The Hateful Eight: Kriegserklärung an die Geschichte

Eigentlich hätte es Quentin Tarantino schon viel früher in die Kälte ziehen müssen. Pistolen und Worte waren in seinen Filmen immer gleichermaßen Waffen. Wenn nun in The Hateful Eight kondensierter Atem und Pulverdampf gleichberechtigt nebeneinander in der Luft liegen, dann ist der Regisseur endlich ganz bei sich selbst. Wo die Kampfwerkzeuge seines Kinos in Inglorious Basterds und Django Unchained zuletzt noch gegen die großen Monstren der Geschichte gerichtet wurden, gegen Nazis und Sklavenhalter, zeichnet er nunmehr ein neues Feindbild: Die Geschichte selbst; zumindest aber das, was wir dafür halten.

© Universum Film GmbH

© Universum Film GmbH

Weiterlesen

Advertisements

Rezension: Lost River

lostriverDie verfallende Stadt Lost River wurde nach der Zerstörung eines Staudamms nicht nur von Wassermassen überschwemmt, sondern scheinbar auch von Zeichen und Symbolen. Die urbanen Ruinen sind die Leinwandentsprechung von Detroit, Fiktion und Realität evozieren gemeinsam die Schrecken der Finanzkrise und den Niedergang der USA. In diesem annähernd postapokalyptischen Alptraum kämpfen von der Zivilisation Verlassene um das Dasein. Dabei scheinen sie keine Menschen, sondern Metaphern-Maschinen zu sein. Durch ihre Adern fließt kein Blut, sondern Semiotik. Weiterlesen

Rezension: The Gunman

Copyright: StudioCanal DeutschlandManchmal gibt es tatsächlich so etwas wie Wahrheit in Werbung: Pierre Morels Actionthriller The Gunman enthält sogar gleich mehrere Gewehre, eine Vielzahl von Männern, sowie beides in Kombination. Einer dieser Männer mit Gewehren ist Jim Terrier (Sean Penn), Mitarbeiter einer international agierenden Sicherheitsfirma. Von seinen Auftraggebern wird er in der Demokratischen Republik Kongo stationiert, um den Bergbauminister des Landes zu töten. Zur Tarnung geben er und seine Waffenbrüder vor, als Sicherheitspersonal eine Baustelle zu bewachen. Während er auf grünes Licht wartet, verliebt er sich in die junge Ärztin Annie (Jasmine Trinca), ganz zum Missfallen ihres ebenfalls nicht abgeneigten Kollegen Felix (Javier Bardem). Kurz vor dem Attentat erfährt Terrier, dass der Schütze für längere Zeit den Kontinent verlassen muss, und natürlich fällt das Los auf ihn. Nach dem Anschlag versinkt die Nation in Chaos und Gewalt.

Weiterlesen

Rezension: Enemy

enemy-posterDie Figur des Doppelgängers hat  eine reiche Tradition in Film- und Kulturgeschichte. Das menschliche Ringen mit sich selbst auf eine anthropomorphische, sogar physikalische Dimension zu übertragen, kann ein wertvolles Werkzeug sein, um Neues und Verborgenes über die Conditio humana aufzuzeigen.  Freud sprach vom „verdrängten Teil im Ich“. Dr. Jekyll und Mr. Hyde sind noch heute ein populäres Bild für die Dualität des Menschen, für seine Abgründe. Autoren wie Kafka oder Dostojewski konnten so ihre Selbstentfremdung ausdrücken. Regisseure wie Tarkowski (Solaris) oder Hitchcock (Vertigo) stiegen durch diese Figur so tief in die menschliche Psyche ein, wie es sonst nur wenige in der Filmgeschichte vermochten. Nun versucht sich auch Denis Villeneuve (Prisoners, Incendies) an der Thematik – und scheitert kläglich. Was er mit seinem neusten Film, Enemy, darbietet, ist ein erbärmlicher Witz.

