Rezension: Mi Gran Noche

mi-gran-noche-poster-originalJeder Entertainer weiß es: The show must go on. Unterhaltung ist schließlich ein Geschäft, wenn nicht sogar Fließbandfertigung, die ja bekanntermaßen auch immer weiter läuft. Doch was, wenn das große Finale wirklich einmal ausbleibt und ein Event einfach nicht enden will? In Álex de la Iglesias Mi Gran Noche verwandelt sich die vom Pech verfolgte, schier endlose Produktion einer Fernseh-Silvestergala (die praktischerweise bereits im September aufgezeichnet wird) langsam in eine Vorhölle der guten Laune.

Die hyperaktive Showbiz-Farce macht unmissverständlich klar, was Neil Postman schon vor über 30 Jahren formulierte: Wir amüsieren uns zu Tode. Iglesia entwirft eine infantilisierte und künstliche Medienwelt, in der die Protagonisten nur noch triebgesteuert der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung nachjagen. Dazu verwebt er zahllose Handlungsstränge zu einem gewaltigen Story-Knäul und hastet mit seiner Kamera durch die engen Gänge des Fernsehstudios atemlos von Ereignis zu Ereignis. Weiterlesen

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Rezension: Dating Queen

DatingQueenPosterEs ist eine der offenkundigsten Trennlinien, die gesellschaftliche Bigotterie zwischen den Geschlechtern zieht: Die Promiskuität. Sie macht Männer zu stolzen Verführern, zu Casanovas und Don Juans, Frauen hingegen zu Gebrandmarkten mit scharlachrotem Buchstaben. Amy Schumer ist so etwas wie die menschgewordene Reaktion auf diesen Missstand. Der offene Umgang mit der eigenen Sexualität ist das zentrale Thema der Komödiantin. Je nach Blickwinkel sind ihre Stand Up-Programme und die Sketchshow Inside Amy plumpe Kalauer-Paraden oder subversive Beiträge zur Geschlechterdebatte. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Sicher ist nur: Provokation und Transgression sind fester Bestandteil ihrer Leinwand-Persönlichkeit. Es ist fast enttäuschend, dass sie in ihrer ersten Spielfilm-Hauptrolle nicht einmal diese Mehrdeutigkeit bietet, sondern vor allem eines: harmlose Belanglosigkeit.

Dating Queen (im Original: Trainwreck) erzählt von Amy, etwa Anfang 30. Die Komödie behauptet im weiteren Verlauf, sie wäre eine unkontrollierte Alkoholikerin und würde die Partner öfter wechseln als ihre Unterwäsche. Glaubhaft dargestellt wird das jedoch nur in wenigen Szenen: Etwa, wenn sie zu Beginn des Films nach einem alkoholisierten One-Night-Stand einen odysseischen Walk of Shame durch halb New York antreten muss. Weiterlesen

Rezension: Gefühlt Mitte Zwanzig

Gefuehlt_Mitte_Zwanzig_-_PlakatWir würden alle sofort von vorne anfangen. Auf den langen Kampf um das Erwachsenwerden folgt für manche heute unmittelbar die Midlife-Crisis. Konfrontiert mit den endlosen Abzweigungen moderner Lebensläufe, wiegen alle nicht gewählten unendlich schwer. Zumindest scheint es so – wem alles versprochen wurde, der lebt eine Existenz endloser Verfehlungen. Noah Baumbachs komödiantisches Drama Gefühlt Mitte Zwanzig beschreibt einen gesellschaftlichen Blick in den Rückspiegel und zeigt Figuren, die nur durch den Umweg über die Vergangenheit die Gegenwart begreifen und ertragen können.

Der New Yorker Regisseur versucht sich an zwei Generationenporträts zugleich: Wie er sich seine Altersgenossen vorstellt, schildert er anhand des Ehepaars Josh und Cornelia Schrebnick (Ben Stiller und Naomi Watts), die ewig gescholtenen Millennials geben Jamie und Darby Massey (Adam Driver und Amanda Seyfried). Josh ist Mitte Vierzig und Dokumentarfilmer, sein Leben scheint zu stagnieren: Sein Projekt über den Linksintellektuellen Ira Mandelstam (Peter Yarrow) ist auch nach acht Jahren noch nicht abgeschlossen. Seine Frau wünscht sich Kinder, doch wirklich bereit für Verantwortung und Gebundenheit fühlen sich beide nicht. In der ersten Szene des Films werden sie mit einem Baby konfrontiert, ihre Überforderung ist die erste von vielen eher misslungenen Pointen. Weiterlesen

Rezension: Men & Chicken

m500Die Brüder Gabriel und Elias trennen nur drei Jahre und doch Welten. Sie sind vielleicht nicht ganz Kain und Abel, nicht ganz Karl und Franz Moor, aber es teilt sie mehr, als sie verbindet. Gabriel ist zwar kein Erzengel, dafür aber immerhin Professor für Philosophie und Evolutionspsychologie, was ja auch nicht schlecht ist. Elias ist sicher kein Prophet, ohnehin ist er nicht viel. Ein Frauenheld, vielleicht. Sicher ein großer Anhänger von Masturbation und seinem Bruder, in dieser Reihenfolge. Der jedoch empfindet ihn als Last, schleppt ihn durchs Leben und verliert deshalb alle anderen Menschen am Wegesrand. Was klingt wie eine skandinavische Parodie auf Steinbecks Of Mice and Men, ist ungefähr das, nur die Kulisse des Verfalls ist eine andere. Natürlich bietet Men & Chicken von Anders Thomas Jensen mehr, gefällt sich aber vor allem in Schattierungen von Schwarz und Grau.

