Filmfestival San Sebastian 2015: Vordergründige Schwächen und verborgene Perlen

Für die Pilger auf dem Jakobsweg mag San Sebastian nur ein Zwischenstopp sein, für Cineasten aus aller Welt ist die Stadt im Baskenland der Wallfahrtsort der Wahl. Viele der Spielstätten des Festival Internacional de cine de San Sebastián, das vom 18. bis zum 26. September zum 63. Mal veranstaltet wurde, erinnern an Gotteshäuser: Das Victoria-Eugenia-Theater im opulenten Neorenaissance-Stil gleicht einer Kathedrale, das Teatro Principal einer dezenten Kapelle und der große Menschenmassen fassende Kursaal einer amerikanischen Megachurch. In der Altstadt von Donostia stehen die Kino-Tempel unmittelbar neben den tatsächlichen. Angesichts dieses klerikalen Charakters erscheint es fast ironisch, dass das diesjährige Motto des Filmfestivals ausgerechnet von Galileo Galilei stammen soll: „Und sie dreht sich doch!“.

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Rezension: Evolution

evolution„Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht!“, heißt es in der Schöpfungsgeschichte. Die Evolution gilt zwar allgemein als Gegenmodel zur biblischen Lehre, doch auch Lucile Hadzihalilovics Horror-Drama Evolution beginnt auf ähnliche Weise: Licht schlägt auf die Meeresoberfläche und es entsteht das Bild eines gewaltigen, göttlichen Auges, das von der Leinwand herabblickt. Das Auge – das Sehen und Erkennen – durchzieht den Film wie ein Leitmotiv.

Er beginnt sogar schon mit einer Entdeckung: In einem Meer, so lebendig wie die prähistorische Ursuppe, entdeckt der junge Nicolas (Max Brebant) die Leiche eines Altersgenossen. Es ist ein Fund, wie man ihn aus David Lynchs Blue Velvet kennt – einer, der die Welt entzaubert und als eine Fassade entlarvt. Der Junge lebt in einer außergewöhnlichen Kommune; eine Art verlassenes Fischerdorf, das nur von erwachsenen Frauen und kleinen Jungen bewohnt wird. Ob es irgendwo auf der Erde erwachsene Männer oder Mädchen gibt, ist ungewiss. Es ist ein medizinisches Matriarchat. Nicolas und seine Freunde bekommen von den Frauen mit leeren, andersartigen Gesichtszügen merkwürdige Medikamente verabreicht, deren Wirkung sie nicht kennen. Statt gewöhnlicher Nahrung werden ihnen Schlamm und Würmer vorgesetzt. Oder sind es etwa doch Nudeln in Soße? Weiterlesen

Rezension: The Here After

The_Here_After_posterDer Eingangsbereich der Jugendstrafanstalt gleicht durch seine zwei massiven Türen der Luftschleuse einer Raumstation. Tatsächlich muss sich John (Ulrik Munther) wie ein Wesen von einem fremden Planeten fühlen, als er zwei Jahre nach dem Mord an einer Mitschülerin wieder in sein Heimatdorf zurückkehrt. Die Nachbarn halten Abstand, viele Klassenkameraden, sogar sein ehemals bester Freund Kim, begegnen ihm offen feindselig. Ob die Gefängnistore die Welt vor ihm beschützt haben oder es anders herum war, ist unklar, denn schon bald beginnt die Situation zu eskalieren. Somit stellt der schwedische Regisseur Magnus von Horn mit seinem Debütfilm The Here After die Frage, ob manche Verbrechen jemals wirklich vergeben werden können.

Das kühle, minimalistische Drama erzählt seine Geschichte in ganz allmählich immer höher schlagenden Wellen von zuvor unterdrückten Emotionen, die sich plötzlich ihre Bahnen brechen. In der ersten Hälfte des Films betont von Horn das Unausgesprochene und Unsichtbare. Immerzu hält er wichtige Informationen im Off, jedes Bild scheint eine Leerstelle in sich zu tragen. Oft wird durch Fenster oder Glastüren gefilmt und die Dialoge sind nur gedämpft zu hören. Sie sind vage, kommunizieren wenig. Weiterlesen

Rezension: Sparrows

SparrowsDas Leben als Teil einer Dorfjugend hat etwas erstaunlich Universelles. Wo auch immer Heranwachsende in einem Umfeld aufwachsen, in dem es für sie keinen wirklichen Platz oder nur wenig zu tun gibt, fliehen sie vor der von Erwachsenen geschaffenen Welt. Es zieht sie zu Drogen, Alkohol und Sex, vor allem aber zueinander. Von dieser adoleszenten Parallelwelt erzählt Rúnar Rúnarssons zweiter Film Sparrows.

Teenager Ari (Atli Oskar Fjalarsson, Jitters – Schmetterlinge im Bauch) schien der Einöde seiner kleinen, provinziellen Heimatstadt eigentlich schon längst entkommen. Doch als seine abenteuerlustige Mutter mit ihrem neuen Freund auf Afrikareise geht, muss er das weltoffene Reykjavik widerwillig verlassen und zu seinem alkoholkranken Vater Gunnar (Ingvar Eggert Sigurðsson, Metalhead) zurück ziehen.