Weiterlesen

Kurzrezensionen: Shame; Stoker

poster_stoker_03Stoker (2013):   India Stoker (gespielt von Mia Wasikowska) hat einen besonderen Blick auf die Welt; wenn das Modell im Kunstunterricht eine Blume ist, zeichnet sie das Motiv auf der Innenseite der Vase. Die junge Intellektuelle verliert ihren Vater bei einem Autounfall, Mutter Evelyn (Nicole Kidman) leidet unter psychischen Problemen und vermag wenig Trost zu spenden. Das ruhige, isolierte Leben im Anwesen der Familie endet schlagartig, als Indias Onkel Charles (Matthew Goode), von dem sie bis dahin nicht einmal wusste, dass er existiert, auftaucht. Schnell erkennt sie, dass dieser düstere Motive besitzt – sie fühlt sich jedoch eher angezogen als abgeschreckt. Weiterlesen

Rezension: Welcome to the Punch

Im Film gibt es von jeder Stadt mindestens zwei Versionen, und so auch von London: Entweder das alte, verwinkelte London aus Backsteinen und Königshäusern, Schauplatz von Geschichten von Charles Dickens und Shakespear. Oder eben, wie auch in Eran Creevys zweiter Regiearbeit Welcome to the Punch, das neue London. Ein kalter Ort aus Stahl und Glas, monochrom und artifiziell. Das London der Elite, Hauptstadt des europäischen Finanzwesens. In diesem London werden wir Zeuge einer modernen Variante der Moby Dick-Geschichte: Der junger Polizist Max Lewinsky (James McAvoy) ist auf der Jagd nach Räuber Jacob Sternwood (Mark Strong). Dieser hat ihn, nach einem Raub, auf der Flucht am Bein verletzt – Max ist nachhaltig gezeichnet.

Die Jagd bleibt über Jahre erfolglos und wird fast aufgegeben, bis der mittlerweile im isländischen Exil lebende Jacob nach England zurückkehrt. Grund ist der Tod seines Sohnes, welcher in ominöse Geschäfte verwickelt war. Was als Duell und Jagd zwischen zwei Kontrahenten beginnt wird schnell deutlich mehr, als Max und Jacob feststellen, dass sie beide nur Spielball höherer Mächte sind.

Was nach gewohnter Thriller-Kost klingt, ist genau dass:  Welcome to the Punch ist ein stilvoller, stellenweise aber sehr schematischer Spannungsfilm. Das Drehbuch ist dominiert von, zugegeben schön inszenierten, Actionszenen. Diese sind deutlich inspiriert von Guy Ritchie und bestehen vor allem aus Aufnahmen in Zeitlupe. Damit ist die Bildsprache zwar nie wirklich eigenständig, nett anzusehen ist das Ganze aber allemal. Bereits die Einstiegssequenz im menschenleeren, nächtlichen London weiß zu überzeugen; die Bilder wirken unwirklich, fast traumartig. Weitflächige Aufnahmen und der „Anschnitt“ von Gebäuden fügen sich gut in das sehr klinisch-künstliche Gesamtbild ein. Als Folge dieser stellenweise fast übertriebenen Stilisierung wirken die Schauplätze, wie etwa das namensgebende „Punch“-Containerlager,  mit ihren sehr homogenen, bläulichen Lichtstimmungen leider oft etwas irreal und seelenlos.

Dies gilt leider auch für die meisten Darsteller, die sich in ihnen bewegen. James McAlvoy wirkt sympathisch, kann seinem Charakter aber, trotz entsprechender Vorzeichen, keine wirkliche Tiefe verleihen. Statt einem verbitterten, traumatisierten Ahab bekommt der Zuschauer einen blassen Max Mustermann (oder eben Lewinsky). Mark Strong gibt einen etwas beliebigen Bösewicht ohne klare Motivationen ab, auch David Morissey (zuletzt als Schurke in der AMC-Serie The Walking Dead zu sehen) als Polizeichef Geiger oder Dannielle Brent als Reporterin wissen nicht zu überzeugen. So verschmelzen die Charaktere mit den düsteren Kulissen und verschwinden im Hintergrund.

Die Handlung, die solide beginnt, fällt immer stärker ab je näher sie in Richtung Finale eilt. Gerade die Auflösung der obligatorischen Verschwörung bis in höchste Kreise wirkt einfallslos und vorhersehbar, die Stimmung erinnert an ein wenig an Film Noir-Light. Die Einbettung in einen politischen Rahmen wirkt forciert, die Motivationen der Drahtzieher wenig überzeugend.  Zudem schaffen Regie und Schnitt selten, Zeit und Raum wirklich stringent wirken zu lassen; gelegentlich kommt man zu dem Eindruck, es könnte eine Filmrolle fehlen, wünscht sich Szenen würden länger dauern und Schauspielern und Szenerie würde etwas mehr Raum gegeben.

Mit Welcome to the Punch zeigt Eran Creevy Potential, durch Schwächen im Drehbuch und einige handwerkliche Probleme bleibt seine Jagd nach Bestform und einem wirklich gelungenen Film wie die Jagd Ahabs nach seinem weißen Wahl. Hoffen wir, das Creevy in Zukunft mehr Erfolg hat.