus Henri Verneuils (die Namensähnlichkeit: Zufall?) I wie Ikarus. Weiterlesen

Slaugherhouse-Five: Zeitreise zum Unzeigbaren

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Wenn im altehrwürdigen Literarischen Quartett einem Roman attestiert wurde, er sei schon mit dem Blick auf eine mögliche Verfilmung geschrieben, dann war das meistens kein Kompliment. Kurt Vonneguts Slaughterhouse-Five kann man jedoch filmische Qualitäten attestieren, ohne das in irgendeiner Weise negativ zu meinen. Durch die Macht des Schnitts durchschreiten Filmemacher in ihrem Werk mühelos Raum und Zeit. Orte, die tausende Kilometer voneinander entfernt liegen, sind plötzlich durch eine Tür verbunden. Oder einen Blick. Während einer Überblendung, die für den Zuschauer Sekunden dauert, können im Film Jahrhunderte vergehen. Weiterlesen

Klassiker der Woche: Dog Day Afternoon/ Hundstage (1975)

dog-day-afternoon-originalEin Mann betritt eine Bühne, das Publikum tobt wie bei einem Rockstar. Er reißt die Armee in die Luft und lässt sich feiern, läuft auf und ab, jeder soll ihn sehen können. Die Menge brüllt seinen Namen, Plakate werden geschwungen, Fans versuchen durch die Absperrungen zu gelangen. Aber bei Sonny Wortzik handelt es sich sicher nicht um einen Mick Jagger oder Bono, nicht um einen McCartney oder Bruce Springsteen – er ist Geiselnehmer und hat die Angestellten einer New Yorker Bank gefangen genommen, seine Bühne ist der von der Polizei umzingelte Straßenabschnitt, die Fans eine bunte Mischung aus Schaulustigen, Aktivisten und Anwohnern. Erschossen wird er von den wartenden Gesetzeshütern nur nicht, weil sein Komplize Sal im Inneren des Gebäudes mit einer geladenen Waffe auf seine Rückkehr warten. Weiterlesen

Klassiker der Woche: Stranger Than Paradise (1984)

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Manchmal ist die Welt ein wirklich schrecklicher, langweiliger Ort – und das ist sehr lustig. Zumindest bekommt man diesen Eindruck, wenn man Jim Jarmuschs zweiten Spielfilm Stranger Than Paradise sieht. Willie (John Lurie) lebt in New York vor sich hin, als plötzlich sein Telefon klingt. Seine Cousine Eva (Eszter Balint) soll aus Ungarn zu Besuch kommen und wird zehn Tage bei ihm verbringen. Willie ist nicht begeistert. Ein Jahr später besuchen Willie und Eddie Eva und fahren mit ihr schließlich noch nach Kalifornien. Weiterlesen

Klassiker der Woche: On the Waterfront/ Die Faust im Nacken (1954)

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Terry Malloy (Marlon Brando) ist ein gescheiterter Boxer. Mittlerweile verdient er sein Geld als Hafenarbeiter, doch die Zeiten sind schwer: Eine korrupte, mafiöse Gewerkschaft, angeführt von Johnny Friendly (Lee J. Cobb) drängt die Arbeiter in ihre Reihen. Terrys Bruder Charley Malloy (Rod Steiger) arbeitet für diese, auch Terry selbst gerät dadurch in die Strukturen:  Terry trägt (unabsichtlich) zum Mord eines jungen Arbeiters Namens Joey bei. Seine Schwester Edie (Eva Marie Saint) will den Mord aufklären. Sie wird Teil des langsam wachsenden Widerstands, den der örtliche Priester Berry mehr und mehr hinter sich versammelt. Auf der Suche nach der Wahrheit gerät Edie auch an Terry – die beiden kommen sich näher. Mehr und mehr geraten sie zwischen die Fronten…

Inspiriert durch einen mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Artikel über die Arbeitsbedingungen für New Yorker Hafenarbeiter war Elia Kazans Film zu seiner Zeit ein Politikum. Kazan war von 1934 bis 1936 Mitglied der kommunistischen Partei gewesen und hatte sich 1952 vor dem Komitee für unamerikanischen Umtriebe verantworten müssen. Er nennt, nach anfänglichem Widerstand, acht Namen angeblicher Kommunisten und macht sich in Hollywood viele Feinde. Bis zu seinem Tod blieb Kazan umstritten, On the Waterfront wird als cineastische Antwort auf seine Kritiker gewertet.

Auch völlig ungeachtet dieser Umstände handelt es sich um einen beachtenswerten Film. Schon von zeitgenössischen Kritikern mit Begeisterung aufgenommen und auch beim Publikum erfolgreich, wuchs die dem Streifen zugewiesene Bedeutung mit der Zeit noch weiter:  On the Waterfront gewann 8 Oscars (unter anderem für den besten Film und Brandos, sowie Saints, Darstellerleistung) und gilt, auch durch seinen Method-Acting-Ansatz, als wichtiger Meilenstein des Kinoschauspiels.

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Warum heute noch anschauen?

Der Film lebt vor allem von seinen durchgehend fantastischen Darstellern. Neben Brando sticht vor allem Karl Malden als Priester heraus, der wie beseelt von göttlichem Eifer jede Szene an sich reißt – selten wirkt ein Filmprediger so einnehmend, so erhaben, aber zugleich auch so nahbar und sympathisch. Die Chemie zwischen dem Liebespaar Brando-Saint stimmt, die innere Tragik von Malloys Schuld an Joeys Tod schafft eine Spannung zwischen den beiden, die der Beziehung tiefe verleiht.

Edie: I want you to stay away from me.

Terry: Edie, you love me… I want you to say it to me.

Edie: I didn’t say I didn’t love you. I said, „Stay away from me.“

Die Handlung ist aufregend und vielschichtig, handwerklich tadellos hat der Film wunderschöne Einstellungen, die durch die starken Kontraste von Schwarzweiß-Filmen noch stärker  wirken. Die Taxi-Szene zwischen Terry und seinem Bruder gehört zu den auf- und anregendsten der Filmgeschichte. Der Film ist keine Minute zu lang, schnell geschnitten und wird auch einen Zuschauer mit modernen Sehgewohnheiten keine Sekunde langweilen.