Rezension: We Steal Secrets – The Story of Wikileaks

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Jede gute Geschichte lebt von ihren Hauptdarstellern, und dabei ist der Dokumentarfilm keine Ausnahme. Im Fall von We Steal Secrets handelt es sich bei diesen um Hacker und Politaktivist Julian Assange sowie US-Soldat und Whistleblower Bradley Manning. Der Film beschäftigt sich mit der Enthüllungsplattform Wikileaks, ihrer Geschichte und den am Projekt beteiligten Aktivisten. Dabei ist Regisseur Alex Gibney sicher nicht der Erste, der sich mit dem so aktuellen wie kontroversen Thema auseinandersetzt. Dennoch findet der Filmmacher (unter anderem bekannt durch die Oscar-prämierte Dokumentation Taxi to the Dark Side über Folter durch Soldaten in Afghanistan) einen sehr eigenen Blickwinkel und stellt vor allem die Menschen Assange und Manning in den Mittelpunkt – eine kluge Wahl, sind Beide doch auf ihre ganz eigene Art einnehmend und charismatisch.

Als Einstieg dient dem Film der Wank-Wurm, ein Angriff auf NASA-Computer durch australische Hacker – Assange könnte einer davon gewesen sein, spekuliert der Film. Danach wird der Aufstieg des weißhaarigen Aktivisten zum Wikileaks-Chef dargestellt, immer in einer Mischung aus sehr gut ausgewähltem Archivmaterial, passenden Talking-Head-Interview und gelegentlichen Voice-Over Kommentaren von Gibney selber. Dieser bleibt aber meist wenig präsent, mit den sehr persönlichen, auf den Regisseur fixierten Essay-Dokus, wie etwa Michael Moore sie schafft, hat We Steal Secrets wenig zu tun. Was nicht heißt, dass man die persönlichen Standpunkte nicht wahrnehmen würde. Gibney:

You can never be truly neutral, because in the course of making a movie, you form certain opinions.

Auf Assanges erste Aktivitäten blick der Film noch sehr wohlwollend. In Island, wo 2009 Daten der Kaupthing Bank der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, sehen wir ihn als Held der Massen. Er wird uns als eloquenter Rebell gezeigt – ein bisschen selbstverliebt, aber mit dem Herz am rechten Fleck. An Anschaulichen Beispielen wird gezeigt, was Wikileaks tut, wie es diese Dinge tut, und welchen Nutzen  dass für die Menschen hat. Höhepunkt sind hierbei die Enthüllungen um die Luftangriffe in Bagdad aus dem Juli 2007, die im Mai 2010 in Form des Videos Collateral Murder durch die Presse gehen. Zu sehen ist, wie US-Militärs Unschuldige, unter anderem Reuters-Journalisten, mit einer an Videospiele erinnernden Begeisterung erschießen lassen. In diesem Moment sind wir vollends auf Seiten der Enthüller.

But then you have to constantly reassess those and look at things from another viewpoint.

Im Rahmen dieser Daten kommt der Film auch auf Bradley Manning, Private First Class der US-Armee, zu sprechen.Der schüchterne junge Mann ist nur selten in Videos zu sehen, meist werden  Chat-Logs seiner Online-Unterhaltungen gezeigt. Bezeichnend, zieht sich der in der Armee als Sonderling geltende  doch immer weiter aus der echten in die virtuelle Welt zurück. Manning ist eine zutiefst tragische Figur, der klassische Zweifler in einer Masse aus Gefolgsleuten. Nicht nur seine Homosexualität und die Don´t Ask, Don´t Tell-Politik des Militärs machen ihm zu schaffen, auch die Frage um die Moral seines Handelns will ihn nicht loslassen. Er ringt mit sich selbst, reflektiert, leidet. Er bildet somit einen starken Kontrast zum selbstbewussten, manchmal sogar arroganten und herrisch auftretenden Assange.

 In this film, for the first two-thirds you want to sign up for the Julian Assange crusade, but then his character leads us in a different direction. Some would say he ended up compromising the very principles of openness that he espoused. Conversely, Bradley Manning becomes more sympathetic as we learn what he suffers in the interests of disclosure. Ultimately, I think that the issues they raise will live beyond this particular case.

Gibney lässt Manning immer mehr zum Helden, und den Wikileaks-Chef immer mehr zum Egomanen werden. Man kann nur Loben, das nicht eine simple Eloge auf die Whistleblower, sondern ein Stück Journalismus das Ergebnis ist. Auch die düsteren, unangenehmen Kapitel der Geschichte werden Erzählt. Es gibt Vergewaltigungsvorwürfe gegen Assange, eins der möglichen Opfer kommt zu Wort. Ehemalige Freunde und Anhänger haben sich mit der Zeit von Assange abgewendet – etwa der deutsche Daniel Domscheit-Berg, der sich heute kritisch über ihre Zusammenarbeit äußert. Assange selbst Distanziert sich demonstrativ vom Film und hatte bereits vor dem Anlaufen ein Dokument mit Korrekturen und Kritik veröffentlicht. Wirklich fundamental ändern diese aber das Gesamtbild des Films nicht ab.

