Ein atheistisches Plädoyer für religiöse Filmkunst

Ein Mann, der mit seinen Handflächen die zitternde Flamme einer Kerze schützt, durchquert behutsam ein verlassenes Thermalbad. Diese ikonische Szene aus Andrei Tarkowskis Nostalghia trägt zahllose Bedeutungen in sich; es handelt sich um eine schlichte Geste, welche die Gesamtheit eines menschlichen Lebens enthalten sollte. Der Regisseur sah in seinem Film auch „die Geschichte einer Krankheit“ und erklärte: „Vielleicht könnte man die Nostalghia mit dem Verlust des Glaubens, der Hoffnung vergleichen.“ Sein Glaube war dem Filmemacher etwas Vergängliches, Schützenswertes – eine Kerze im Wind.

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Hummer sind auch nur Menschen – Die schlechtesten Verleihtitel 2016

2016 ist ein Jahr mit miserablem Ruf, es gilt vielen als düsteres Kapitel der Weltgeschichte und Sammlung von Enttäuschungen, Ärgernissen und traurigen Ereignissen. Man sollte meinen, die Menschen hätten genug gelitten, eine Art kosmisches Karma müsse Ausgleich schaffen. Doch zumindest gegen die Schandtaten der deutschen Filmverleiher konnten etwaige Kräfte des Guten auch in diesem Jahr wieder nichts ausrichten.

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Über Denken und Fühlen in aktuellen Science-Fiction-Filmen

Science-Fiction ist kein Genre, das mit großen Emotionen in Verbindung gebracht wird, zumindest nicht im gleichen Maße wie Liebesfilme oder Dramen. Wissenschaft (Science) gilt als objektiv und rational, was mit Gefühlsneutralität oder -kälte gleichgesetzt wird. Science-Fiction-Regisseure betonen meist Struktur und Plot-Mechanik. Ihre Figuren werden Spielbälle gewaltiger Veränderungsprozesse, Teil eines großen Ganzen oder einfach in interplanetaren Kriegen dahingerafft. Im besten Fall sind sie Zahnräder, im schlimmsten Fall werden sie zwischen solchen zermalmt. Bekannte Vertreter des Genres wie Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum verdeutlichen auf diese Weise, wie unbedeutend das menschliche Handeln für die gesamte Galaxis ist.

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Krieg gegen Jeden – John Michael McDonaghs Anti-Helden

Irgendwann kommen die Schatten. In jedem Film des irischstämmigen Regisseurs und Drehbuchautors John Michael McDonagh ist früher oder später der Punkt erreicht, an dem wir die Welt sehen wie seine Figuren: längst an die Dunkelheit verloren. „Negative Space“ bezeichnet in der Fotografie oder bei Gemälden die leere Fläche um den eigentlichen Gegenstand des Bildes. Bei McDonagh werden diese Räume zum bösartigen Nichts, das seine sonst so schlagfertigen Anti-Helden zu verschlucken droht. In dieser Woche läuft sein dritter Spielfilm in den deutschen Kinos an. Die schwarze Buddy-Komödie heißt hierzulande Dirty Cops, treffender wäre – wie so oft – der Originaltitel: War on Everyone. John Michael McDonagh erzählt von Männern, die aus verschiedenen Gründen einen hoffnungslosen Krieg gegen jeden führen. Vor allem gegen sich selbst.

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Über das Problem von Technologiekritik in Kino und Serien

Wenn Menschen heute noch Visionen für die Zukunft formulieren, dann richtet sich ihr utopisches Denken auf Technologie. Dabei hat sich so etwas wie ein Antagonismus entwickelt, vielleicht ist es aber auch einfach Arbeitsteilung: Während die Technologiefirmen des Silicon Valley jeden Tag neue Weltrettungsversprechen machen, zerstören in Hollywood und der Unterhaltungsbranche im Allgemeinen Roboter, künstliche Intelligenz, Drohnen, Überwachungssysteme, Smartphones, soziale Netzwerke und Co. regelmäßig den Planeten, zumindest aber das menschliche Zusammenleben und alles, was gut und heilig ist.

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Königreich des festgetackerten Lächelns – Über das Glücksversprechen des Wohlfühlkinos

Seit dem Ende der 1970er Jahre gilt im Königreich Bhutan das so genannte „Bruttonationalglück“ als oberstes Entwicklungsziel. Anstatt wie andere Länder sein Heil primär im Wirtschaftswachstum zu suchen, strebt man in dem südasiatischen Himalaya-Staat danach, durch buddhistische Prinzipien die messbaren Ausprägungen von Zufriedenheit zu fördern. Es gibt weltweit kein anderes Land, welches einen ähnlichen Ansatz verfolgt.

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To Steal from a Thief

Die Bewegungsdramaturgie des Banküberfalls ist simpel: Rein, raus, dann immer in Richtung Horizont. To Steal from a Thief erzählt von dem Chaos, das entstehen kann, wenn diese einfache Choreographie unterbrochen wird. Von den Kräften, die sich anstauen und in alle Richtungen entladen. Regisseur Daniel Calparsoro hat einen Film über das Scheitern gedreht: Sowohl über das individuelle, menschliche Versagen, als auch über das strukturelle, wirtschaftliche und politische.

Filmstill aus To Steal From a Thief; Copyright: Koch Films

Filmstill aus To Steal From a Thief; Copyright: Koch Films

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