Gayby Baby

Was Kinder von ihren Eltern erben, geht weit über die reine Genetik hinaus. Der australische Dokumentarfilm Gayby Baby von Maya Newell begleitet ein halbes Jahr lang vier Kinder, die mit gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen. Dabei wird vor allem deutlich, wie die Gesellschaft um sie herum auch ihnen den Außenseiterstatus und die Lasten ihrer Eltern aufbürdet. Ihr Leben ist gleichzeitig Politikum und gewöhnliche Kindheit, vereint strahlende Symbolkraft und banalen Alltag. Dieses Spannungsfeld bildet auch Newell mit ihrem Film ab, der etwas unsicher zwischen der „reinen Darstellung“ und der Interpretation des Dokumentierten schwankt.

© Rise and Shine Cinema

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And-Ek Ghes…

Migrant ist nicht einfach nur die Bezeichnung für einen Menschen, der seine Heimat verlässt, um sein Glück in einem anderen Land zu suchen. Es ist auch eine Rolle die man spielt, Teil einer großen Geschichte. Meist wird diese dann von denen erzählt, die schon vorher da waren. And-Ek Ghes … sammelt Episoden aus dem Leben der rumänischen Familie Velcu, deren fragwürdige Behandlung durch die deutsche Justiz bereits Gegenstand des vorigen Films von Regisseur Philip Scheffner, Revision, war. Nun wird festgehalten, wie sie sich in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen versuchen. Die große Besonderheit des Meta-Dokumentarfilms: Scheffner gibt mit einigen Kameras auch einen Teil der kreativen Kontrolle an die Velcus ab, Familienvater Colorado wird sogar Koregisseur. Das Ergebnis ist nicht nur ein faszinierender Akt der narrativen Selbstermächtigung, sondern auch ein sehr liebevolles, charmantes Familienporträt.

(Bild aus And-Ek Ghes... von Colorado Velcu und Philip Scheffner; Copyright: Khaled Abdulwahed)

(Bild aus And-Ek Ghes… von Colorado Velcu und Philip Scheffner; Copyright: Khaled Abdulwahed)

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Wirtschaftsfaktor Wirklichkeit – Wieso Hollywood Dokumentar- in Spielfilme verwandelt

Mit dem Fallen der Blätter kehrt die Wahrheit ins Kino zurück – oder zumindest das, was Hollywood dafür hält: Während der Sommer traditionell die Zeit der Blockbuster ist, die der Dinosaurier, Terminatoren und Superhelden, beginnt im Herbst die bedeutungsschwangere Award-Season. Statt um weltfremde Fantastereien geht es plötzlich um echte Menschen und echte Gefühle. Der Schriftzug Based on a true story (oder auch sein kleiner Bruder Inspired by true events) wird dabei gehandhabt wie ein Gütesiegel; das Wahre wird in der Traumfabrik zur Ware.

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Rezension: Gefühlt Mitte Zwanzig

Gefuehlt_Mitte_Zwanzig_-_PlakatWir würden alle sofort von vorne anfangen. Auf den langen Kampf um das Erwachsenwerden folgt für manche heute unmittelbar die Midlife-Crisis. Konfrontiert mit den endlosen Abzweigungen moderner Lebensläufe, wiegen alle nicht gewählten unendlich schwer. Zumindest scheint es so – wem alles versprochen wurde, der lebt eine Existenz endloser Verfehlungen. Noah Baumbachs komödiantisches Drama Gefühlt Mitte Zwanzig beschreibt einen gesellschaftlichen Blick in den Rückspiegel und zeigt Figuren, die nur durch den Umweg über die Vergangenheit die Gegenwart begreifen und ertragen können.

Der New Yorker Regisseur versucht sich an zwei Generationenporträts zugleich: Wie er sich seine Altersgenossen vorstellt, schildert er anhand des Ehepaars Josh und Cornelia Schrebnick (Ben Stiller und Naomi Watts), die ewig gescholtenen Millennials geben Jamie und Darby Massey (Adam Driver und Amanda Seyfried). Josh ist Mitte Vierzig und Dokumentarfilmer, sein Leben scheint zu stagnieren: Sein Projekt über den Linksintellektuellen Ira Mandelstam (Peter Yarrow) ist auch nach acht Jahren noch nicht abgeschlossen. Seine Frau wünscht sich Kinder, doch wirklich bereit für Verantwortung und Gebundenheit fühlen sich beide nicht. In der ersten Szene des Films werden sie mit einem Baby konfrontiert, ihre Überforderung ist die erste von vielen eher misslungenen Pointen. Weiterlesen