Im Endeffekt macht der Regisseur stets deutlich, dass die Thematik größer und langlebiger als ihre Protagonisten ist. Sie sind für Gibney menschliches Antlitz einer Idee, die er weiter unterstützt, auch wenn ihre Agenten fehlbar sind wie Assange, oder verletzlich wie Manning.

We Steal Secrets ist eine wirklich gelungene Mischung aus Information und Unterhaltung, aus Fakten und Meinung, Persönlichem und Politik. Wir sehen Assange auf einer Diskotanzfläche hampeln und auf einem Trampolin springend telefonieren, aber auch auf Kongressen sprechen und sich in Interviews erklären. Wir sehen Manning als verletzlich und hören die Geschichte, wie er von seiner Vorgesetzten zu Boden gerungen wird. Sein Name in Chatrooms ist bradass87. Wir sehen aber auch die Tränen von Hacker Adrian Lamo, durch den Manning im Gefängnis sitzt. We Steal Secrets zeigt die menschlichen Seite eines durch menschen verschuldeten Skandals. Der Film lässt den Zuschauer zurück mit neuem Wissen und neuem Willen zu Handeln.

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Rezension: The Imposter

Die Illusion

Man könnte Betrug als das cineastischste unter den Verbrechen bezeichnen. Sowohl der Film als auch der Betrug verlangen von uns, dass wir die von ihnen geschaffene Illusion als wahr akzeptieren; wir müssen glauben wollen, dass die Menschen auf der Leinwand, und somit auch ihre Probleme, echt sind. Gelingt uns dies nicht, können wir nicht mit Ihnen fühlen. In gleicher Weise spielen Betrüger mit unseren Hoffnungen und Wünschen. Die Grenze zwischen Schauspieler und Betrüger verläuft fließen. In Bart Laytons Dokumentation „The Imposter“ lernen wir einen Mann kennen, der auch außerhalb der Leinwand schauspielert.

Der Film erzählt eine unglaubliche, aber wahre, Geschichte:  Als 1994 der dreizehnjähriger Nicolas Barclay auf dem Nachhauseweg verschwindet, ist seine Familie am Boden zerstört. Die Suche bleibt erfolglos und somit auch der Junge verschwunden. Vier Jahre später erreicht die Barclays ein Anruf aus Spanien mit der Nachricht, man hätte ihren Sohn gefunden. Wenige Tage später fliegt Nicolas Schwester nach Spanien und kehrt auch mit jemandem zurück – doch am stark veränderten Bruder wirkt vieles sehr merkwürdig.

Dichtung und Wahrheit

Erzählt werden diese außergewöhnlichen Vorgänge in einer Mischung aus typischen „Talking Heads“, Privataufnahmen der Familie und mit Schauspielern nachgestellten Szenen. Gerade Letzteres findet breite Anwendung, der Film bemüht sich stets darum, nicht nur die Ereignisse nachzuerzählen, sondern auch ihre emotionale Wirkung begreifbar zu machen. Ergebnis ist ein Hybrid aus Spiel- und Dokumentarfilm, der den Zuschauer bis zur letzten Minute für sich einnehmen kann, ihn in seinen Bann zieht und fasziniert. Die Interviewpartner sind auch im Rückblick auf die Ereignisse noch in der Lage, dem Zuschauer Gedanken und Gefühle authentisch darzulegen; alle Protagonisten sind sympathisch, ihre Motivationen nachvollziehbar.

Einzig die Häufigkeit, in der Begebenheiten nachgespielt werden, ist manchmal etwas störend: Mehr Originalaufnahmen und Mitschnitte hätten das Gesamtwerk sicher aufgewertet. Hätte man das Geschehene in einen reinen Spielfilm umgemünzt, man hätte dem gezeigten wohl wenig Glauben geschenkt.

Talking Heads

Schon am Titel ist zu erkennen, dass es sich bei dem Gefundenen nicht um den wirklichen Nicolas handelt, sondern um einen Hochstapler.  Spannung bezieht der Film also aus der Frage, wie lange es dauert bis der Schwindel auffliegt. Hierbei gelingt den Filmmachern ein brillanter Trick: Zu den Interviewten gehören neben Nicolas Familie auch der „Imposter“ selbst. Durch sein Charisma und seine einnehmende Art gelingt es, dass wir sowohl mit Ihm als auch mit den Angehörigen mitfiebern. Wir wünschen uns, dass die Familie die Wahrheit aufdeckt, sind aber auch hin- und hergerissen, wegen der Faszination die vom Ersatz-Nicolas ausgeht. Wir können für alle Involvierten zugleich Mitleid empfinden – Ambivalenz in Charakteren ist etwas, das nur wenige Dokumentarfilme wirklich nutzen. The Imposter erliegt zu keinem Zeitpunkt  der Botschaft oder der Moral.

Der Film tut vor allem eins: Er wirft Fragen auf. Wie konnte eine ganze Familie so getäuscht werden? Was ist mit Nicolas wirklich geschehen? Antworten werden keine Gegeben, selbst ob der Abschluss des Films als Happy End zu sehen ist, bleibt dem einzelnen Überlassen. Sicher ist, dass sich Niemand betrogen fühlen wird, wenn am Ende der Abspann läuft. Und dadurch zeichnet sich die gelungene Illusion schließlich aus.