The Hateful Eight: Kriegserklärung an die Geschichte

Eigentlich hätte es Quentin Tarantino schon viel früher in die Kälte ziehen müssen. Pistolen und Worte waren in seinen Filmen immer gleichermaßen Waffen. Wenn nun in The Hateful Eight kondensierter Atem und Pulverdampf gleichberechtigt nebeneinander in der Luft liegen, dann ist der Regisseur endlich ganz bei sich selbst. Wo die Kampfwerkzeuge seines Kinos in Inglorious Basterds und Django Unchained zuletzt noch gegen die großen Monstren der Geschichte gerichtet wurden, gegen Nazis und Sklavenhalter, zeichnet er nunmehr ein neues Feindbild: Die Geschichte selbst; zumindest aber das, was wir dafür halten.

© Universum Film GmbH

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Rezension: Sparrows

SparrowsDas Leben als Teil einer Dorfjugend hat etwas erstaunlich Universelles. Wo auch immer Heranwachsende in einem Umfeld aufwachsen, in dem es für sie keinen wirklichen Platz oder nur wenig zu tun gibt, fliehen sie vor der von Erwachsenen geschaffenen Welt. Es zieht sie zu Drogen, Alkohol und Sex, vor allem aber zueinander. Von dieser adoleszenten Parallelwelt erzählt Rúnar Rúnarssons zweiter Film Sparrows.

Teenager Ari (Atli Oskar Fjalarsson, Jitters – Schmetterlinge im Bauch) schien der Einöde seiner kleinen, provinziellen Heimatstadt eigentlich schon längst entkommen. Doch als seine abenteuerlustige Mutter mit ihrem neuen Freund auf Afrikareise geht, muss er das weltoffene Reykjavik widerwillig verlassen und zu seinem alkoholkranken Vater Gunnar (Ingvar Eggert Sigurðsson, Metalhead) zurück ziehen.

Doch den Heimgekehrten erwartet mehr als nur sein Vater, harte Arbeit, die liebevolle Großmutter und das alte Zimmer: Auch Jugendfreundin Lára (Rakel Björk Björnsdóttir) begrüßt ihn mit offenen Armen. Selbst nach den langen Jahren der Trennung verbindet die beiden noch vieles, vielleicht ist es sogar Liebe. Doch Aris Wiedersehensfreude verfliegt schnell, als er ihren gewalttätigen und eifersüchtigen Freund kennenlernt. Immerhin schließt er bald neue Freundschaften, mit denen er das trostlose Leben zwischen Fjorden und zerklüfteten Berglandschaften etwas fröhlicher gestalten kann. Weiterlesen

Rezension: Slow West

SLOW-WEST-PosterDie Freiheit liebt den Menschen nicht. All seine Loblieder bleiben unerwiderter Minnesang. Sehen und greifen kann man sie nie, man deutet nur die Welt, bis man sie für sich darin entdeckt hat. So wie manche den Sternenhimmel betrachten und die Lichter in der Leere zu Löwen, Zentauren und lange vergessene Helden zusammenfügen. Vielleicht, weil sie die endlose Schwärze nicht ertragen können, denken sie sich Linien zwischen den winzigen glühenden Punkten. So geht es auch dem jungen Jay Cavendish (Kodi Smit-McPhee), der auf der Suche nach seiner entflohenen Geliebten Rose Ross (Caren Pistorius) von Schottland in das Nordamerika der rauen Gründerzeit geworfen wird.

Als wir ihm in Slow West, dem (Neo-/Post-/Meta-)Western-Debütfilm von John Maclean, zum ersten Mal begegnen, richtet er gerade seine Pistole gen Himmel. Das Idiom „shooting for the stars“ bedeutet in der englischen Sprache so viel wie „sich selbst hohe Ziele setzen.“ Wie bezeichnend also, dass Jay seine Waffe nicht wirklich abfeuert, er deutet seine Schüsse lediglich impotent an – und doch strahlen die anvisierten Sterne plötzlich so hell wie nie zuvor. Weiterlesen

Rezension: From What is Before

FromwhatisbeforeManche Wunden dürfen nicht verheilen, weil ihr Schmerz vor neuen Fehlern warnt. Mit From What is Before setzt Slow Cinema-Regisseur Lav Diaz mit seiner Klinge erneut tief unter der Haut der philippinischen Vergangenheit an. Er widmet sich der Marcos-Diktatur, dem verheerenden Jahr 1972 und den Schrecken, die folgen sollten. „This story is the memory of a cataclysm. This story is the memory of my country.“ erklärt Diaz‘ Stimme aus dem Off. Das Publikum wird zum Schlachter getrieben. Doch selbst der Gnadenstoß wird ihm verwehrt – es wird qualvoll ausgeblutet.

