Gayby Baby

Was Kinder von ihren Eltern erben, geht weit über die reine Genetik hinaus. Der australische Dokumentarfilm Gayby Baby von Maya Newell begleitet ein halbes Jahr lang vier Kinder, die mit gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen. Dabei wird vor allem deutlich, wie die Gesellschaft um sie herum auch ihnen den Außenseiterstatus und die Lasten ihrer Eltern aufbürdet. Ihr Leben ist gleichzeitig Politikum und gewöhnliche Kindheit, vereint strahlende Symbolkraft und banalen Alltag. Dieses Spannungsfeld bildet auch Newell mit ihrem Film ab, der etwas unsicher zwischen der „reinen Darstellung“ und der Interpretation des Dokumentierten schwankt.

© Rise and Shine Cinema

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Filme, die keine sein dürfen: Jafar Panahi und Kino als Identität

Was ist ein Filmemacher, der keine Filme mehr machen darf? Wäre er eine Maschine, die Antwort wäre leicht: Ein Rasenmäher beispielsweise, der nicht mehr Rasen mähen kann, ist Schrott. Er wird entsorgt und ersetzt. Bei Menschen ist die Sache natürlich komplizierter. Sie sind mehr als Name und Funktion. Doch auch für sie sind Arbeit und Identität deutlich erkennbar miteinander verbunden. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum repressive Regime unbequeme Künstler so gerne mit Arbeitsverboten belegen: Sie hoffen, damit nicht nur ihr Schaffen zu unterbinden, sondern sich des gegenläufigen Lebensmodells zu entledigen, das in ihren Werken liegt.

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Rezension: Wenn der Wind singt / Pinball 1973

wenn_der_wind_singt_pinball_1973Vielleicht sind ja alle Dinge ihre Herkunft. Jede Religion hat ihre Genesis, jedes Start-Up seinen Gründungsmythos und jeder Superheld seine Origin Story. Menschen mögen den Blick auf die Herkunft und einfache Kausalitäten. Gott sagt „Es werde Licht“, also ist Licht. Newton fällt ein Apfel auf den Kopf, also Schwerkraft. Peter Parker wird von radioaktiver Spinne gebissen, ergo Spider-Man. Nun werden auch die Ursprünge des international wohl populärsten japanischen Autors der Gegenwart näher beleuchtet, die von Haruki Murakami. Im Dumont-Verlag sind gerade erstmals seine Debütromane in deutscher Übersetzung von Ursula Gräfe erschienen; in einem Sammelband, versehen mit einem kurzen Vorwort.

Murakamis „Origin Story“ ist zunächst einmal bekannt: Nach dem Universitätsabschluss eröffnet er eine Jazz-Bar und lebt, liebt und liest. An einem sonnigen Tag hat er bei einem Baseball-Spiel eine Epiphanie und beschließt, einen Roman zu schreiben – der Baseball muss ihm nicht einmal auf den Kopf fallen. Weiterlesen

Rezension: From What is Before

FromwhatisbeforeManche Wunden dürfen nicht verheilen, weil ihr Schmerz vor neuen Fehlern warnt. Mit From What is Before setzt Slow Cinema-Regisseur Lav Diaz mit seiner Klinge erneut tief unter der Haut der philippinischen Vergangenheit an. Er widmet sich der Marcos-Diktatur, dem verheerenden Jahr 1972 und den Schrecken, die folgen sollten. „This story is the memory of a cataclysm. This story is the memory of my country.“ erklärt Diaz‘ Stimme aus dem Off. Das Publikum wird zum Schlachter getrieben. Doch selbst der Gnadenstoß wird ihm verwehrt – es wird qualvoll ausgeblutet.

Selbst der Regen, der ohne Unterlass vom Himmel fällt, könnte ebenso gut Blut sein. Er kommt wie ein unheilvolles Omen über ein einzelnes Barrio, dass Diaz als Stellvertreter für den ganzen Inselstaat auswählt. Weiterlesen

Rezension: Leviathan

Leviafan-US-PosterTosende Wellen donnern gegen eine trostlose und zerklüftete Küste, so wie Umstürzler gegen uneinnehmbare Festungsmauern. Sie umspülen Schiffswracks, die letzten Überreste einer vergangenen Zeit. Es ist ein totes Land; Andrey Zvyagintsevs Russland ist der Kadaver einer Idee, das Gerippe eines gestrandeten Wales. Nur noch bewohnt von Destruenten, die sich um das letzte Aas streiten, ansonsten erfüllt von Leere und dem fernen Nachklingen besserer Epochen. Ein verendeter Leviathan. Zu dieser topographischen Untergangsstimmung mischt sich noch musikalische Apokalyptik: Das Präludium von Philip Glass‘ Akhnaten. Die Oper über den ägyptischen König Echnaton ist düster, sperrig und von fast alttestamentarischem Ingrimm – es ist die perfekte Untermalung für Zvyagintsevs Film. Weiterlesen