Gierige Augen – Vom Wunsch, alles zu sehen

„Ich habe einen Schnelllesekurs gemacht und Krieg und Frieden in zwanzig Minuten gelesen. Es hat etwas mit Russland zu tun.“ Dieser Witz aus Woody Allens Zeit als Bühnenkomiker ist schon über fünfzig Jahre alt und persifliert dennoch treffend eine Haltung, die sich auch heute noch größter Beliebtheit erfreut, vielleicht sogar eine neue Qualität erreicht hat. Eine, die alles konsumieren, an allem teilhaben, alles be- und verurteilen will, sich aber jeder Auswahl verweigert, jede Form von Aufwand scheut und keinen Unterschied zwischen Landkarte und Welt mehr macht.

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Das Museum im Kino

Museen und Kinos sind die Tempel verschiedener Religionen, die denselben Gott verehren, ihn aber unterschiedlich benennen. Zwei Gebäude, die man aus ähnlichen und doch gänzlich verschiedenen Gründen besucht. Glaubt man ihren Namen, leben im einen Schutzgöttinnen der Künste, im anderen erfasste Bewegungen. Irgendwo in der Vergangenheit der Glaubensrichtungen liegt ein Schisma und heute bleiben nur die diversen Formen ökumenischer Messen, um eine Einheit zwischen ihnen zu erleben.

(Filmstill aus Francofonia; Copyright: Piffl Medien GmbH)

(Filmstill aus Francofonia; Copyright: Piffl Medien GmbH)

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Eine Frage der Zeit – Gibt es zu lange Filme?

Es gibt eine Theorie, der zufolge über die Hälfte des wahrgenommenen Lebens im Alter von sieben Jahren vorbei ist. Weil wir jeden wahrgenommenen Moment mit der Gesamtheit unseres bisherigen Lebens vergleichen, erscheint jeder neue Tag und jedes neue Jahr ein wenig kürzer als das vorhergehende. Der Designer Martin Kleinert hat diese Idee in einer interaktiven Grafik visualisiert. Sie zeigt: Zeitwahrnehmung ist etwas, das sich verändert und wandelt, vom Individuum und seinem Umfeld abhängt. Etwas zutiefst Subjektives also. Dennoch ist Zeit eine Kategorie, die in Filmvertrieb, -rezeption und -kritik oft mit ihrer physikalischen Einheit gleichgesetzt wird, objektiv und vergleichbar.

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Was Kunden wollen: Konsumenten-Kritik und Filme als Produkt

„Amazon möchte, dass Ihre Meinungen Gehör finden!“, heißt es auf der Seite des großen Onlineversandhauses. Wer würde sich nicht angesprochen fühlen: Wir alle wollen gehört werden, jederzeit, am besten zu jedem Thema. Im Internet trifft eine Gegenwartskultur mit dem brennenden Wunsch nach Teilhabe auf Anbieter, die nur zu gerne ihre eigenen Plattformen dafür zur Verfügung stellen.


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Tarsem Singh – Der Kurator

Manchen Filmemachern wird die Schönheit ihrer Bilder geradezu vorgeworfen, als wäre sie ein Ablenkungsmanöver und die Kinoleinwand lediglich eine Tapete, hinter der sich der wahre Film verbirgt.  So ist es wohl auch im Fall von Tarsem Singh, dessen fünfter Spielfilm (der Sci-Fi-Thriller Selfless – Der Fremde in mir ) ab dieser Woche auch in den deutschen Kinos zu sehen sein wird.

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Ein neues Genre? „Tokyo Tribe“ und Innovationen im Kino

Eigentlich müsste es mehr Musicals geben: „Alle Kunst strebt den Zustand der Musik an.“, erklärt der Kritiker Walter Pater in seinem Essay The School of Giorgione. Im Kino der Gegenwart verspürt man jedoch meist wenig von dieser speziellen Ausprägung des Anders-strebens. Wenn überhaupt, dann will der Film heute immer auch Serie sein, manchmal Videospiel, nur noch selten Theater, Roman oder eben Musik. Das bewegte Bild genügt sich selbst, was nicht unbedingt schlecht sein muss, aber auf Dauer ein wenig langweilt. Endlose Metaspielereien und Selbstreferenzen, die etwa in den Jump Street– oder den Marvel-Filmen eine kritische Masse erreichen, sind Ausdruck dieser cineastischen Stagflation. Hier findet das Kino nicht zu sich selbst, sondern jagt seinem eigenen Schwanz nach.

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Rezension: The Kingdom of Dreams and Madness

kingdom_of_dreams_and_madness_hugeJeder Ort kann eine Kirche sein, aber auch eine Grabkapelle. Entscheidend ist nur, was die Leute dort denken, fühlen und glauben. Wenn die Kamera ehrfürchtig durch die Räumlichkeiten von Studio Ghibli fährt, dann verspürt man beides. Anfang und Ende liegen in der Luft. Licht flutet durch Buntglasfenster und geöffnete Türen, die Natur scheint so nah wie im urbanisierten Japan nur selten. Es ist die Heimat geschäftiger Menschen, schließlich handelt es sich um Büro, Verwaltungsapparat und Arbeitsfläche. Doch auch eine Katze lebt dort, sie heißt Ushiko. The Kingdom of Dreams and Madness nennt Regisseurin Mami Sunada die Räumlichkeiten des Animations-Studios, vor allem aber die Gedankensphären, die sie durchfließen. Weil jedes Königreich nach einem Regenten verlang, ist alsbald auch die Hauptfigur ihres Dokumentarfilms über Japans bestes, einflussreichstes Animationsstudio gefunden: Hayao Miyazaki.

Aber was für ein König war und ist der mittlerweile (endgültig?) im Ruhestand befindliche Filmemacher? Hört man seinen schwermütigen, oft gar fatalistischen Schilderungen und Weisheiten zu, so möchte man zuerst meinen: Ein König Lear. Denn in Sunadas Dokumentation geht es vor allem um Vermächtnisse, um den Geist einer alten Generation und den andersartigen einer Neuen, um die Hoffnung auf Veränderung und die Grenzen des Idealismus. Weiterlesen