Selbst der Regen, der ohne Unterlass vom Himmel fällt, könnte ebenso gut Blut sein. Er kommt wie ein unheilvolles Omen über ein einzelnes Barrio, dass Diaz als Stellvertreter für den ganzen Inselstaat auswählt. Weiterlesen

Rezension: A Most Violent Year

A-Most-Violent-Year-US-PosterDie Vergangenheit ist wie die Welt hinter der Kinoleinwand: Ein Ort, den wir nur besuchen können. Egal wie stark unser Verlangen auch sein mag, wir können nicht ewig verweilen. A Most Violent Year ist ein sehnsüchtiger Blick zurück, eine sanft gleitende Kamera wird zum Auge eines enttäuschten Verehrers. Natürlich geht es um den amerikanischen Traum, bis heute so oft als Alpdruck entlarvt, dass die Furcht vor seinen Nachtmahren vielen längst genommen wurde. Und so wird sein Schrecken hier gerade in den Oberflächen gesucht, die man sonst so mühsam fortkratzt.

Nachdem Regisseur J. C. Chandor zwei Extreme ausgetestet hat – zuerst unbewegte Räume und Wortfluten in Margin Call, dann flutpeitschendes Meer und Schweigen in All Is Lost – ist dieser, sein dritter Film, ein Equilibrium. So wie alle amerikanischen Autoren ihre „Great American Novel“ schreiben wollen, scheint A Most Violent Year ein erster Schritt in Richtung eines „Great American Movie“. Weiterlesen

Rezension: The Gunman

Copyright: StudioCanal DeutschlandManchmal gibt es tatsächlich so etwas wie Wahrheit in Werbung: Pierre Morels Actionthriller The Gunman enthält sogar gleich mehrere Gewehre, eine Vielzahl von Männern, sowie beides in Kombination. Einer dieser Männer mit Gewehren ist Jim Terrier (Sean Penn), Mitarbeiter einer international agierenden Sicherheitsfirma. Von seinen Auftraggebern wird er in der Demokratischen Republik Kongo stationiert, um den Bergbauminister des Landes zu töten. Zur Tarnung geben er und seine Waffenbrüder vor, als Sicherheitspersonal eine Baustelle zu bewachen. Während er auf grünes Licht wartet, verliebt er sich in die junge Ärztin Annie (Jasmine Trinca), ganz zum Missfallen ihres ebenfalls nicht abgeneigten Kollegen Felix (Javier Bardem). Kurz vor dem Attentat erfährt Terrier, dass der Schütze für längere Zeit den Kontinent verlassen muss, und natürlich fällt das Los auf ihn. Nach dem Anschlag versinkt die Nation in Chaos und Gewalt.

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Clint Eastwood – Schuld und Sühne in Amerika

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Das Selbstverständnis jedes Regisseurs findet sich in seinen Bildern wieder. Wenn Clint Eastwood sich in Erbarmungslos gegen das schwache Licht der aufgehenden Sonne filmen lässt, dann wird aus dem einsamen Cowboy Will Munny ein Schatten. Eine mythische Gestalt, die mehr Idee als Mensch ist. Munny reitet hier aber nicht, wie für Westernhelden üblich, in den Sonnenuntergang, sondern hebt ein Grab für seine verstorbene Frau aus. In einer Szene erklärt er: „Jemanden zu töten ist eine schlimme Sache. Du löscht alles aus, was er war und je hätte sein können.“ Chris Kyle, Scharfschütze der Navy-SEALs und Hauptfigur von Eastwoods neuestem Film American Sniper  hat es auf über 160 bestätigte Abschüsse gebracht, hat über 160 Mal ausgelöscht. Genau wie bei Munny waren unter seinen Opfern Frauen und Kinder.Doch irgendwo in den zwei Dekaden, die zwischen diesen Filmen vergangenen sind, muss etwas geschehen sein. Eastwoods Haltung zu Munny war eine andere als die zu Kyle. Weiterlesen