Flucht nach vorne – Das Kino des Sion Sono

Alles beginnt in der Heimat, die keine ist. Jede Geschichte im unaufhörlich expandierenden Filmuniversum des japanischen Regisseurs Sion Sono findet ihren Ursprung an Orten und in Zuständen, die ein Zuhause sein sollten, aber keines sind und auch nie mehr eines werden. Entweder sind seine Welten das Ergebnis einer vergangenen Kalamität (wie etwa in The Whispering Star) oder sie stellen selbst eine dar.

(Filmstill aus The Whispering Star; Copyright: Rapid Eye Movies)

(Filmstill aus The Whispering Star; Copyright: Rapid Eye Movies)

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Rezension: Hitchcock/Truffaut

hitchcock-truffaut-posterZwei Ziegen fressen die Rollen eines Films, der auf einem Bestseller basiert. Sagt die eine zu der anderen: „Das Buch war mir lieber“. Genau diesen Witz erzählte Alfred Hitchcock seinem Kollegen François Truffaut, als sie für dessen Interview-Buch Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? über die Literaturverfilmung Rebecca sprechen. Die Kernaussage: Jede Adaption muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie überhaupt eine Daseinsberechtigung besitzt. Geht beim Übergang nicht unweigerlich das Wesen des Originals verloren? Mit dem Dokumentarfilm Hitchcock/Truffaut hat Kent Jones nun Truffauts Buch adaptiert, erzählt gleichzeitig aber auch die Geschichte seiner Entstehung nach. Auch er muss sich die Frage gefallen lassen: Wozu?

Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?  zählt zu den wenigen wirklich essenziellen Texten für Regisseure und Cineasten. Das aus tagelangen Gesprächen zusammengetragene Interview ist ein filmjournalistisches Meisterstück, über das im französischen Filmjournal L’Aurore nicht zu Unrecht geschrieben wurde, es ersetze vier Semester Filmhochschule. Auf anschauliche und unterhaltsame Weise durchstreifen die beiden Gesprächspartner Hitchcocks Laufbahn, Film für Film. Nahezu das gesamte Werk wird kritisch beäugt, analysiert und mit unterhaltsamen Anekdoten kommentiert. Zur Zeit des Gesprächs war Truffaut gerade einmal 30 Jahre alt, in Hitchcock hatte er fast so etwas wie eine Vaterfigur gefunden. Vor allem die Dynamik zwischen dem jungen Franzosen und dem erfahrenen Briten ist es, die immer neue Blickwinkel eröffnet und faszinierende Erkenntnisse über Hitchcocks Filme im Speziellen und das Kino im Allgemeinen hervorbringt. Weiterlesen

Clint Eastwood – Schuld und Sühne in Amerika

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Das Selbstverständnis jedes Regisseurs findet sich in seinen Bildern wieder. Wenn Clint Eastwood sich in Erbarmungslos gegen das schwache Licht der aufgehenden Sonne filmen lässt, dann wird aus dem einsamen Cowboy Will Munny ein Schatten. Eine mythische Gestalt, die mehr Idee als Mensch ist. Munny reitet hier aber nicht, wie für Westernhelden üblich, in den Sonnenuntergang, sondern hebt ein Grab für seine verstorbene Frau aus. In einer Szene erklärt er: „Jemanden zu töten ist eine schlimme Sache. Du löscht alles aus, was er war und je hätte sein können.“ Chris Kyle, Scharfschütze der Navy-SEALs und Hauptfigur von Eastwoods neuestem Film American Sniper  hat es auf über 160 bestätigte Abschüsse gebracht, hat über 160 Mal ausgelöscht. Genau wie bei Munny waren unter seinen Opfern Frauen und Kinder.Doch irgendwo in den zwei Dekaden, die zwischen diesen Filmen vergangenen sind, muss etwas geschehen sein. Eastwoods Haltung zu Munny war eine andere als die zu Kyle. Weiterlesen