Schwimmen lernen: Die Filme von Barry Jenkins

In manchen Kinobildern kann man ertrinken. Man lässt sich treiben vom Geschehen oder watet mit dem Regisseur ins tiefe Wasser hinaus, nur um festzustellen, dass man Nichtschwimmer ist. Dieses Gefühl vermittelt auch eine Szene aus Moonlight, dem zweiten Spielfilm des amerikanischen Regisseurs Barry Jenkins. Der Drogendealer Juan (Mahershala Ali) hat sich des jungen Außenseiters Chiron (in dieser Szene: Alex R. Hibbert) angenommen. Es gilt, zwei Dinge zugleich zu lernen: zum einen Schwimmen, zum anderen Vertrauen.

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Krieg gegen Jeden – John Michael McDonaghs Anti-Helden

Irgendwann kommen die Schatten. In jedem Film des irischstämmigen Regisseurs und Drehbuchautors John Michael McDonagh ist früher oder später der Punkt erreicht, an dem wir die Welt sehen wie seine Figuren: längst an die Dunkelheit verloren. „Negative Space“ bezeichnet in der Fotografie oder bei Gemälden die leere Fläche um den eigentlichen Gegenstand des Bildes. Bei McDonagh werden diese Räume zum bösartigen Nichts, das seine sonst so schlagfertigen Anti-Helden zu verschlucken droht. In dieser Woche läuft sein dritter Spielfilm in den deutschen Kinos an. Die schwarze Buddy-Komödie heißt hierzulande Dirty Cops, treffender wäre – wie so oft – der Originaltitel: War on Everyone. John Michael McDonagh erzählt von Männern, die aus verschiedenen Gründen einen hoffnungslosen Krieg gegen jeden führen. Vor allem gegen sich selbst.

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Rezension: Hitchcock/Truffaut

hitchcock-truffaut-posterZwei Ziegen fressen die Rollen eines Films, der auf einem Bestseller basiert. Sagt die eine zu der anderen: „Das Buch war mir lieber“. Genau diesen Witz erzählte Alfred Hitchcock seinem Kollegen François Truffaut, als sie für dessen Interview-Buch Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? über die Literaturverfilmung Rebecca sprechen. Die Kernaussage: Jede Adaption muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie überhaupt eine Daseinsberechtigung besitzt. Geht beim Übergang nicht unweigerlich das Wesen des Originals verloren? Mit dem Dokumentarfilm Hitchcock/Truffaut hat Kent Jones nun Truffauts Buch adaptiert, erzählt gleichzeitig aber auch die Geschichte seiner Entstehung nach. Auch er muss sich die Frage gefallen lassen: Wozu?

Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?  zählt zu den wenigen wirklich essenziellen Texten für Regisseure und Cineasten. Das aus tagelangen Gesprächen zusammengetragene Interview ist ein filmjournalistisches Meisterstück, über das im französischen Filmjournal L’Aurore nicht zu Unrecht geschrieben wurde, es ersetze vier Semester Filmhochschule. Auf anschauliche und unterhaltsame Weise durchstreifen die beiden Gesprächspartner Hitchcocks Laufbahn, Film für Film. Nahezu das gesamte Werk wird kritisch beäugt, analysiert und mit unterhaltsamen Anekdoten kommentiert. Zur Zeit des Gesprächs war Truffaut gerade einmal 30 Jahre alt, in Hitchcock hatte er fast so etwas wie eine Vaterfigur gefunden. Vor allem die Dynamik zwischen dem jungen Franzosen und dem erfahrenen Briten ist es, die immer neue Blickwinkel eröffnet und faszinierende Erkenntnisse über Hitchcocks Filme im Speziellen und das Kino im Allgemeinen hervorbringt. Weiterlesen