Kann das Kino noch provozieren?

Manche Filme scheitern, weil sie gemocht werden. Man stelle sich das nur mal vor: Da übergießt man seine Bilder mit glitschiger Ambivalenz, stößt Abgründe in die tiefsten Höllen der menschlichen Seele auf, hält mit der Kamera ungehemmt auf Gewalt, Sex und Perversion, kratzt an den wenigen verbleibenden Tabus seiner Zeit, und wie reagieren Publikum und Kritik, die doch heute angeblich so sensibel und übermäßig politisch korrekt sein sollen? Sie applaudieren, schreiben glühende Lobeshymnen und zeichnen den Film mit hässlichen goldenen Statuetten aus. Ein Albtraum!


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Ein atheistisches Plädoyer für religiöse Filmkunst

Ein Mann, der mit seinen Handflächen die zitternde Flamme einer Kerze schützt, durchquert behutsam ein verlassenes Thermalbad. Diese ikonische Szene aus Andrei Tarkowskis Nostalghia trägt zahllose Bedeutungen in sich; es handelt sich um eine schlichte Geste, welche die Gesamtheit eines menschlichen Lebens enthalten sollte. Der Regisseur sah in seinem Film auch „die Geschichte einer Krankheit“ und erklärte: „Vielleicht könnte man die Nostalghia mit dem Verlust des Glaubens, der Hoffnung vergleichen.“ Sein Glaube war dem Filmemacher etwas Vergängliches, Schützenswertes – eine Kerze im Wind.

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Der Zuschauer als Patient – Der zukünftige Einfluss von Biometrie und Neurologie auf das Kino

D. W. Griffith hatte eine Vision für das Kino. Es sollte nicht nur den Finger am Puls der Zeit haben, sondern selbst zu diesem Puls werden. Der amerikanische Regisseur, bekannt als einer der bedeutsamsten Pioniere der filmischen Grammatik, formulierte seine Zielvorstellung so: „Die amerikanische Schule [des Filmschnitts] bemüht sich, die Geschwindigkeit des Films im Einklang mit dem durchschnittlichen menschlichen Herzschlag zu halten.“ (zit. nach James Monaco, Film verstehen, 2009) Wie bei einem einzigen Wesen sollten Puls von Zuschauer und Film bei Anspannung schneller und schneller pochen, nur um in finalen Augenblicken größter Ungewissheit einhellig stillzustehen.

(Filmstill aus The Congress; Copyright: Pandora Filmverleih)

(Filmstill aus The Congress; Copyright: Pandora Filmverleih)

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Altern Filme?

Für viele Menschen sind Filme wie radioaktive Stoffe. Sie werden mit einer Halbwertszeit geboren und beginnen, in dem Moment zu zerfallen, in dem sie fertiggestellt werden. Immer wieder hört oder liest man das Urteil, dieser und jener Film sei „schlecht gealtert„. Oder eben auch „gut gealtert„, als ginge es um ein Fass Wein oder einen besonders würzigen Käse.

(Filmstill aus Das Bildnis des Dorian Gray; Copyright: Concorde Filmverleih GmbH)

(Filmstill aus Das Bildnis des Dorian Gray; Copyright: Concorde Filmverleih GmbH)

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Eine Explosion, zwei Himmel: Die Musik von Prince Avalanche und Lone Survivor

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Die Filmmusik ist schon fast so alt wie der Film selbst. Ob es darum ging, das laute Rattern der Projektoren zu übertönen oder einfach nur die dem Menschen fremd gewordene Stille zu füllen, sicher ist, dass schon frühe Vorführung etwa von Pianisten oder Geigern unterlegt wurden.  Mit der Zeit wurde die Technik immer weiter verfeinert, wo zunächst bekannte Stücke oder Improvisationen vorherrschten,  traten bald spezifisch auf einen Film, sogar auf bestimmte Szenen zugeschnittene Stücke. Bereits vor dem Tonfilm wurden für manche Filme spezielle Partituren geschrieben. Als  1927 Der Jazzsänger erschien, waren Musik und Film schon lange zu einer gemeinsamen audiovisuellen Erfahrung verschmolzen. Weiterlesen

Helden, Superhelden, Antihelden: Warum der moderne Antiheld keiner ist

An einem Helden ist alles verzeihlich, nur nicht die Schwäche.

Jakob Boßhart

Hollywood zeigt uns schon genug strahlende Helden: Menschen die besonders schön, stark und klug sind. In der Geschichte des Films waren und sind Protagonisten, die nicht bestimmte Idealvorstellungen erfüllen, Figuren voller Schwächen und wirklicher Fehler, selten mehr als eine Randerscheinung. Im Gegenteil, oft sind sie sogar Ziel von Spott und Verachtung. Auch die fiktive Geschichte wird von den Gewinnern geschrieben, wer noch beim Happy-End unglücklich ist, muss wohl zu den Bösen gehören.  Für Versager ist im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ kein Platz. Weiterlesen