Flucht nach vorne – Das Kino des Sion Sono

Alles beginnt in der Heimat, die keine ist. Jede Geschichte im unaufhörlich expandierenden Filmuniversum des japanischen Regisseurs Sion Sono findet ihren Ursprung an Orten und in Zuständen, die ein Zuhause sein sollten, aber keines sind und auch nie mehr eines werden. Entweder sind seine Welten das Ergebnis einer vergangenen Kalamität (wie etwa in The Whispering Star) oder sie stellen selbst eine dar.

(Filmstill aus The Whispering Star; Copyright: Rapid Eye Movies)

(Filmstill aus The Whispering Star; Copyright: Rapid Eye Movies)

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Rezension: Die Steuerfahnderin

tumblr_inline_mlubpl9c7d1qz4rgpRyōko Itakura ist eine Heldin, der auf den ersten Blick nichts Heroisches anhaftet. Sie ist pedantisch, präzise, manchmal gar gnadenlos. Mit ihrem Gesicht voller Sommersprossen ist sie sicher keine klassische Filmschönheit. Sie ist ein weiblicher Nerd, lebt in einer Welt aus Zahlen und begegnet Menschen oft berechnend: Subtrahiert, wen sie nicht mag; multipliziert ihre Talente mit denen ihrer Kollegen; teilt die Welt entlang von Gesetzen und Paragraphen. Über ihre Profession singt man keine Lieder, schreibt man keine Sagen, der Durchschnittsbürger blickt im besten Fall gleichgültig, meist jedoch eher verächtlich auf sie: Ryōko ist Steuerfahnderin.

Regisseur Jūzō Itami schafft mit ihr dennoch die wohl liebenswerteste, warmherzigste Bürokratenfigur der Filmgeschichte. Nicht nur, weil sie so wundervoll von seiner Ehefrau Nobuko Miyamoto verkörpert wird, kann er seine grenzenlose Zuneigung kaum verbergen. Dem Zuschauer geht es bald nicht anders: Ihr Schauspiel versöhnt Funktion und Mensch miteinander. Weiterlesen

Rezension: Wenn der Wind singt / Pinball 1973

wenn_der_wind_singt_pinball_1973Vielleicht sind ja alle Dinge ihre Herkunft. Jede Religion hat ihre Genesis, jedes Start-Up seinen Gründungsmythos und jeder Superheld seine Origin Story. Menschen mögen den Blick auf die Herkunft und einfache Kausalitäten. Gott sagt „Es werde Licht“, also ist Licht. Newton fällt ein Apfel auf den Kopf, also Schwerkraft. Peter Parker wird von radioaktiver Spinne gebissen, ergo Spider-Man. Nun werden auch die Ursprünge des international wohl populärsten japanischen Autors der Gegenwart näher beleuchtet, die von Haruki Murakami. Im Dumont-Verlag sind gerade erstmals seine Debütromane in deutscher Übersetzung von Ursula Gräfe erschienen; in einem Sammelband, versehen mit einem kurzen Vorwort.

Murakamis „Origin Story“ ist zunächst einmal bekannt: Nach dem Universitätsabschluss eröffnet er eine Jazz-Bar und lebt, liebt und liest. An einem sonnigen Tag hat er bei einem Baseball-Spiel eine Epiphanie und beschließt, einen Roman zu schreiben – der Baseball muss ihm nicht einmal auf den Kopf fallen. Weiterlesen