Rezension: buy buy st. pauli

buybuy-stpauli-poster_webAuf den ersten Blick sind die Esso-Häuser in Hamburg nicht unbedingt schön. Der Plattenbau aus den 1960er Jahren wirkt wie ein müder Riese, den man in die Knie gezwungen hat. Vokabeln wie „heruntergekommen“ oder „schäbig“ drängen sich auf. Doch wenn die Geschichte der Architektur uns eines gelehrt hat, dann, dass an schönen Orten nicht unbedingt gute Menschen leben – und umgekehrt. Für den Dokumentarfilm buy buy st. pauli haben Irene Bude, Olaf Sobacz und Steffen Jörge die Bemühungen der Anwohner, sich gegen die Abrisspläne der Stadt Hamburg und der Investoren zur Wehr zu setzen, zwei Jahre lang mit der Kamera begleitet. Das Ergebnis ist die Geschichte eines ideologischen Konflikts, der heute immer und überall zu wüten scheint: der zwischen politischem Idealismus und Marktlogik.

Konkrete Form angenommen hat dieser oft diffuse Überbau in Deutschland in den letzten Jahren vor allem in den Debatten, die um große Infrastruktur- und Bauprojekte wie Stuttgart 21, die Elbphilharmonie oder den neuen Berliner Flughafen geführt wurden. Weiterlesen

Rezension: The Kingdom of Dreams and Madness

kingdom_of_dreams_and_madness_hugeJeder Ort kann eine Kirche sein, aber auch eine Grabkapelle. Entscheidend ist nur, was die Leute dort denken, fühlen und glauben. Wenn die Kamera ehrfürchtig durch die Räumlichkeiten von Studio Ghibli fährt, dann verspürt man beides. Anfang und Ende liegen in der Luft. Licht flutet durch Buntglasfenster und geöffnete Türen, die Natur scheint so nah wie im urbanisierten Japan nur selten. Es ist die Heimat geschäftiger Menschen, schließlich handelt es sich um Büro, Verwaltungsapparat und Arbeitsfläche. Doch auch eine Katze lebt dort, sie heißt Ushiko. The Kingdom of Dreams and Madness nennt Regisseurin Mami Sunada die Räumlichkeiten des Animations-Studios, vor allem aber die Gedankensphären, die sie durchfließen. Weil jedes Königreich nach einem Regenten verlang, ist alsbald auch die Hauptfigur ihres Dokumentarfilms über Japans bestes, einflussreichstes Animationsstudio gefunden: Hayao Miyazaki.

Aber was für ein König war und ist der mittlerweile (endgültig?) im Ruhestand befindliche Filmemacher? Hört man seinen schwermütigen, oft gar fatalistischen Schilderungen und Weisheiten zu, so möchte man zuerst meinen: Ein König Lear. Denn in Sunadas Dokumentation geht es vor allem um Vermächtnisse, um den Geist einer alten Generation und den andersartigen einer Neuen, um die Hoffnung auf Veränderung und die Grenzen des Idealismus. Weiterlesen

Rezension: Willkommen auf Deutsch

6fcea49c„Das ist hier das noch beschauliche Dorf Appel“, begrüßt Hartmut Prahm den Zuschauer in seiner Welt. Es ist eine kleine Welt, in der nicht sonderlich viele Menschen leben. Sie besteht aus Weideland und Backsteinhäusern. Es gibt keinen Supermarkt, die Bäckerei hat mittlerweile zugemacht, der Bus fährt zwei Mal am Tag. Es gibt tausende Dörfer wie Appel, und in ihnen leben hunderttausende Menschen wie Prahm.

Es gibt jedoch auch viele, die nicht in der beschaulichen deutschen Provinz leben. Laut dem UNHCR waren im Jahr 2013 weltweit über 50 Millionen Menschen Flüchtlinge. 127.000 von ihnen haben in Deutschland einen Antrag auf Asyl gestellt. Und exakt 53 von ihnen sollen nach Appel kommen. Hartmut Prahm gefällt das nicht, und vielen seiner Mitbürger auch nicht. Ihr Gegenangebot ist: Höchstens Elf sollen es sein, ein örtlicher Gastwirt stellt seine Zimmer gerne zur Verfügung – gegen die entsprechende Bezahlung, versteht sich. Von solchen Prozessen handelt der Dokumentarfilm Willkommen auf Deutsch von Carsten Rau und Hauke Wendler: Von all diesen großen und kleinen Zahlen und den Menschen, die zu ihnen gehören. Davon, wie sie aufeinander prallen, und welche Folgen das hat. Weiterlesen