Doch den Heimgekehrten erwartet mehr als nur sein Vater, harte Arbeit, die liebevolle Großmutter und das alte Zimmer: Auch Jugendfreundin Lára (Rakel Björk Björnsdóttir) begrüßt ihn mit offenen Armen. Selbst nach den langen Jahren der Trennung verbindet die beiden noch vieles, vielleicht ist es sogar Liebe. Doch Aris Wiedersehensfreude verfliegt schnell, als er ihren gewalttätigen und eifersüchtigen Freund kennenlernt. Immerhin schließt er bald neue Freundschaften, mit denen er das trostlose Leben zwischen Fjorden und zerklüfteten Berglandschaften etwas fröhlicher gestalten kann. Weiterlesen

Rezension: Hitchcock/Truffaut

hitchcock-truffaut-posterZwei Ziegen fressen die Rollen eines Films, der auf einem Bestseller basiert. Sagt die eine zu der anderen: „Das Buch war mir lieber“. Genau diesen Witz erzählte Alfred Hitchcock seinem Kollegen François Truffaut, als sie für dessen Interview-Buch Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? über die Literaturverfilmung Rebecca sprechen. Die Kernaussage: Jede Adaption muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie überhaupt eine Daseinsberechtigung besitzt. Geht beim Übergang nicht unweigerlich das Wesen des Originals verloren? Mit dem Dokumentarfilm Hitchcock/Truffaut hat Kent Jones nun Truffauts Buch adaptiert, erzählt gleichzeitig aber auch die Geschichte seiner Entstehung nach. Auch er muss sich die Frage gefallen lassen: Wozu?

Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?  zählt zu den wenigen wirklich essenziellen Texten für Regisseure und Cineasten. Das aus tagelangen Gesprächen zusammengetragene Interview ist ein filmjournalistisches Meisterstück, über das im französischen Filmjournal L’Aurore nicht zu Unrecht geschrieben wurde, es ersetze vier Semester Filmhochschule. Auf anschauliche und unterhaltsame Weise durchstreifen die beiden Gesprächspartner Hitchcocks Laufbahn, Film für Film. Nahezu das gesamte Werk wird kritisch beäugt, analysiert und mit unterhaltsamen Anekdoten kommentiert. Zur Zeit des Gesprächs war Truffaut gerade einmal 30 Jahre alt, in Hitchcock hatte er fast so etwas wie eine Vaterfigur gefunden. Vor allem die Dynamik zwischen dem jungen Franzosen und dem erfahrenen Briten ist es, die immer neue Blickwinkel eröffnet und faszinierende Erkenntnisse über Hitchcocks Filme im Speziellen und das Kino im Allgemeinen hervorbringt. Weiterlesen

Rezension: The Boy and the Beast

boy-and-the-beast-movie-poster-1Mamoru Hosoda ist ein überaus begabter Regisseur, der sich manchmal selbst im Weg steht. Seit mehr als fünfzehn Jahren kreiert er herzerwärmende, detailverliebte Animationsfilme von großer Imaginationskraft, welche auf originelle Weise alltägliche Erfahrungen und Fantastik miteinander verschmelzen lassen. Mittels Zauberwesen und Magie drückt er die inneren Verwandlungen im Leben von Heranwachsenden aus, wie nur wenige es vermögen. Und doch: Ob Das Mädchen, das durch die Zeit sprang, Summer Wars oder Aki und Mami – Die Wolfskinder – alle seine Filme streifen immer wieder kurz die Brillanz, nur um letztendlich doch auf die eine oder andere Art zu enttäuschen. Sein neuster Film The Boy and the Beast stellt dabei leider keine Ausnahme dar, ist aber dennoch ein bemerkenswertes Stück Anime-Kino.

Alles beginnt als eine Art Märchenerzählung: Neben der Welt der Menschen, so erklärt es der kurze Prolog, existiert auch eine der Bestien. Weil der dort herrschende Großmeister kurz davor steht, als Gott wiedergeboren zu werden, gilt es einen Neuen auszuwählen. Zwei Kandidaten kommen in Frage: Der beim Volk beliebte, überaus disziplinierte Eber Iozen und der bärbeißige Einzelgänger Kumatetsu. Letzterer ist zwar bereits ein erfahrener und starker Kämpfer, es fehlt ihm jedoch an Selbstbeherrschung und Empathie. Der Meister rät ihm, einen Schüler aufzunehmen, um seine Fähigkeiten weiterzugeben. Weiterlesen

Rezension: High-Rise

HIGH_RISESeit der globalen Banken- und Finanzkrise sucht das Kino nach Bildern, um dem Wahnsinn des modernen Kapitalismus gerecht zu werden. Der Ansatz des britischen Regisseurs Ben Wheatley, bisher vor allem bekannt für kleine, schmutzige Genrefilme wie Sightseers oder den Fiebertraum A Field in England, ist ein anderer: Er will ungerecht sein. High Rise ist weniger eine Adaption von J. G. Ballards gleichnamigem dystopischem Roman, als vielmehr ein wilder Konfettiregen der zerfetzten Seiten. Zum ersten Mal in seiner Laufbahn fährt Wheatley wirklich schwere Geschütze auf und kreiert eine Abrissbirne gegen den doppelten Brutalismus der Gegenwart.

Paradoxerweise reist er dazu in die Vergangenheit. Genauer: Ins Jahr 1975, in dem auch Ballards Roman erschien. Nach einem schweren Schicksalsschlag sucht der junge, wohlhabende Doktor Robert Laing (Tom Hiddleston) eine Möglichkeit, neu anzufangen. Er zieht in eines der gewaltigen Wohngebäude außerhalb Londons, die der berühmte Architekt Anthony Royal (Jeremy Irons) geschaffen hat, um einer kleinen Gemeinde von Bessergestellten ein ruhiges, quasi autarkes Leben zu ermöglichen. Wer in dieser Gated Community residiert, kann auf den Rest der Welt eigentlich verzichten: Es gibt Fitness-Studios, ein Schwimmbad und sogar einen eigenen Supermarkt. Weiterlesen