Heaven Knows What

Glaubt man Lyriker Gottfried Benn, gibt es „nur zwei Dinge: die Leere/ und das gezeichnete Ich“. Er beschwört ein düsteres Bild der Welt, in der sich die Menschheit teilt, in jene, die am Abgrund stehen und die, die bereits abgestürzt sind. Das Drama Heaven Knows What der Brüder Joshua und Ben Safdie nimmt sich dem schmalen Grat dazwischen an und erzählt die Geschichte von Seiltänzern über dem Nichts.

© Mobile Kino

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Bauernopfer – Spiel der Könige

Schach ist nicht nur ein Spiel, sondern auch eine Metapher. Jede Partie erzählt die Geschichte einer Schlacht, in der Soldaten Türme einnehmen, Pferde sich über ihre Feinde hinwegsetzen und schlussendlich ein König gefangen genommen wird. Die abstrakten Figuren mit Bedeutung zu füllen drängt sich geradezu auf, und so versucht sich Edward Zwicks Filmbiographie Bauernopfer – Spiel der Könige daran, die Wirrungen globaler und persönlicher Konflikte in 64 überschaubaren Feldern unterzubringen. Doch während die Großmeister in der Geschichte um die Schachweltmeisterschaft von 1972 mit jedem neuen Spielzug überraschen, reiht der Film so offensichtliche Standardmanöver aneinander, dass der Zuschauer stets schon drei Züge weiter ist.

© StudioCanal Deutschland

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The Hateful Eight: Kriegserklärung an die Geschichte

Eigentlich hätte es Quentin Tarantino schon viel früher in die Kälte ziehen müssen. Pistolen und Worte waren in seinen Filmen immer gleichermaßen Waffen. Wenn nun in The Hateful Eight kondensierter Atem und Pulverdampf gleichberechtigt nebeneinander in der Luft liegen, dann ist der Regisseur endlich ganz bei sich selbst. Wo die Kampfwerkzeuge seines Kinos in Inglorious Basterds und Django Unchained zuletzt noch gegen die großen Monstren der Geschichte gerichtet wurden, gegen Nazis und Sklavenhalter, zeichnet er nunmehr ein neues Feindbild: Die Geschichte selbst; zumindest aber das, was wir dafür halten.

© Universum Film GmbH

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Rezension: Carol

Carol-posterPlötzlich steht sie da, in der Spielzeugabteilung, zwischen Puppen und Eisenbahnen, Teil einer Welt, die nicht weniger falsch und käuflich ist, als die Dioramen und Plastikmenschen, die sie umgeben – Carol, ein Name wie ein Gesang. Es ist eine Epiphanie, wie sie nur das Kino kennt, wie die Welt abseits der Leinwand sie nur dank des Kinos kennt: Die Blicke zweier Menschen begegnen sich und plötzlich ist da etwas Echtes in dieser Warenwelt der fünfziger Jahre, die Frauen aus dem Nachkriegs-Arbeitsleben wieder zurück in die Küchen der vorstädtischen Goldkäfige locken soll.

Todd Haynes‘ Carol (basierend auf dem Roman Salz und sein Preis von Patricia Highsmith, adaptiert durch Phyllis Nagy) könnte ebenso gut „Die Liebe in den Zeiten des Kapitalismus“ heißen. Es ist die Geschichte eines wortlosen Verlangens, für das es noch keine Worte gab und wenn doch, dann waren es Fachbegriffe der Psychopathologie. Weiterlesen

Rezension: Mistress America

mistress-america-movie-posterDas Kino Noah Baumbachs führt unweigerlich zu einer Frage: Wollen wir von Filmen eigentlichwirklich verstanden werden? Sie sollen uns wohl berühren, aber gleich umarmen? Uns den Kopf streicheln und sanft in unser Ohr hauchen, dass wir trotz all unserer Fehler gute Menschen sind, die es verdienen, geliebt zu werden? Oft begegnet man im Kino dem Fremden, dem Unwägbaren, gelegentlich aber auch Versionen seiner selbst. Eigentlich suchen wir die Distanz, die es uns erlaubt, das Beste aus beiden Welten zu wählen.

Baumbach sagt man nach, er könnte die Befindlichkeiten eines bestimmten Menschenschlages sehr präzise darstellen: Die weiße, urbane Mittel- bis Oberschicht, Stadtneurotiker nach Art Woody Allens. Menschen, die zu viel denken (falls das geht) und sich so intensiv um sich selbst drehen, dass man damit Strom für ganz Williamsburg generieren könnte. Weiterlesen

Rezension: Z for Zachariah

zfz-posterManche Peinlichkeiten überdauern selbst die Zivilisation: John und Ann mögen zu den letzten lebenden Menschen auf dem Planeten gehören, doch wenn sie vorsichtige Liebesbande knüpfen, dann wird das von denselben schüchternen Blicken und nervösen Worten begleitet, die auch vor dem nuklearen Armageddon üblich waren. In Z for Zachariah sucht Regisseur Craig Zobels in einer postapokalyptischen Welt nach den Resten alter und den Vorzeichen neuer Trennlinien zwischen den Menschen. Nie wurde der Kampf ums Dasein unaufgeregter geführt.

Die Farm, auf der Ann Burden (Margot Robbie) einst aufwuchs und die kleine Gemeinde um sie herum sind wie durch ein Wunder (oder ein Wetterphänomen?) von der Katastrophe verschont geblieben. Ihre Familie ist entweder tot oder in der Welt verstreut, sie lebt allein mit ihrem Hund – bis Ingenieur John Loomis (Chiwetel Ejiofor) plötzlich in einem riesigen Strahlenanzug in einem nahen Waldgebiet auftaucht. Er hat gesundheitliche Probleme und Ann nimmt ihn ohne größere Bedenken bei sich auf, um ihn zu pflegen. Weiterlesen

Rezension: Queen of Earth

COcMFLCWgAA_jqi„Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach Äußerlichkeiten. Das wahre Geheimnis der Welt liegt im Sichtbaren, nicht im Unsichtbaren.“ – Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray.

Queen of Earth ist ein wütender, konfrontativer Horrorfilm des Menschlichen. Von der ersten Einstellung an starrt er sein Publikum nieder, mit den von verlaufener Schminke in Brunnenschächte verwandelten Augen von Catherine (Elisabeth Moss). Es ist ein Moment der tiefsten Verzweiflung, der alles im weiteren Verlauf überschatten wird. Ihr zur Maske verzerrtes Gesicht klagt an und fleht zugleich nach Erlösung. Die junge Frau hat ihren Vater verloren, einen bekannten Künstler, in dessen Schatten sie ihr Leben lang stand. Ihr Freund James hat sie betrogen und verlassen. „Warum tust du mir das an?“, fragt sie. Eine zufriedenstellende Antwort erhält sie nicht. Die gesamte Schöpfung scheint sich gegen sie verschworen zu haben und droht nun,  langsam ins Nichts zu gleiten. Vor dem Übel der Gegenwart flieht sie zur Verkörperung ihrer Kindheit, ihrer Jugendfreundin Virginia (Katherine Waterston). Doch selbst die Bande der Freundschaft, an denen sie über dem bodenlosen Abgrund der Depression hängt, beginnen alsbald zu zerfasern… Weiterlesen