Kann das Kino noch provozieren?

Manche Filme scheitern, weil sie gemocht werden. Man stelle sich das nur mal vor: Da übergießt man seine Bilder mit glitschiger Ambivalenz, stößt Abgründe in die tiefsten Höllen der menschlichen Seele auf, hält mit der Kamera ungehemmt auf Gewalt, Sex und Perversion, kratzt an den wenigen verbleibenden Tabus seiner Zeit, und wie reagieren Publikum und Kritik, die doch heute angeblich so sensibel und übermäßig politisch korrekt sein sollen? Sie applaudieren, schreiben glühende Lobeshymnen und zeichnen den Film mit hässlichen goldenen Statuetten aus. Ein Albtraum!


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Das Museum im Kino

Museen und Kinos sind die Tempel verschiedener Religionen, die denselben Gott verehren, ihn aber unterschiedlich benennen. Zwei Gebäude, die man aus ähnlichen und doch gänzlich verschiedenen Gründen besucht. Glaubt man ihren Namen, leben im einen Schutzgöttinnen der Künste, im anderen erfasste Bewegungen. Irgendwo in der Vergangenheit der Glaubensrichtungen liegt ein Schisma und heute bleiben nur die diversen Formen ökumenischer Messen, um eine Einheit zwischen ihnen zu erleben.

(Filmstill aus Francofonia; Copyright: Piffl Medien GmbH)

(Filmstill aus Francofonia; Copyright: Piffl Medien GmbH)

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Rezension: Dom Hemingway

Dom Hemingway PosterDom Hemingway weiß genau, wer er ist. Er weiß seinen Namen, und sagt ihn oft und mit Freude. Er kennt seinen Platz, denn das ist stets der Mittelpunkt. Schon mit der ersten Einstellung des Films nimmt er die Leinwand vollständig für sich ein. Und monologisiert über seinen Penis. Wie ein Prediger für den Kult der Männlichkeit richtet Dom eine Lobpreisung an sein bestes Stück. Erst am Ende der Szene sehen wir, wo dieses sich gerade befindet, nämlich im Mund eines männlichen Mitgefangenen. Oh, die Ironie. Regisseur Richard Shepard scheint es auf eine Diskussion über den Mann im britischen Gangsterkino abgesehen zu haben. Es soll um den Macho von Gestern in der Welt von heute gehen. Doch wirklich gelingen will das nicht. Sowohl Dom Hemingway (gespielt von einem durchtrainierten Jude Law) als auch dem gleichnamige Film scheinet es an klaren Zielen zu fehlen. Weiterlesen

Rezension: Sightseers

Unsere Eltern haben uns, als wir noch Kinder waren, davor gewarnt, in die Autos von Fremden zu steigen. Wir werden gewarnt vor dem Absonderlichem, dem Mysteriösen, dem Unbekannten. Sightseers, eine britische, schwarze Komödie von Regisseur Ben Wheatley, lehrt uns, das unsere Ängste fehlgeleitet sind – die wahre Gefahr geht von dem unsäglich Langweiligen und Gewöhnlichem aus. Die Sprichwörtliche „Banalität des Bösen“ wird uns deutlicher (und drastischer) denn je zur Schau gestellt.

Chris (Steve Oram) und Tina (Alice Lowe) sind ein junges, etwas spießiges, durch und durch britisches, Paar. Tina hat bisher ein sehr behütetes Leben geführt. Ihr größte Verlust war der Tod ihres Hund Puppy, sie  strickt und häkelt gerne und wohnt selbst im mittleren Alter noch bei ihrer Mutter. Diese sieht es gar nicht gerne, als die Beiden zu einer gemeinsamen Reise durch Südengland in Chris Wohnwagen aufbrechen wollen –  sowohl Stationen wie ein Viadukt und ein Bleistiftmuseum als auch Chris scheinen ihr nicht ganz geheuer.

Auch Tina beschleicht bald ein seltsames Gefühl: Der Liebste verhält sich seltsam wankelmütig, reagiert auf Kleinigkeiten überschäumend und überfährt schließlich einen Mann, welcher sich gerade einmal die, zugegeben nicht ganz fachgerechte, Entsorgung von Müll hat zu Schulden kommen lassen. Das Liebesglück werden noch andere Probleme stören: Arrogante Campingplatzbewohner, trommelnde Hippies und die immer deutlicher werdenden Tendenzen von Chris, seine Inspiration nicht, wie behauptet, in einen Reisebericht sondern in brutalen Morden zu verwirklichen.

Dargestellt wird diese simple Prämisse uns in dem Kontrast zwischen idyllischen (fast schon langweiligen) Landschaftsausnahmen und schonungslos inszenierten Mordszenen. Dabei wirkt der Film wegen seiner sehr kurzen Laufzeit (gerade einmal 88 Minuten) eher wie eine lange Einleitung zu einem Klimax, der niemals stattfindet. Der Film mäandriert vor sich hin wie die Protagonisten durch Südengland. Obwohl Sightseers als Komödie angelegt ist, sitzen wenige der Pointen wirklich. Im Prinzip wird klar, welche Situationen komisch gemeint sind, wirklich überspringen will der Funk aber nicht.

Für eine Charakterstudie zu Oberflächlich, als Romanze zu wenig unbeschwert gelingt es dem Film nicht, einen konsistenten Ton zu finden. Immer wieder wird ein Aufbruch suggeriert, und der Zuschauer erwartet nun endlich das Versprochene gezeigt zu bekommen, nur um immer wieder aufs Neue enttäuscht zu werden.

Der Film ist sicher kein Totalausfall: Es gibt unterhaltsame Momente, die Schauplätze sind solide fotografiert,  Oram und Lowe verkörpern Glaubwürdig zwei introvertierte und verklemmte Menschen auf der Suche nach den kleinen und großen Freiheiten. Der Soundtrack ist mit Stücken wie „Tainted Love“ passend gewählt und trägt zu den wenigen, wirklich stimmigen Momenten erheblich bei.

Doch selbst über die kurze Spielzeit stellt sich schnell eine nicht enden wollende Müdigkeit ein, die dünne Prämisse trägt nicht bis zum Ende: Alle Charaktere und ihre Beweggründe sind zu schnell durchschaut, gerade die Entwicklung Tinas, welche angedeutet wird, bleibt plötzlich stecken. Nichts scheint zu Ende gedacht. Paradoxerweise kann gerade der Abschluss als durchaus gelungen bezeichnet werden, ein zeitgemäßes Ende für eine modernisierte Version der Bonnie und Clyde-Geschichte.

Am Ende bleibt wenig. Wirklich kann man aus Sightseers nur Eines mitnehmen: Selbst wenn das Banale böse ist, wird es dadurch nicht weniger banal.