Der dänische Regisseur Anders Thomas Jensen (Adams Äpfel) sucht in seinen Filmen nach dem Menschlichen, nach dem Glauben und dem Familienzusammenhalt. Dafür stürzt er sich stets in Seelenabgründe und gräbt so tief, wie es ihm möglich ist – ob das Ergebnis Brunnen oder Höllenschlünde sind, ist oft erst auf den zweiten Blick ersichtlich. Weiterlesen

Rezension: Die Steuerfahnderin

tumblr_inline_mlubpl9c7d1qz4rgpRyōko Itakura ist eine Heldin, der auf den ersten Blick nichts Heroisches anhaftet. Sie ist pedantisch, präzise, manchmal gar gnadenlos. Mit ihrem Gesicht voller Sommersprossen ist sie sicher keine klassische Filmschönheit. Sie ist ein weiblicher Nerd, lebt in einer Welt aus Zahlen und begegnet Menschen oft berechnend: Subtrahiert, wen sie nicht mag; multipliziert ihre Talente mit denen ihrer Kollegen; teilt die Welt entlang von Gesetzen und Paragraphen. Über ihre Profession singt man keine Lieder, schreibt man keine Sagen, der Durchschnittsbürger blickt im besten Fall gleichgültig, meist jedoch eher verächtlich auf sie: Ryōko ist Steuerfahnderin.

Regisseur Jūzō Itami schafft mit ihr dennoch die wohl liebenswerteste, warmherzigste Bürokratenfigur der Filmgeschichte. Nicht nur, weil sie so wundervoll von seiner Ehefrau Nobuko Miyamoto verkörpert wird, kann er seine grenzenlose Zuneigung kaum verbergen. Dem Zuschauer geht es bald nicht anders: Ihr Schauspiel versöhnt Funktion und Mensch miteinander. Weiterlesen

Rezension: Kiss the Cook – So schmeckt das Leben

KissTheCockDas Schlimmste an alternden Regisseuren ist, dass sie ihre Midlife-Crisis in selbst geschaffenen fiktiven Welten ausleben können, in denen idealisierte Versionen ihrer selbst all jene Dinge tun und sagen, die den realen Vorbildern verwehrt geblieben sind. In diesem eitlen Kasperletheater schrumpft die böse, unbeherrschbare Welt auf einen Globus zusammen, der sich nur für sie dreht. Jon Favreau hat mit Kiss The Cook – So schmeckt das Leben einen Film über sich selbst gemacht; man merkt es nicht zuletzt daran, dass er die Hauptrolle spielt. Es ist die Art film à clef, für die sicher niemand einen Schlüssel braucht. Nach großen Studiofilmen sehnt sich Favreau jetzt wieder nach Authentizität und Ungebundenheit.

Genau nach der verlangt es auch seinen Leinwand-Zwilling Carl Casper, Chefkoch im kalifornischen Restaurant Gauloise. Das Geschäft boomt, Capser hat sich über das letzte Jahrzehnt ein ansehnliches Stammpublikum erarbeitet. Die Beziehung zu seinem Sohn Percy (Emjay Anthony) und seiner Ex-Frau (Sofía Vergara) könnte besser sein, immerhin spendet Kellnerin Molly (Scarlett Johansson) Trost. Doch die Routine ermattet ihn – statt originellen, frischen Kreationen erlaubt Besitzer Riva (vollkommen verschwendet: Dustin Hoffman) nur das Bewährte. Weiterlesen

Rezension: The Voices

Copyright: Verleih /Irgendetwas an Jerry Hickfang erscheint fremdartig und falsch. Vielleicht ist es der überzogene Enthusiasmus, mit dem er seiner eigentlich trivialen, zermürbenden Arbeit bei Milton Fixture & Faucet nachgeht. Niemand kann sich so für die Herstellung von Badewannen begeistern. Vielleicht liegt es daran, dass seine Antworten nie ganz zu den gestellten Fragen passen und er immer ein wenig in seiner eigenen Sphäre zu schweben scheint. Es könnte natürlich auch die Tatsache sein, dass er junge Frauen zerstückelt und ihre Köpfe in seinem Kühlschrank aufbewahrt. Es ist eine dieser Vorlieben, die man weder ins Onlinedating-Profil, noch in einen Lebenslauf schreiben sollte. Weiterlesen