Rezension: Only God Forgives

ONLY-GOD-FORGIVES-Poster2In Cannes ausgebuht, von Kritikern als „so lächerlich schlecht wie Showgirls oder Battlefield Earth“ und „cineastische Darmentleerung“ verspottet: Schon vor seinem offiziellen Start in den Kinos umgab Nicolas Winding Refns neuer Film Only God Forgives ein Hauch von Kontroverse und Anrüchigkeit.  Nachdem Refns letzter Film, Drive, sowohl bei Publikum als auch bei der Kritik sehr gut aufgenommen wurde, war die Erwartungshaltung hoch. Fans freuten sich auf mehr von der Mischung aus ruhigen, stilisierten Bildern und pointierten Eruptionen von Action und Gewalt. Refn leistet diesen Wünschen, in gewisser Weise, Folge – aber nicht so, wie Drive-Anhänger es erwarten würden. Weiterlesen

Rezension: The Place Beyond the Pines

The-Place-Beyond-The-Pines-posterLuke: He told me enough. He told me you killed him.
Darth Vader: No. I am your father. ..

Diese Dialogzeilen aus Star Wars – Das Imperium schlägt zurück gehören wohl zu den bekanntesten der Filmgeschichte, Darth Vader zu den ikonischsten Filmschurken aller Zeiten. Der archetypische Bösewicht, der in seiner Darstellung bis zu diesem Zeitpunkt an Antagonisten aus Märchen erinnert, wird durch diese Offenbarung vielschichtiger, wird ambivalent: Er ist, wie schon am Namen zu erkennen, trotz all seiner Taten, Vater. Luke und Vader verbindet mehr als Feindschaft.

Luke Glanton (Ryan Gosling), Motorrad-Stuntfahrer auf einem Jahrmarkt, verbindet wenig mit seinem Vater, er kennt ihn nicht einmal. Dennoch könnte dieser für sein Leben nicht von größerer Bedeutung sein, sein Leben scheint wie das direkte Ergebnis dieser Abwesenheit. Als er feststellt, dass er mit Ex-Freundin Romina (Gosling-Lebensgefährtin Eva Mendes) nun selber einen Sohn hat, bemüht er sich Verantwortung zu übernehmen. Schnell stellt er fest, dass das Einkommen aus der Werkstatt von Robin (Ben Mendelsohn) nicht ausreicht: Dieser schlägt vor, eine Bank zu überfallen…

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Luke (Ryan Gosling) mit seinem Sohn

Auch Kleinstadtpolizist Avery Cross, gespielt von Bradley Cooper, steht im Schatten seines Vaters, ein Mann der seine Karriere immer über seine Familie gestellt hat. Korrupte Kollegen und moralische Dilemmata machen ihm das Leben schwer. Auch die Beziehung zu seinem Sohn AJ stellt sich als problematisch da – dieser ist weniger an Karriere und Arbeit interessiert als an Drogen und Partys.

Was zunächst nach einem unüberschaubaren Konglomerat verschiedenster Charaktere klingt, wird in Derek Cianfrance Drama The Place Beyond the Pines auf meisterhafte Art miteinander verwoben. In 140 Minuten wird aus der Sicht von 3 verschiedenen Charakteren (inklusive einem Zeitsprung von 15 Jahren) eine Geschichte um Schuld und Sühne, Gerechtigkeit und die Bedeutung von Vätern erzählt.

Gerade letzteres wird in atmosphärische, oft poetische Bilder gekleidet: Immer wieder sehen wir Parallelen zwischen den Charakteren, sehen sie das Gleiche tun, nur in einem anderen Rahmen. Sie halte die gleichen Gegenstände in den Händen, alle scheint verbunden. Wir sehen Väter und Söhne im wahrsten Sinne des Wortes denselben Pfaden folgen, sie machen dieselben Fehler.

Doch diese Pfadabhängigkeit besteht auch im Guten: Momente Menschlicher Wärme, die nie anbiedernd oder kitschig wirken. Luke, der seinem Sohn vorsichtig das erste Mal Eiskreme zu essen gibt. Der Freund von Romina, Ziehvater von Lukes Kind, der auf die Frage nach diesem mit dem oben erwähnten Star Wars- Zitat antwortet. Auch wenn mit Ihnen oft hart und kompromisslos umgesprungen wird: Diese herzlichen Szenen durchbrechen die oft schwermütige Stimmung des Films und zeigen, wie sehr die Charaktere Regisseur und Autor am Herz liegen.

Und wieso sollte es anders sein: Der Cast überzeugt, den Darstellern wird Raum in ihren Rollen gegeben und dieser Entfaltungsspielraum wird genutzt. Lediglich die Entwicklung von Coopers Charakter findet zu viel im Off statt, das Füllen der Lücken fällt jedoch nicht schwer.

Gosling erzählt die Rolle von Luke aus, wurde mit Tätowierungen übersäht und bleibt stoisch, fast abwesend – fast fühlt sicher der Zuschauer an seine Performance in Drive erinnert. Gemeinsamkeiten mit dem Überraschungshit von 2011 enden aber nicht beim Darsteller: Beide Filme leben von der zwischen lang ruhigen, aber dann konzentriert anschwellenden Erzählweise, den melancholischen Bildern und dem stilsicher gewählten Soundtrack: Dieser kommt im Fall von The Place Beyond the Pines primär von Multitalent Mike Patton (u.a. Faith No More-Sänger), welcher vor allem mit dem Stück Snow Angel den Ton des Werks mitbestimmt. Aber auch der restliche Score ist etwa mit Bruce Springsteen, Bon Iver oder Ryan Gosling-Eigenkompositionen gut bestückt.

Auch wenn der Film bewusst dreigeteilt ist, fügt er sich zu einem organischen Ganzen das wie aus einem Guss wirkt. In der heutigen Kinolandschaft sieht man nur selten ein so immersives, empathisches Epos mit dessen Charakteren man im gleichen Ausmaß mitfiebert.  Auch wenn seine Botschaft lautet, das wir alle so etwas wie ein Schicksal besitzen und den Spuren unsere Eltern folgen, zelebriert es den Menschen in seiner Imperfektion, in seiner Fähigkeit zu vergeben und in seinem Willen zur Freiheit. Schon jetzt ist The Place Beyond the Pines einer der besten Filme des Jahres.